Erziehung in einer verunsicherten Gesellschaft – Der Jugend Halt und Orientierung geben

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Kinder aufzuziehen und in das Leben einzuführen – das ist seit jeher eine anspruchsvolle Aufgabe. Doch seit einigen Jahren stehen Eltern, Erzieherinnen und Lehrpersonen vor einer Herkulesaufgabe, die unser aller Aufmerksamkeit und Solidarität verdient. Ein lang anhaltendes Zeitalter der Sicherheit im Nachkriegs-Deutschland geht zu Ende. Kennzeichen der bisherigen gesellschaftlichen Verhältnisse waren ein scheinbar grenzenloses wirtschaftliches Wachstum, anhaltende politische Stabilität und wirksame wohlfahrtsstaatliche Garantien. Nun erleben wir eine grundlegende Veränderung des politischen Systems und der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ordnung. Das führt zu einer tiefgreifenden Verunsicherung in unserer Gesellschaft mit Auswirkungen auch auf die Erziehung.

Ursachen zunehmender Verunsicherung

Dr. Rudolf Hänsel

Dr. Rudolf Hänsel ist Erziehungswissenschaftler und Diplom-Psychologe. Homepage: www.psychologische-menschenkenntnis.de.

Ursache der zunehmenden Verunsicherung sind vielfältige und widersprüchliche Phänomene und Konstellationen: Hunderttausende Flüchtlinge strömen seit Jahresbeginn aufgrund weltweiter Kriege oder wirtschaftlicher Not in unser Land, und diese unkontrollierte Masseneinwanderung wird zu einer Destabilisierung unseres politischen Systems und zu sozialen Unruhen führen. Sorgen und Ängste der Bürger werden von den Politikern nicht ernst genommen und als Ausländerfeindlichkeit abgetan. Unsere Kinder treffen zum Schuljahresbeginn ohne Vorbereitung mit Altersgenossen aus fremden Kulturbereichen zusammen und müssen mit ihnen zu Recht kommen.

Verunsicherung löst auch der wirtschaftliche Niedergang der süd- und südosteuropäischen Nachbarländer aus, der zu extremer Verarmung der Unter- und Mittelschicht, zu Krankheit und seelischem Leid sowie zu hoher Jugendarbeitslosigkeit führt. Dadurch kommen auch in unserem Land Ängste vor Verarmung auf. Bereits heute ist ja das Kinderkriegen für viele Familien – insbesondere für alleinerziehende Mütter – ein Armutsrisiko. Hinzu kommen Sorgen vor einem eventuell bevorstehenden Zusammenbruch des Weltwirtschaftssystems und damit vor einer weiteren Vernichtung unserer persönlichen Ersparnisse. Der Wirtschaftskrieg des Westens gegen Russland und China sowie die enorme Aufrüstung der USA-NATO schüren zudem Ängste vor einer größeren kriegerischen Auseinandersetzung der Großmächte.

Zu nennen wären weitere Herausforderungen, die bereits seit längerem vielen Eltern wie Erzieher/innen den Schlaf rauben wie zum Beispiel die Frühsexualisierung unserer Kinder in den Schulen, die „Pornographisierung des Alltags“ als eine gezielte Desorientierung der Jugend, die zu häufige Nutzung digitaler Medien, die die geistige Leistungsfähigkeit unserer Kinder vermindert, die Manipulation unserer Jugend durch die Massenmedien sowie der anhaltende Alkohol- und Drogenmissbrauch, der die kreativsten Köpfe vergiftet.

Erziehung als Herausforderung und Chance

Eltern, Erzieherinnen und Lehrkräfte müssen auf diese Veränderungen der gesellschaftlichen Verhältnisse reagieren und überlegen, wie sie mit der Jugend über die veränderte Situation in der Welt altersadäquat ins Gespräch kommen können, wie sie ihnen das Weltgeschehen erklären wollen und wie sie mögliche Ängste auffangen können. Für diese anspruchsvolle Aufgabe brauchen alle an der Erziehung Beteiligten die uneingeschränkte Solidarität und Unterstützung der gesamten Gesellschaft und ihrer Institutionen. Speziell die Wissenschaft der Pädagogik und Psychologie hat Eltern und Erziehern ihre Erkenntnisse bereitzustellen und aufzuzeigen, wie diese in Familie und Schule pädagogisch umgesetzt werden können. Erziehung sollte sich nicht an verfehlten Theorien orientieren, sondern an wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Erziehung heute ist aber nicht nur eine große Herausforderung, sie kann auch eine große Genugtuung und Chance sein. Über die Erziehung unserer Jugend, die unsere Zukunft ist, können wir die Entwicklung der Welt hin zu mehr Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ein Stück weit beeinflussen. Meines Erachtens ist die Erziehung die Chance schlechthin, zu einer anderen, einer besseren Welt zu kommen. Auch wenn dieser Weg ein sehr langwieriger und kräftezehrender sein wird, der einen langen Atem verlangt, weil wir es in der Erziehung mit jungen Menschen zu tun haben, auf die ganz individuell eingegangen werden muss, so ist es die Mühe wert, ihn zu gehen.

Der Jugend Halt und Orientierung geben

In einer verunsicherten Gesellschaft braucht die Jugend von uns Erwachsenen vor allem Halt und Orientierung. Was heißt das in Bezug auf die gegenwärtige Masseneinwanderung und die Angst vor eigener Verarmung? Da unsere Großen wie die Kleinen durch das Gespräch am Familientisch, durch Radio und Fernsehen oder ganz hautnah im Kindergarten bzw. in der Schule sehr genau mitbekommen, dass im Moment etwas Außergewöhnliches in unserem Land vorgeht, was vielen Sorgen macht oder gar Ängste weckt und dass der wirtschaftliche Niedergang einiger Nachbarländer auch bei uns Befürchtungen vor möglicher Verarmung auslöst, müssen wir Erwachsenen jede passende Gelegenheit nutzen, mit unseren Kindern über diese Ereignisse ins Gespräch zu kommen, um ihnen Ängste zu nehmen, Vorurteile abzubauen, sachlich aufzuklären, Geborgenheit zu vermitteln und einen Ausblick zu eröffnen.

So könnte man ihnen erklären, dass die vielen Flüchtlinge nicht freiwillig ihre Heimat verlassen und enorme Strapazen auf sich nehmen, um in einem sicheren Land eine neue Heimat, Arbeit oder einen Ausbildungsplatz zu finden. Sie werden durch schreckliche Kriege und/oder wirtschaftliche Not dazu gezwungen. Die Wut einiger Mitbürger wegen dieser Masseneinwanderung träfe die Falschen. Sie müsste sich gegen die skrupellosen Kriegsherren und gegen diejenigen richten, die diese Massenflucht gezielt unterstützen, nicht gegen die Migranten. Über dieses Problem sollten eigentlich alle Bürger in einer Demokratie offen diskutieren.

Wenn unsere Kinder im Kindergarten oder in der Schule demnächst mit Gleichaltrigen anderer Hautfarbe, Sprache, Religion oder Verhaltensweise zusammen treffen, sollte ihnen das erst einmal keine Angst machen. Es sei überhaupt eine gute Gelegenheit, Menschen aus anderen Weltgegenden und Kulturen kennen zu lernen und etwas über ihre Kultur zu erfahren. Da sich diese Neuankömmlinge fremd in unserem Land fühlten und sich zunächst nicht verständigen könnten, sollte man ihnen – wo immer möglich – behilflich sein, Freundschaft mit ihnen schließen und sie auch mal nach Hause einladen. Sollte es – zum Beispiel wegen des Sprachproblems – zu Konflikten mit den Neuankömmlingen kommen, ständen die Eltern und andere Erwachsenen stets bereit zu helfen. Gemeinsam würde man dann nach einer Lösung suchen.

Das Flüchtlingsproblem kann auch Anlass sein, mit den Kindern über die Frage von Krieg und Frieden zu sprechen. Die weltweiten Flüchtlingsströme seien ja nur eine von unzähligen schrecklichen Folgen von Kriegen. Kriege würden gemacht, weil sie ein gutes Geschäft seien. Der Mensch sei von Natur aus nicht böse. Wenn der Mensch sich aggressiv verhält, sei das ein Irrtum. Auch der Krieg sei kein Naturgesetz. Die Menschheit sehne sich nach Frieden. Und sie, die Jugend, könne es einmal besser machen, der Gewalt abschwören und sich für ein friedliches Miteinander von Menschen und Völkern einsetzen.

Das andere Thema ist die Angst vor Verarmung, die laut Kinderstudien schon Kleinkinder – insbesondere aus Hartz-IV-Familien – beschäftigt. Auch hier sind Aufklärung und Haltgeben angesagt. Die Ursachen für eigene Armut wie für den wirtschaftlichen Niedergang unserer europäischen Nachbarländer seien vielfältig. Aber auch für diese Misere seien ungezügeltes Macht- und Gewinnstreben einiger weniger und die allgemeine Ungleichheit und Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft mit verantwortlich. Man kann die Jugend nicht früh genug für dieses Menschheitsproblem sensibilisieren und mit ihnen Lösungsmöglichkeiten andiskutieren, die sie dann selbst weiterentwickeln könnten.

Wie viele Menschen auf der Welt leben in extrem ärmlichen Verhältnissen, was uns Erwachsene und folglich auch unsere Kinder in unserem noch reichen Land wenig berührt. Angesichts der weltweiten wirtschaftlichen Verwerfungen wäre es jedoch weitsichtig, zusammen mit unseren Kindern Verhaltensalternativen für den Fall zu überlegen, dass ein solches Schicksal eines Tages auch uns selbst trifft. Dabei könnte man zum Beispiel den Wert der Familie als schützender Hafen in schwierigen Zeiten hervorheben und die Bedeutung von verlässlichen Freunden und Nachbarn, auf deren Solidarität wir dann ebenfalls angewiesen wären. Am besten, wir würden noch heute beginnen, zusammen mit unseren Kindern mitmenschliche Verbundenheit, gegenseitige Hilfe und Solidarität ganz praktisch einzuüben.

Dr. Rudolf Hänsel ist Erziehungswissenschaftler und Diplom-Psychologe.

Sie erreichen ihn unter www.psychologische-menschenkenntnis.de.

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