Über den kritischen Humanismus

Gero Jenner schreibt in seinem Artikel mit einer Übersetzung ins Englische “ Auf der Suche nach Sinn und Ziel der Geschichte – für einen Kritischen Humanismus „

Nach dem letzten Krieg, der Europa zerfleischte und die ganze Welt in den Strudel der Zerstörungen zog, gerieten rassistische Theorien zunehmend in Misskredit. Erst gewann die Forschung neue Erkenntnisse, danach folgten ihr immer größere Teile der öffentlichen Meinung. Der andere Mensch, d.h. die Mitbewohner auf unserem Globus, wurden nicht länger danach eingeteilt und bewertet, ob sie „rassisch“ unterlegen oder gar minderwertig seien. Das „Überleben der Tüchtigsten“ (survival of the fittest) wurde nicht länger als das Entwicklungsziel des Menschen gesehen, welches einer künftigen Herrenrasse auf Kosten aller anderen das Feld an der Spitze sichert. Unwiderleglich konnte die Forschung beweisen, dass der Rassismus auf bloßer Fiktion beruht. Seit mindestens 50 000 Jahren repräsentiert Homo sapiens dank gleich entwickelter körperlicher wie geistiger Fähigkeiten denselben Menschentyp überall auf der Welt, gleichgültig ob wir ihm mit leicht abgewandelten äußeren Merkmalen in China, Australien oder Grönland begegnen.

Dadurch ist die Einheitdes Menschen zum ersten Mal in der menschlichen Geschichte zur unumstößlichen Gewissheit geworden; das ist umso bemerkenswerter als der Rassismus – auch und gerade in seiner wissenschaftlichen Form – noch bis in die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts überall in Ansehen und Geltung war. Der Kolonialismus wie überhaupt die meisten Kriege in der Vergangenheit setzten ja immer schon voraus, dass der Feind in irgendeiner Hinsicht unvergleichlich niedriger als die Angehörigen des eigenen Stammes, der eigenen Nation, des eigenen Volks ständen.

            Moderne Forschungen an der genetischen Ausstattung des Menschen haben diese Anschauungen widerlegt. Die genetische Ähnlichkeit zwischenden Ethnien, zum Beispiel den Chinesen, den Schwarzen, den Europäern, ist weit größer als die genetische Ähnlichkeit der Menschen innerhalbdieser einzelnen Gruppen. Aber auch die immer tiefer reichende Exploration der konkreten Lebensbedingungen früherer Generationen bis hin zu den ältesten Epochen der Jäger und Sammler trug dazu bei, die trennenden Schranken einzureißen. Um zu überleben, mussten sich Menschen zu allen Zeiten gegenüber den Zwängen der Natur und gegenüber anderen Menschen behaupten – und sie taten es während ihrer ganzen Geschichte mit ähnlicher Intelligenz und gleich großem Erfolg. Aus diesem Grunde ist Sapiens zur alleinherrschenden Spezies auf dem Planeten geworden, die – außer sich selbst – keinen anderen Feind mehr neben sich duldet.

            In diesem Bild fehlt allerdings ein wesentlicher, ja, sogar der entscheidende Teil: Seltsamerweise hat der Mensch als moralisches Wesen in ihm keinen Platz. Die Einheit seiner motorischen Fähigkeiten, seiner Intelligenz, seines Sprachvermögens wird heute von ernstzunehmenden Denkern nicht länger bestritten, aber wenn von dem Menschen als moralischem Wesendie Rede ist, dann scheint dieses Bild schlagartig in Tausende von disparaten Teilen zerfallen. Dann sieht es im Gegenteil ganz so aus, als müssten wir uns zu einem uneingeschränkten Relativismus bekennen.

Und es sprechen ja auch einleuchtende Argumente für eine derartige Anschauung. Welcher gemeinsame moralische Sinn, so drängt sich die Frage auf, verbindet den früher täglich praktizierten Kannibalismus der Stämme Neuguineas mit der Empathie, welche ein moderner Europäer mit Migranten aus aller Welt empfindet? Welche Brücke führt von dieser uns heute so selbstverständlichen Empathie zu der gerade erwähnten, bis um die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts in Wissenschaft und Öffentlichkeit vorherrschenden Auffassung von Herrenrassen, die das Recht hätten, sich gegen die Schwächeren in aller Welt durchzusetzen? Oder wo liegt der gemeinsame Sinn zwischen den Schädeltürmen Tamerlans und Hitlers Vergasungskammern auf der einen Seite und jenen Zeitgenossen, welche sogar Rechte für unsere tierischen Mitbewohner verlangen? Was führt von der absoluten Herrschaft vergöttlichter Menschen im Zweistromland und Ägypten zur Demokratie in der Bundesrepublik Deutschland? Wo liegt das gemeinsame moralische Fundament, auf der Jahrtausende hindurch die Unterdrückung der Frau begründet wurde, während sie in unserer Zeit zumindest theoretisch dem Mann gleichberechtigt zur Seite steht? Oder welches gemeinsame moralische Wollen liegt in den separatistischen Bestrebungen Kataloniens und der Ausweitung der Europäischen Union?

            Auf den ersten Blick scheinen solche Gegensätze unüberbrückbar. Wenn sie es tatsächlich wären, hätten wir allerdings mit einschneidenden Konsequenzen zu rechnen. Im Hinblick auf unsere intellektuellen Fähigkeiten würden wir zwar von einem gemeinsamen Menschsein sprechen, aber diese Erkenntnis würde uns die Anderenkeineswegs näherbringen. Die Einsicht in die Einheit des Menschen war doch gerade dazu gedacht, den Rassismus zu widerlegen, der immer auf Werturteilen beruht. Gehen wir dagegen von einem moralischen Relativismus aus, weil die Akteure der Geschichte angeblich aus grundverschiedenen moralischen Antrieben handeln und daher notwendig in ewigem Konflikt miteinander stehen, dann haben wir den Rassismus durch die Hintertür wieder eingeführt. Dann haben wir ihm indirekt sogar neuerlich unseren Segen erteilt. Oder ist es nicht etwa ganz natürlich und eigentlich selbstverständlich, dass Menschen, die keinerlei moralische Gemeinsamkeit miteinander verbindet, jederzeit aus grundverschiedenen Interessen in äußersten Gegensatz zueinander geraten? Um einen modernen Vergleich zu gebrauchen, hätten wir die Welt von 50 000 vor Christus bis in die heutige Gegenwart mit Robotern bevölkert, deren eingebaute Chips im Schnitt zwar auf sämtlichen Kontinenten die gleiche Rechenleistung aufweisen – insofern gelten sie uns als ebenbürtig und gleichberechtigt. Nur leider wurden diese Roboter überall mit radikal anderen Wertvorstellungen programmiert, sodass sie hier den Kannibalismus praktizieren, dort die Nächstenliebe predigen, hier Hexen zu Zehntausenden verbrennen, dort die Frau in Minneliedern besingen. Ein konsequenter Relativismus der Werte lässt keinen Platz für ein moralisches Fundament, das allen Menschen gemeinsam ist.

            Wenn uns das Studium der Geschichte beweisen würde, dass es sich tatsächlich so und nicht anders verhält, dann müssten wir diese Erkenntnis, ob sie uns gefällt oder nicht, als unumstößliche Wahrheit akzeptieren. Dann wäre aber auch bewiesen, dass es letztlich keine Einheit unter den Menschen gibt, da ihre Werte in Zeit und Raum unvereinbar sind. Geschichte – nicht nur die des Kosmos, sondern auch unsere eigene, die menschliche Geschichte – wäre dann grundsätzlich sinnlos, weil sie für jede Generation einen je eigenen moralischen Sinn besitzt. Jede von ihnen lebt dann wie eingemauert in einem eigenen moralischen Kosmos, und es gibt keine Wege, die von einem zum anderen führen. An die Stelle der früheren biologischen Rassen hätten wir moralische Rassen gesetzt.

            Der moralische Sinn, den unsere eigene Zeit den eigenen Werten verleiht, wäre dann ebenso beliebig wie alle Wertvorstellungen, zu denen sich frühere Epochen und Kulturen bekannten. Konzepte wie Menschenrechte, Humanismus, soziale Gerechtigkeit etc., die das Denken und Handeln der Neuzeit so durchgehend bestimmen, wären in diesem Fall nicht mehr als zeitgebundene geistige Konstruktionen, deren Ablaufdatum mit dem der westlichen Kulturen zusammenfällt. Dass dies in der Tat einer weit verbreiteten Auffassung entspricht, hatte auf überspitzte, aber treffende Art schon Max Horkheimer (1895 – 1973) mit den folgenden Worten ausgesprochen: „Nach der Philosophie des durchschnittlichen modernen Intellektuellen gibt es nur eine Autorität, nämlich die Wissenschaft, begriffen als Klassifikation von Tatsachen und Berechnung von Wahrscheinlichkeiten. Die Feststellung, dass Gerechtigkeit und Freiheit an sich besser sind als Ungerechtigkeit und Unterdrückung, ist wissenschaftlich nicht verifizierbar und nutzlos. An sich klingt sie mittlerweile gerade so sinnlos wie die Feststellung, Rot sei schöner als Blau oder ein Ei besser als Milch.“

Wer sich diesen Relativismus der Werte zu eigen macht, drückt damit mehr als nur Zweifel gegenüber allen Aussagen zu Sinn und Ziel der Geschichte aus. Darin bekundet sich ein Pessimismus, der die Einheit des Menschen genauso wirksam in Frage stellt, wie es der frühere vergleichsweise primitive Rassismus tat. Wollte man die heute vorherrschende Auffassung auf eine zugegeben sehr einfache Formel verkürzen, dann müsste man sagen, dass nach verbreiteter heutiger Auffassung Sapiens eine moralisch unberechenbare Bestie sei, aber seit mindestens 50 000 Jahren überall auf der Welt mit denselben intellektuellen und physischen Fähigkeiten begabt. In dieser Auffassung liegen Einheit des Menschen und radikale Verschiedenheit unversöhnt nebeneinander.

Ich halte diese Einstellung für falsch. Das wäre nicht weiter der Rede wert, wenn ich damit nur ein weiteres Werturteil von gleicher Beliebigkeit aussprechen würde. Aber mein Einwand zielt tiefer: Ich halte diese Einstellung für falsch aus empirischen Gründen, weil die Geschichte bei näherer Prüfung ein ganz anderes Bild vermittelt; zwar nicht an ihrer Oberfläche – solange man nur diese im Auge hat, scheint tatsächlich nur der moralische Relativismus erkennbar -, wohl aber in der Tiefe, sobald man die gemachtevon der gedachten Geschichtetrennt und sie einander entgegenhält, denn dann stoßen wir auf eine tieferliegende moralische Dimension, die sehr wohl eine Einheit zwischen Menschen aller Zeiten bezeugt: das Gewissen.

Die materielle Verfassung von Mensch und Gesellschaft auf der einen Seite und auf der anderen deren geistiger Reflex und Ursprung in Individuen und Kollektiven bildet das Thema dieses Buches und den Ausgangspunkt für die Suche nach Sinn und Ziel. Dank weltweit betriebener Forschungen kann die Frage nach den materiellen Grundlagen und Bedingungen menschlicher Gesellschaften – angefangen von Jäger-Sammlern bis zur Gesellschaft der Digitalen Revolution – heute in überwältigender Detailfülle beantwortet werden. Die moralische Sinngebung hingegen, die sich als Reaktion auf das jeweilige Sein ergab und den geistigen Horizont der Menschen ausfüllte, kommt dabei in der Regel zu kurz, eben weil die Tendenz besteht, sie als bloße Imagination oder Überbau abzuwerten, so unwichtig wie die Frage, ob „Rot schöner sei als Blau oder ein Ei besser als Milch.“

Darin bekundet sich Kurzsichtigkeit, denn in der emotional-geistigen Reaktion auf die Zwänge des äußeren Seins bestand damals und besteht bis heute alles gelebte Leben. Hier entscheidet sich, ob Menschen zu Terroristen werden oder ob sie ihr eigenes Leben und das der Gesellschaft bejahen, weil sie ihnen als sinnvoll erscheinen. Eine ausschließlich auf das materielle Sein gerichtete Geschichtsanalyse verfehlt ihren Sinn genauso wie eine rein geistig-kulturelle, welche den Zwängen der äußeren Lebensbedingungen keine Beachtung schenkt.

            Denn auch in moralischer Hinsicht sind die Menschen sich über alle Unterschiede der gemachten Geschichte hinweg viel ähnlicher, viel wesensverwandter im Guten wie im Bösen als es auf den ersten Blick scheint.*1* Richtig ist zwar, dass der Sinn von Geschichte auf keiner Gesetzestafel verankert ist, er liegt nicht außerhalb des Menschen, und ist daher auch von keiner Wissenschaft außerhalb des menschlichen Bewusstsein in der physischen Wirklichkeit nachzuweisen. Der Sinn wird von Menschen gemacht, er liegt in ihnen selbst– dort aber ist er sehr wohl zu finden, und zwar auch von der Wissenschaft, nämlich durch ein Studium der gedachten Geschichte, wenn diese sich mit der Frage beschäftigt, wie Menschen das eigene Handeln rechtfertigen und begründen. Wenn sich dabei zeigen lässt, dass gerade das ungerechteste, grausamste Handeln mit besonderem Nachdruck vor anderen legitimiert werden muss, dann stoßen wir auf ein allgemein-menschliches Fundament, das Gewissen, das dem Homo sapiens ebenso von jeher gemeinsam ist wie seine Gene und seine phänotypischen Merkmale.

Um das Ergebnis dieser Untersuchung vorwegzunehmen. Kultureller Relativismus und unterschwelliger Rassismus, die beide nach wie vor unser Verständnis von Geschichte prägen, beruhen auf mangelnder Kenntnis der historischen Realität, denn der Mensch ist seit Beginn seiner Geschichte nicht nur intellektuell mit demselben Kapital ausgestattet, er ist es ebenso in moralischer Hinsicht. Genau deswegen gibt es einen Sinn und ein Ziel der Geschichte. Sie lassen sich in zwei Begriffen zusammenfassen: dem Gewissen einer Geeinten Menschheit. Ich sehe es als meine Aufgabe in diesem Buch, die beiden zunächst noch leeren Begriffe in der geschichtlichen Analyse allmählich mit Inhalt zu füllen.

Wenn diese Aufgabe geglückt ist, wenn also der Nachweis gelingt, das Sapiens seit Beginn seiner Geschichte nicht nur intellektuell, sondern ebenso auch in moralischer Hinsicht ein und dasselbe Wesen war und bis heute geblieben ist, dann leitet uns die vorliegende Suche zu einem neuverstandenen Humanismus, den ich von seinem Vorgänger allerdings dadurch unterscheiden möchte, dass ich ihn als „Kritischen Humanismus“ bezeichne. Dieser weiß zwar um das allen Menschen gemeinsame Gewissen, aber anders als der naive Humanismus geht er nicht davon aus, dass Bildung und Aufklärung schon genügen, um Mensch und Gesellschaft grundsätzlich zu reformieren. Der naive Humanismus ist auf einer Illusion begründet: Er meint, dass man dem Menschen nur die Augen für bestimmte Wahrheiten öffnen müsse, und schon würde er einer Zukunft entgegenschreiten, in der es keine Kriege, keine Habgier, keine Unterdrückung, ja, wer weiß, auch nicht einmal das Böse gibt. Eine solche naive Deutung von Geschichte steht in krassem Gegensatz zu allem, was wir von der Vergangenheit wissen. Interessengegensätze haben die ganze bisherige Geschichte bestimmt, sie gelangten nicht immer gleich stark zum Ausdruck – sehr wohl hat es glücklichere und weit weniger glückliche Epochen gegeben -, aber die Gegensätze zwischen Einzelnen, Gruppen und Staaten waren trotzdem immer vorhanden, und sie haben sich gegendas moralische Gewissen behauptet. Nichts deutet darauf hin, dass unsere Zeit in dieser Hinsicht einen Bruch mit der Vergangenheit vollzieht.

Der naive Humanismus malt ein künftiges Paradies an die Wand. Auf dem Wege der sanften oder auch gewaltsamen Aufklärung glaubt er, nur an wenigen Stellschrauben der menschlichen Psyche, Gesellschaft, Politik oder Ökonomie drehen zu müssen, um auf diese Art Schluss mit allen bisherigen Übeln zu machen. Deswegen lief diese Art des Humanismus stets Gefahr, von radikalen Kräften des linken wie rechten Lagers zu eigenen Zwecken missbraucht zu werden. Die totalitäre Beglückung anderer Menschen im Namen idealistischer Ideologien hat, wie wir aus dem vergangenen Jahrhundert wissen, größeren Schaden bewirkt als individuelle Habsucht, Gier oder Egoismus (Koestler, Arendt). Sie hat außerdem dazu beigetragen, modische Zyniker überhaupt an der Verbesserungsfähigkeit menschlicher Gesellschaft zweifeln zu lassen.

Dennoch wird es den naiven Humanismus auch als eine positive Kraft immer geben, nämlich in Gestalt des gelebten Vorbilds. Wenn jemand unter größten materiellen Opfern, die er sich selbst auferlegt, seine Vorstellungen von einem guten und richtigen Leben verwirklicht ohne sie anderen aufzuzwingen, dann haben wir es mit den Heiligen früherer Zeiten zu tun.

Die Heiligen, die sich selbst zum Opfer für ihre Ideale bringen, sind aber Ausnahmen der Geschichte – die Regel waren sie nie. Sobald wir den Unterschied zwischen gemachter und gedachter Geschichte vollziehen, also zwischen den Taten des Menschen und seinem Gewissen, dann halten wir zwar am Humanismus fest, aber wir fassen ihn kritischauf, weil wir uns sehr wohl bewusst sind, dass der unmittelbare, kurzfristige Nutzen – das Streben nach Macht, nach Gewinn, nach Vorteilen des einzelnen, des Stamms, der Nation auf Kosten der anderen – das menschliche Gewissen immer wieder zu überwinden und oft sogar für lange Zeit zu beherrschen vermag. Bis zum heutigen Tag ist diese Tatsache daran abzulesen, dass Menschen in aller Regel ihresgleichen nur dann als gleichwertig akzeptierten, wenn diese sich zu behaupten, zu wehren, Widerstand zu leisten imstande waren. Um nur eines von Tausenden Beispielen zu nennen: Frankreich und Deutschland haben sich erst in dem Augenblick mitein­ander versöhnt, als sie einsahen, dass sie einander niemals endgültig zu besiegen vermochten. Die ganze Geschichte der Streitenden Reiche, die in diesem Buch erzählt werden wird, ist ein Beleg für diese These.

Der kritische Humanismus steht deshalb vor einer doppelten Front: Einerseits unterscheidet er sich von seinem naiven Gegenbild, andererseits grenzt er sich in aller Schärfe von dem neuerdings wieder um sich greifenden verbreiteten Anti-Humanismus ab. In unserer Zeit wie auch in der Vergangenheit tritt uns Letzterer in Gestalt des Fremdenhasses entgegen, der die Gleichheit der Menschen grundsätzlich bestreitet. Er gibt der eigenen Sippe, dem eigenen Stamm, der eigenen ideologischen Gruppe, der eigenen Nation und Religion nicht nur den Vorrang – das ist bis zu einem gewissen Grade natürlich und sogar selbstverständlich, denn wenn ich nicht überzeugt bin, dass meine Gruppe, meine Überzeugungen und mein Lebensstil für mich richtig sind, dann gibt es keinen vernünftigen Grund, warum ich sie beibehalte. Der Antihumanismus geht jedoch weit über diese natürliche Einstellung hinaus. Er sieht sein Ziel darin, die anderen und ihre Lebensart und Überzeugungen auf alle mögliche Art zu diskreditieren. Im Extremfall designiert er sie als Untermenschen, deren Lebensrecht er bestreitet.

Aufgrund der unseligen zwölf Jahre des vergangenen Jahrhunderts, wo dieser Antihumanismus in Nazi-Deutschland zur offiziellen Ideologie gemacht werden konnte, hat sich bei uns innerhalb weniger Jahren eine ideologische Kehrtwende ereignet: Der naive Humanismus manifestiert sich – oft geradezu unduldsam kämpferisch – als Fremdenliebe, die bis zum Extrem der Selbstaufgabe geht. Ich sagte schon, dass er sich in historischer Sicht ausnahmsweise in Menschen manifestierte, die im Ruf der Heiligkeit standen, und dann ein Beispiel dafür waren, wie Liebe alles Trennende überbrückt. Aber in seiner heute modischen Form ist der naive Humanismus totalitären Bestrebungen viel eher verwandt, weil seine Proponenten ihre eigenen Ideale der Bevölkerungsmehrheit aufzwingenwollen, wobei sie deren oftmals durchaus gerechtfertigte Interessen souverän zu missachten pflegen. Die jüngsten Entwicklungen in ganz Europa zeigen, dass der naive Humanismus, der sich aus moralischer Überheblichkeit über die Interessen einer Mehrheit hinwegsetzt, wesentlich dafür verantwortlich ist, dass der Anti-Humanismus in breiter Front wieder sein hässliches Haupt erhebt.

Der naive Humanismus macht nichts besser, weil er alle Lehren der gemachten Geschichte missachtet (von denen er in der Regel ja auch aus diesem Grund gar nichts wissen möchte). Um in den Worten Max Webers zu sprechen, setzt er Wunschdenken (Gesinnungsethik) an die Stelle einer Ethik der Verantwortung. Man denke nur an all jene zum Teil ganz friedlichen Gesellschaften zurück, welche die europäischen Fremden vom 16. bis zum 19. Jahrhundert mit offenen Armen empfingen, weil sie glaubten, dass ihr eigener Wunsch nach Friedfertigkeit sie vor dem Zugriff der Eroberer schützen würde. Wie sie zu ihrem Verderben erfahren mussten, wurden sie von den Kolonisatoren rücksichtslos ausgebeutet und manche unter ihnen auch vollständig vernichtet. Friedfertigkeit oder gar Liebe hat gegen überlegene Waffen und die Gier nach Beute nie etwas auszurichten vermocht. Gerade weil der kritische Humanismus auf der intellektuellen und moralischen Gleichheit der Menschen besteht, und zwar im Guten wie im Bösen, ist er sich der geschichtlichen Tatsache bewusst, dass Menschen – trotz des Gewissens, das ihnen allen gemeinsam ist – zunächst einmal ihren Interessen gehorchen. Würde man Politik konsequent im Sinne eines naiven Humanismus betreiben, dann käme im besten Fall eine gut gemeinte Dummheit dabei heraus, im schlechtesten Fall führt sie zu innerer Spaltung und Unruhe. Sobald eine Bevölkerungsmehrheit sich in ihren Interessen bedroht fühlt und sich dem Willen der Elite nicht länger fügt, dann kann es leicht dazu kommen, dass die von oben verordnete Fremdenliebe ihr gerades Gegenteil zur Erscheinung bringt, nämlich den Fremdenhass und den Antihumanismus. Diese unheilvolle Dialektik einer von der Mehrheit als maßlos bewerteten Politik lässt sich gegenwärtig in mehreren Staaten Europas beobachten. Wie keine andere Bewegung hat der Antihumanismus als Reaktion gegen das Wunschdenken seines naiven Gegenspielers das intellektuelle Klima in Nachkriegseuropa vergiftet.

Gegen den Antihumanismus als eine Tatsache der gemachten Geschichte, werden hier die Thesen des kritischen Humanismus verteidigt: die moralische wie intellektuelle Einheit des Menschen. Genauer gesagt, werden sie anhand repräsentativer Beispiele schlaglichtartig beleuchtet. Selbst eine solche Verkürzung ist dennoch schwierig genug: Ich hoffe, meine Kräfte nicht allzu sehr überschätzt zu haben. Immerhin hatte das akademische Studium fremder Kulturen – vor allem der indischen, chinesischen und japanischen – meine Interessen schon früh in diese Richtung gelenkt. Die Einsicht aber, dass Menschen einander über alle kulturellen Prägungen hinweg auch moralisch sehr ähnlich sind, verdanke ich nicht erst der Theorie. Viel unmittelbarer konnte ich sie aus mehrjährigem Aufenthalt in Ländern Asiens gewinnen.

Der Leser wird in diesem Buch von den ersten Menschen, den urzeitlichen Jägern und Sammlern, über die Zwischenzeit der frühen ackerbautreibenden Gartenkulturen zu den hydraulischen Großstaaten geführt und von da zu einem geschichtlichen Höhepunkt, der „Achsenzeit“. Einen breiten Raum nimmt die Betrachtung der großen Agrarzivilisationen ein, die sich dem „agrarischen Abhängigkeitsgesetz“ erst zu entziehen vermochten, als die fossile Wende die Menschheit innerhalb eines bloßen Wimpernschlags der Geschichte von ihren größten Zwängen erlöste – und dabei ganz neue Probleme schuf. Dieser Überblick ist aber kein Selbstzweck, meine Absicht erschöpft sich nicht in dem theoretischen Nachweis, dass ein allgemeinmenschliches Gewissen sehr wohl existiert und damit auch ein Sinn der Geschichte (nur der menschlichen Geschichte, versteht sich, denn in der außermenschlichen vermögen wir keinen Sinn zu erkennen). Es geht mir letztlich um die praktischen Schlüsse, die sich daraus für die Gegenwart ziehen lassen. Wer überzeugt ist, dass Gerechtigkeit und Menschenrechte, Frieden und Nachhaltigkeit zu den bleibenden Werten gehören, die uns das Gewissen auferlegt, der wird auch bereit sein, jenes keineswegs ferne Ziel einer Geeinten Menschheit zu akzeptieren, das großen Denkern wie Immanuel Kant, Albert Einstein, Bertrand Russell und Arnold Toynbee als unausweichlich erschien. Denn es geht ja um weit mehr als nur um theoretische Überlegungen: die großen Probleme unserer Zeit wie nuklearer Holocaust, Umweltzerstörung und Klimawandel sind ja überhaupt nur noch von einer Geeinten Menschheit zu lösen, dazu aber ist es unerlässlich, an ihr – an unser – Gewissen zu appellieren.

1:Diese These wird auch von dem deutschen Ethnologen Hans Peter Duerr vertreten, der sich damit gegen die Auffassung von Norbert Elias wehrt, wonach erst die Menschen der Neuzeit durch Triebverzicht eine höhere Form der Zivilisation ermöglicht hätten. Duerr weist überzeugend nach, dass eher das Gegenteil richtig ist. Scham, Schuldgefühle, Triebverzicht waren in vielen sogenannten primitiven Gesellschaften eher ausgeprägter als sie es in der modernen Gesellschaft sind. „Die Vorstellung, die modernen Menschen hätten ihre ‚animalische Natur‘ auf bessere Weise gezähmt als die vormodernen, /beruhe/ auf einem falschen Bild sowohl der heutigen ‚westlichen‘ als auch der traditionellen Gesellschaften… “

Das Buch mit dem Titel „Auf der Suche nach Sinn und Ziel der Geschichte“ wird in gedruckter Form erscheinen, daher kann nur obige Einleitung ins Netz gestellt werden. Dagegen ist die englische Übersetzung online verfügbar: In Search of Meaning and Purpose in Human History” (http://www.gerojenner.com/mfilesm/MandP.pdf).