Wie der Staat Lehrer in die Burnout-Falle laufen läßt

Statt Ursachen-Beseitigung empfiehlt der AKTIONSRAT BILDUNG  Symptom-Aktionismus!

„Erst Traum- dann Höllen-Job: Jeder dritte Lehrer bekommt im Laufe seines Berufslebens gesundheitliche Probleme,“ so titelte die Süddeutsche Zeitung ihren Beitrag zur Studie: „Psychische Belastungen und Burnout beim Bildungspersonal – Empfehlungen zur Kompetenz- und Organisationsentwicklung“, welche von der „Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e. V.“ herausgegeben wurde. Danach leiden 30 Prozent der Lehrer und Erzieher unter Burn-out und Erschöpfung, die Zahl der Krankheitstage nimmt ständig zu. Der Aktionsrat Bildung will den Pädagogen mit einem Präventionsprogramm helfen – auch damit am Ende nicht die Schüler leiden.

Krankheitstage habe sich seit dem Jahr 2000 fast verdoppelt

Auch wenn viele Lehrkräfte mit reichlich Elan in ihren Beruf starteten, immer früher entwickelt sich diese Tätigkeit zu einer großen Belastung. Ständig geraten sie zwischen die Fronten schulorganisatorischer Notwendigkeiten, störenden Verhaltensweisen von Schülern und überzogenen elterlichen Forderungen. Etliche Lehrkräfte können Jahre vor der ersehnten Pensionierung exakt die Tage bis zum letzten Schultag benennen. Als Resümee vieler Fortbildungsveranstaltungen in Schulen hat sich herausgestellt, dass ca. 15 – 20% der Eltern – je nach Schulform differierend – ihre Kinder nur mangelhaft oder gar nicht unterstützen und statt dessen viele häusliche Probleme produzieren, ca. 15 – 20% der Eltern ihre Kinder einerseits mit Leistungs-Erwartungen überschütten und sie häufig gleichzeitig zu stark in Watte packen. Das elterliche Mittelfeld stützt zwar die Kinder, was jedoch nicht heißt, dass viele davon nicht auch im Unterricht Probleme bereiten. Wenn dann schulische Vorfälle mit den Eltern – per Einzelgespräch oder als Klassenkonferenz – aufzuarbeiten sind, reagieren manche Eltern gar nicht, andere kommen zwar, haben aber vorher schon den Rechtsbeistand konsultiert und die dritte Gruppe versucht redlich – mehr oder weniger erfolgreich – mit der Schule unter Einbeziehung des Sohnes oder der Tochter die deutlich gewordenen Probleme zu lösen.

Aber nicht nur Helikopter-Eltern, welche ständig für ihre Kinder handeln, sie in Watte packen und per Handy bzw. Smartphone – quasi als elektronische Nabelschnur – ständig überwachen, oder vernachlässigende Eltern, welche sich um fasst nichts kümmern, sondern auch zögerliche, harmoniebedürftige, inkonsequente und ängstliche Lehrkräfte fördern die Unfähigkeit von Kindern, sich in Herausforderungs-Situationen behaupten zu können. Verstärkt wird der Trend, für das Leben nur ungenügend gerüstet zu sein, häufig auch durch Voraussetzungen, welche außerhalb des schulischen Einflusses liegen, sich aber massiv auf den Unterricht bzw. den Umgang zwischen Lehrkräften und Schülern auswirken. Denn wenn Kinder die Folgen von Trennung und Scheidung der Eltern zu verarbeiten haben, die familiäre Situation durch Vernachlässigung oder/und Gewalt geprägt ist, was beides meist mit einem starken Selbstwerteverlust einhergeht, dann kommen nicht selten so viele negative Faktoren zusammen, dass ein normales Unterrichten zur Illusion wird.

Wenn wir – unabhängig von den Eltern – den Blick auf die Schüler und Schülerinnen richten, dann werden vielfältige Probleme nach ganz anderen Kriterien deutlich. Ist es hier ein offensichtlicher Konzentrationsmangel, meist wegen zu kurzem Nachschlaf und medialer Überreizung, fehlt es dort an Disziplin und Respekt. Die Beeinträchtigungen eines effizienten Unterrichts zwischen begrenzter Belastbarkeit, Lernunwilligkeit, durch Beeinträchtigungen im Lern-, Sozial- oder Leistungs-Verhalten – beispielsweise durch ungenügend abgesicherte Inklusions-Maßnahmen – sowie durch gezielt initiierte Provokationen nehmen rasant zu. Werden z. B. Grundsschul-Lehrkräfte gefragt, wie viele hyperaktive Kinder in der Klasse seien, kommt meist „über 30%“ als Antwort. Fragt man Kinderpsychiater oder schaut in seriöse Statistiken, dann wird offenkundig, dass zwischen 4 – 8% der Kinder in Deutschland eine offiziell diagnostizierte ADS/ADHS-Beeinträchtigung haben. Die anderen 25% der Kinder scheinen demnach ‚nur’ eine zu geringe Impulskontrolle zu besitzen, den Bedürfnisaufschub nicht gelernt zu haben, die Schule als eine Spaßveranstaltung oder sich selbst als den Mittelpunkt der Welt zu betrachten.

„Die Analysen sind besorgniserregend“, sagte Dieter Lenzen, Vorsitzender des Aktionsrates, in München und rief ‚Politik, Schulen und Hochschulen zu Maßnahmen auf, um Burnout und Erschöpfung bei Lehrern und Erziehern zu vermeiden. Andernfalls leide das Bildungsniveau der ganzen Gesellschaft darunter’. Neben Lenzen, der Präsident der Universität Hamburg ist, gehören dem Aktionsrat Bildung weitere renommierte Bildungsforscher wie der Pisa-Experte Manfred Prenzel oder der Volkswirt Ludger Wößmann an. Burnout ist zwar keine eigenständige Diagnose, so erklärte Bettina Hannover, Expertin für Schul- und Unterrichtsforschung an der Freien Universität Berlin, sondern ein Zusammenspiel von mehreren, auch privaten Risikofaktoren. Auch hätten die zunehmenden Krankmeldungen damit zu tun, dass heute psychische Erkrankungen nicht mehr so tabuisiert würden wie noch vor fünfzehn Jahren. Dennoch sei die Zunahme an psychischen Belastungen alarmierend. Die Zahl der Krankheitstage habe sich seit dem Jahr 2000 fast verdoppelt.

Wunderliche Therapie-Empfehlungen

Was jedoch stark wundert, dass die Handlungsempfehlungen des Aktionsrates vorrangig eine Reduzierung der Symptome bei den Lehrkräften zum Ziel haben. Ein adäquater Umgang mit den die Belastungen auslösenden Bedingungen wird – aus welchen Motiven auch immer – ausgeblendet. So werden „Entspannungs- und Meditations-Verfahren beziehungsweise achtsamkeitsbasierte Verfahren“ als „bewährt“ offeriert. Weiterhin „haben sich regelmäßige Auffrischungs-Sitzungen als hilfreich erwiesen, ebenso die Beratung und Besprechung von Situationen, in denen das Erlernte eingesetzt beziehungsweise geübt werden kann.“ – „Verhältnispräventive und umgebungs- beziehungsweise organisationsbezogene Strategien wurden beim Stressmanagement und in der Burn-out-Prophylaxe bisher eher weniger eingesetzt und evaluiert. Unter primär-präventivem Aspekt bieten sie bei vertretbarem Aufwand jedoch die Chance, Stressoren zu vermeiden oder zu reduzieren; sie sollten deshalb stets Ziel institutionsbezogener Stressmanagement- und Burnout-Prophylaxe-Programme sein, vor allem in der Arbeitswelt.“ Der AKTIONSRAT BILDUNG stellt weiter fest, „dass Entspannungsverfahren, kognitiv-behavioral ausgerichtete Interventionen, aber auch Kombinationen aus beidem in besonderem Maß geeignet sind, Burnout zu reduzieren. Gleiches gilt für Stressmanagementprogramme. Auch wenn über Langzeiteffekte und die differenzielle Wirksamkeit solcher Maßnahmen auf die Teildimensionen des Burnout-Konstrukts noch keine abschließenden Aussagen möglich sind, empfiehlt der AKTIONSRAT BILDUNG, für von Burnout betroffene Personen und Arbeitsteams entsprechende Angebote regional verfügbar zu halten.“ Ergänzend werden „Good Practice“-Ansätze zur Stärkung der psychischen Gesundheit in Bildungsinstitutionen“ empfohlen.

Stress soll also hier unter Ausklammerung der auslösenden Faktoren vermieden werden. Auch der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, hat eine sehr eingeschränkte Sichtweise, wie Lehrer besser vor psychischen Belastungen zu schützen sind. Es sei ein „Skandal“, dass der Staat als größter Arbeitgeber von rund 700 000 Lehrern nicht in der Lage sei, ein flächendeckendes Angebot an Arbeitsmedizinern und Psychologen zu finanzieren, kritisierte Meidinger. So werden die Früherkennung von Problemen, vorbeugende Maßnahmen und schulorganisatorische Ansätze zur Belastungsvermeidung ausgeblendet.

Händchenhalten und Trostpflaster verteilen’ auf hohem Niveau.

Aber welcher seriöse Gutachter käme auf die Idee, bei einem – über Jahrzehnte – großflächig undicht gewordenen Dach die Bewohner als Dauer-Handlungsempfehlung auf den Einsatz von wasserfester Kleidung, Regenschirmen und Auffangwannen zu trimmen, für feuchte Kleidungstücke „Auffrischungs-Sitzungen“ zu organisieren, auf Muskelverhärtungen mit „Entspannungs- und Meditations-Verfahren“ zu reagieren, einer depressiven Stimmung mit „achtsamkeitsbasierten Verfahren“ zu begegnen und für alle damit einhergehenden „gesundheitlichen Beeinträchtigungen ein flächendeckendes Angebot an Arbeitsmedizinern und Psychologen“ aufbauen zu sollen. Ergänzend würde auf den großen Wert von „Management-Strategien zur permanenten Konfliktbewältigung“ hingewiesen. Rheinländer würden auf solch irrwitzige Gedankenspiele innerhalb einer karnevalistischen Büttenrede mit frenetischem Applaus reagieren. Ein Gesamteindruck: Der Aktionsrat grenzt die Lebenserfahrung: „Der Fisch stinkt vom Kopf“ weitestgehend aus und setzt stattdessen auf Empfehlungen zur Linderung von psychischen Belastungen: ‚Händchenhalten und Trostpflaster verteilen’ auf hohem Niveau. Die Warnung des Aktionsrates, dass „angesichts der Unschärfe der Burnout-Diagnose und noch fehlender Qualitätsstandards für burnoutbezogene Präventions- und Interventionsprogramme (…) derzeit noch einen „Wildwuchs von Interventionsangeboten“ existiert, leitet dann doch noch – wenn auch restlos unkonkret bleibend – auf die Gefahr hin, „dass an das Individuum gerichtete Interventionen den Blick auf strukturelle Defizite verstellen und die Verantwortung für die Gesundheit der Beschäftigten ausschließlich den betroffenen Individuen zuweisen.“

Wurzel-Behandlung anstelle von Symptom-Aktionismus

Ja, es gibt zuhauf „strukturelle Defizite“, welche von den Schul-Trägern und Bildungs-Politikern gezielt reduziert werden müssen. Alle Unterrichtskonzepte, welche Schüler nicht alters- bzw. reife-adäquat in den schulischen Lehrplan einbeziehen, alle Lehrkräfte, welche sich als Stoff-Vermittler und nicht mehr als Pädagogen bzw. Erzieher betrachten, konterkarieren den Auftrag von Schule in der heutigen Zeit. Weiterhin fehlt es an geeigneten Maßnahmen zur Verbesserung der Lernbedingungen im Unterricht und zur Optimierung bzw. Qualifizierung der Zusammenarbeit mit den Eltern. Und wenn sich Schüler bzw. Schülerinnen – fast folgenlos – gegenüber Lehrkräften respektlos verhalten können, Lernverweigerung und Herumhängen zum Schulsport wird, auf Dauer-Quatschen, Smartphon-Hantieren und andere Stör-Aktionen keine wirksamen Reaktionen erfolgen, dann offenbart sich Schule als ‚Brutstätte des Unvermögens’. Wenn dann Schulleitungen grobe ethische Verstöße von Fast-Abiturienten im Rahmen von Sexting-Aktionen, welche das Schamgefühl von Mit-SchülerIinnen aufs gröbste verletzten, durch einen markig ausgesprochen ‚zweiwöchigen Schulverweis’ meinen ahnden zu können, wenn als Reaktion auf Lehrkräfte-Mobbing in so genannten sozialen Netzwerken von einer Anzeige abgeraten wird, um den Schulfrieden nicht zu stören, dann haben solche Maßnahmen die Qualität einer traurigen Lachnummer. Ein unmittelbarer Ausschluss von der Schule wäre in beiden Fällen die angemessenste Reaktion, wurde aber im Rahmen der Schulordnung als unmöglich betrachtet. Wenn jedoch die von den Ländern erlassen schulischen Rahmenrichtlinien keine wirksamen Reaktionen oder auch Sanktionen auf gravierende Störungen ermöglichen, oder Schulkollegien das Rückgrat der Umsetzung fehlt, dann taugt Schule nur noch zur Aufbewahrung von SchülerInnen und zur Geldvernichtung.

Auch die Eltern – je nach Alter und Themenstellung differierend unter Einbeziehung der Schüler – haben ihren Teil zur Verbesserung der Lernbedingungen innerhalb der Schule beizutragen. Hier nur 3 Beispiele aus der Kategorie ‚unter deutschen Schul-Dächern’: Wenn löblicherweise in einer Schulordnung geregelt ist, dass im Unterricht konfiszierteHandys oder Smartphones für einige Tage im Rektorat zu deponieren sind, dies aber von den Eltern mit dem Hinweis auf die Gesetzeslage unterlaufen wird und der fingerfertige Nachwuchs am nächsten Tag schon wieder nicht auf Lernstoff-Aufnahme, sondern Kurztext-Beantwortung oder Untertisch-Surfen programmiert ist, werden notwendige Vereinbarungen gezielt unterlaufen und Schulen zu Farce-Institutionen. Auch für ‚Alles und Jedes’ verfasste Entschuldigungen – Gymnasiastinnen im Großraum Frankfurt brachten es auf bis zu drei mensis-bedingte elterliche Schriftstücke im Monat zur Sportunterricht-Vermeidung – fördern keinesfalls ein selbstverantwortliches Lernverhalten. Und bestimmte erhoffte oder als gerecht betrachtete Schulnoten per Rechtsanwalt einklagen zu wollen oder in schulischen Konfliktsituationen automatisch auf der Seite des Nachwuchses zu stehen, unterminiert ebenfalls ein förderliches Miteinander zwischen Elternhaus und Schule.

Ergänzend sind auch etliche bei den Lehrkräften auftretende Belastungen dahin gehend zu überprüfen, in welchem Umfang sie hausgemacht sind, weil es an Selbstdisziplin im Umgang mit Ruhephasen oder Schlafzeiten, gesundem Essen und ausreichender Bewegung an der frischen Luft fehlt. Auch ein zu schwaches Selbst, eine mangelhafte Professionalität, ein durch Laschheit, Wegsehen, Gefälligkeit und Inkonsequenz geprägter Unterricht wird den Nachwuchs dazu führen, Lehrkräfte nur bedingt erst zu nehmen. Ebenso minimieren ungeordnete oder konflikthafte private Lebensbedingungen das eigene Kräftepotential mit der Folge, über die notwendige Stabilität oder Gelassenheit in Anspannungs- bzw. Konflikt-Situationen nicht im notwendigen Maße verfügen zu können. Denn selbst für relativ normale Unterrichtbedingungen, erst recht innerhalb chaotischer Situationen im Umgang mit dem pubertären Nachwuchs, ist eine kräftige Portion Resilenz notwendig. Und den Schülern ist vom ersten Tag durch das Elterhaus und per Unterricht nahe zu bringen, dass die Antwort auf das Teilhabe-Recht an einem öffentlich finanzierten und garantierten Schulwesen die eigene Lern-Pflicht ist. Somit sind Kinder schon im vorschulischen Bereich dahin zu führen, das Rücksichtnahme, Frustrationstoleranz, Selbstdisziplin, Respekt vor Erziehungskräften und Lerneifer die Grundlagen eines geordneten und zur Eigenverantwortlichkeit führenden Schulunterrichtes sind.

Respekt, Achtsamkeit und Resilienz als Wege zur Qualitätsverbesserung

‚Wenn nichts mehr geht, ist vorher vieles schief gegangen’. Aber das Ignorieren wichtiger Warnsignale hat immer einen hohen Preis. So haben Schulaufsicht-Behörden mehr Achtsamkeit im Umgang mit Lehrkräften zu üben, alle 10 Jahre ein Sabbatjahr als Angebot bereitzuhalten, Gruppen-Supervisions-Angebote zu finanzieren durch klare und konsequent einzuhaltende Umgangregelungen für einen effektiven und effizienten Unterrichtsablauf zu sorgen. Denn wenn Schüler oder Eltern der Schule keinen Respekt entgegenbringen, ist sie untauglich für die Lebensvorbreitung unseres Nachwuchses. Kollegien sollten sich wieder umfassender als Solidargemeinschaft verstehen, an einem Strang ziehen und gemeinsam Problemlösungen erarbeiten. Eltern sind aus der Sicht der Schule keine Störfaktoren (echt störenden Eltern sollte dies dann aber mitgeteilt werden) ebenso wenig wie Lehrkräfte aus der Sicht der Eltern. Lehrkräfte müssen sich in Schüler so hineinversetzen können, ohne in der Empathie unterzugehen, so dass sie mit ihnen gemeinsam Projekte, Unterrichtsziele und auftretende Störungen adäquat angehen können. Und Schüler müssen lernen, dass Schule nicht Spaß machen muss, aber Lernerfolge die Basis von Zufriedenheit, guten Noten und Lebenserfolg sind. Findet kein gut abgestimmtes Zusammenwirken von Schulaufsicht, Schulkollegien, Eltern und Schülern statt, dann werden Abschlusszeugnisse konsequenterweise nur noch eine ‚geringe, mittlere oder gehobene Lebensunreife’ attestieren können.

Copyright: Dr. Albert Wunsch, 41470 Neuss, Im Hawisch 17

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