Verwöhnung schützt trotz vierfacher Tötung vor Gefängnis

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Ethan Couch aus dem US-Bundesstaat Texas riss vier Menschen in den Tod, weil er viel zu schnell und alkoholisiert mit dem Auto unterwegs war. Der 16jährige raste mit einem Pick-Up in eine Menschengruppe am Straßenrand. Ins Gefängnis muss er trotzdem nicht, so das Urteil der Richterin Jean Boyd, weil die Eltern ihm nie beigebracht hätten, was richtig und falsch sei.

Daher erhielt Ethan „zehn Jahre auf Bewährung“. Diese Meldung aus den USA wurde von etlichen Medien aufgegriffen, interessanterweise meist ohne jegliche Kommentierung. Dies ist insofern fast außergewöhnlich, weil in der Regel Nachrichten, welche nicht dem Denkansatz eines Redakteurs oder dem Weltbild einer Zeitung entsprechen, mit wertenden Umschreibungen wie: „stark diskutiert“, „inakzeptabel“, oder „Fehlurteil“ versehen werden. So blieb die brisante Frage ausgeklammert, wie denn die Eltern – auch zivil- und strafrechtlich – in die Mitverantwortung für die Folgen ihres Unterlassens einbezogen werden können.

Etliche Bücher zwischen Verwöhnungs-Fallen und Helikopter-Eltern geben einen breiten Überblick zu erzieherischen Fehlverhaltensweisen und den Folgen für die Kinder. So dürften die meisten Menschen wissen, dass Selbstüberlassung, ausbleibende Konsequenzen, zu umfängliches Beschützen und eine fehlende oder mangelhafte Werterziehung der nachwachsenden Generation das Einübungsfeld von sozialem Lernen und eigenverantwortlichem Handeln vereitelt. Aber viele Politiker und nicht wenige Medien-Macher scheinen weitestgehend auszublenden, solche unverantwortlich handelnden Eltern wegen dieser Unterlassungen zur Rechenschaft zu ziehen. Immer stärker gerät aus dem Blickfeld, was eine richtige und in die Zukunft weisende Erziehung ist? Zur Verdeutlichung dieser Zusammenhänge drehte vor einigen Jahren eine pädagogische Kommission in Amerika die Fragestellung um und fragte: Was muss ich tun, damit mein Kind mit dem Leben nicht zurechtkommt und straffällig wird? Die Kommission stellte zwölf Regeln auf. Hier ein Auszug davon: »Fangen Sie in früher Kindheit an, dem Kind alles zu geben, was es will. Auf diese Weise wird es bald glauben, dass die Welt ihm das Leben schuldig ist. – Geben Sie ihm keinerlei religiöse Erziehung. Lassen Sie es 18 Jahre alt werden und dann ›selbst entscheiden‹. – Vermeiden Sie, das Wort ›unrecht‹ zu gebrauchen. Das könnte zu einem Schuldkomplex führen. Wenn man es später wegen Autodiebstahl verhaftet, wird es glauben, dass die Gesellschaft gegen es eingestellt ist. – Streiten Sie sich häufig mit Ihrem Partner in der Gegenwart Ihrer Kinder. Auf diese Weise vermeiden Sie, dass diese später schockiert sind, wenn die Familie zerbricht. – Wenn Ihr Kind in echte Schwierigkeiten kommt, entschuldigen Sie sich selbst, indem Sie sagen: ›Ich konnte niemals etwas mit ihm anfangen.‹ – Stellen Sie sich auf ein Leben voller Kummer ein, Sie haben berechtigte Aussicht darauf.«

Verzogenes Zufalls-Monster?

Der tödliche Unfall ereignete sich am 15. Juni 2013. Ethan Couch fuhr gemeinsam mit Freunden in einem Pick-Up der Firma seines Vaters durch Burleson in Texas, alle tranken Bier. Laut den Ermittlungen war er mit mehr als 110 Stundenkilometern unterwegs – fast doppelt so schnell wie erlaubt. Außerdem wurde bei ihm ein Blutalkoholwert von 0,24 Promille festgestellt. Für Minderjährige gilt in Texas die Null-Promille-Grenze. Den Alkohol hatten die Jugendlichen zuvor in einem Supermarkt geklaut. Zu allem Überfluss soll Ethan auch noch Valium genommen haben. Für eine junge Frau, deren Auto liegen blieb, und drei Menschen, die ihr helfen wollten, brachte der Jugendliche den Tod. Die sieben Freunde Ethans in dem Pick-Up wurden bei dem Unfall ebenfalls verletzt; einer der Jungen erlitt so schwere Gehirnverletzungen, dass er nun gelähmt ist und nur noch über Blinzeln mit der Außenwelt kommunizieren kann. Die Staatsanwaltschaft hatte die Höchststrafe von 20 Jahren Haft für den Teenager gefordert. Durch das psychologische Gutachten kam er jedoch mit zehn Jahren auf Bewährung davon. Zudem muss er sich für zwei Jahre in einer Klinik behandeln lassen.

Beitrag zur öffentlichen Verwahrlosung

Die Begründung für das milde Urteil: Der Junge bekam von seinen reichen Eltern stets alles, was er wollte – außer der Vermittlung von Moralvorstellungen. Ein von der Verteidigung beauftragter Psychologe erstellte ein Gutachten und kam darin zu dem Schluss, dass der 16-Jährige nicht in der Lage sei, zwischen richtig und falsch zu unterscheiden. In seinem Weltbild löse Geld alle Probleme. Danach leidet Ethan an einer Störung namens Affluenza, auch „Überflusskrankheit“ genannt. ‚Sein Reichtum und sein privilegiertes Leben machten es Ethan unmöglich, die Konsequenzen seines Handelns zu verstehen’, so der Gutachter G. Dick Miller. Seine Eltern hätten ihm Freiheiten eingeräumt, „die kein junger Mensch haben sollte“. Miller nannte ein Beispiel aus Ethans Vergangenheit, als der damals 15-Jährige keinerlei Maßregelung erfuhr, nachdem die Polizei ihn in einem geparkten Wagen mit einem bewusstlosen und nackten 14-jährigen Mädchen aufgriff. Schon mit 13 hätten seine Eltern ihm das Autofahren erlaubt. Ethan sei emotional völlig leer und brauche eine jahrelange Therapie.
Nicht nur die Angehörigen der Opfer reagierten empört auf das nicht nachvollziehbare Urteil. Eric Boyles, der durch den Unfall seine Ehefrau und seine Tochter verlor entrüstet sich: „Geld schützt offenbar immer vor Ärger.“ Richterin Boyd sieht sich mit harter Kritik und Rücktrittsforderungen konfrontiert. Auf der Plattform change.org wurde eine Petition gestartet, die vom zuständigen Gouverneur Rick Perry eine sofortige Suspendierung der Richterin verlangt. Bereits 10.000 Menschen haben die Forderung unterzeichnet. Auch Experten kritisierten, dass die Verwöhntheit des Jugendlichen nicht genutzt werden dürfe, um sein unverantwortliches Verhalten vor Gericht zu rechtfertigen. Der Psychologe Gary Buffone etwa nannte die Verteidigung gegenüber der Nachrichtenagentur AP „lächerlich“ und bezeichnete Ethan als „ein verzogenes Gör“. Durch das milde Urteil habe der Teenager für seine schreckliche Tat gerade mal einen Klaps erhalten. Das wird wiederum wirkungslos bleiben, da die Eltern ihn keinerlei Konsequenzen spüren ließen.

Eltern sind mit den Konsequenzen zu konfrontieren

Was aber ein Skandal ist, dass niemand das grobfahrlässige Verhalten der Eltern als Auslöser der Straftaten in den Blick nimmt. Denn diese sind dann – wenn das Gutachten zutrifft – als Konsequenz ihres unverantwortlichen Verhaltens, mit allen rechtsstaatlichen Mitteln zur Rechenschaft zu ziehen. Unter zivilrechtlichen Aspekten haben die Eltern dann nach dem Verursacherprinzip für den entstanden materiellen Schaden zwischen Rettungsdienst- und Krankenhauskosten, Schmerzensgeld, Rentenzahlungen, PKW-Ersatz bis hin zu den Gerichtskosten aufzukommen. Und strafrechtlich sind sie wegen Beihilfe zu mehrfacher grobfahrlässiger Tötung und irreparabler Körperverletzung hinter Gitter zu bringen. So ist zu hoffen, dass die Geschädigten möglichst bald eine Zivilklage und ein Staatsanwalt eine Strafanzeige gegen die Eltern erstattet.

Dr. Albert Wunsch, 41470 Neuss, Im Hawisch 17


Zur Person des Autors:

albert_wunschDr. Albert Wunsch ist Psychologe und promovierter Erziehungswissenschaftler, Diplom Pädagoge und Diplom Sozialpädagoge, Kunst- und Werklehrer und lehrt seit 2004 an der Katholischen Hochschule NRW in Köln. Außerdem hat er Lehraufträge an der Philosophischen Fakultät der Uni Düsseldorf und an der Hochschule für Ökonomie und Management (FOM) in Essen / Neuss. Er arbeitet in eigener Praxis als Paar-, Erziehungs-, Lebens- und Konflikt-Berater sowie als Supervisor und Coach (DGSv). Er ist Vater von 2 Söhnen und Großvater von 3 Enkeltöchtern. Weiter infos: www.albert-wunsch.de

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