Uri Avnery über den Imperator Sharon

EmailFacebookTwitterPrintFriendlyGoogle+LinkedInBlogger PostWordPressin weitere Soziale Netzwerke verteilen

IN DER MITTE der siebziger Jahre fragte mich Ariel Sharon, ob ich ihm ein Treffen mit Yasser Arafat arrangieren könnte. Wenige Tage zuvor hatten die israelischen Medien entdeckt, dass ich in regelmäßigen Kontakt mit der Führung der PLO war, die in jener Zeit auf der Liste der Terror-Organisationen stand.

Uri-Avnery-image_1032278385

Uri Avnery

Ich sagte zu Sharon, dass meine PLO-Leute mich wahrscheinlich fragen würden, was er den Palästinensern vorschlagen wolle. Er sagte mir, sein Plan sei, den Palästinensern zu helfen, die jordanische Monarchie zu stürzen und Jordanien in einen palästinensischen Staat zu verwandeln mit Arafat als seinem Präsidenten.

„Und was ist mit der Westbank?“ fragte ich.

„Sobald Jordanien zu Palästina wird, wird es keinen Konflikt mehr zwischen zwei Völkern geben, sondern zwischen zwei Staaten. Das wird viel leichter zu lösen sein. Wir werden eine Art Teilung finden, territorial oder funktional – oder wir werden das Gebiet gemeinsam regieren.“

Meine Freunde legten die Anfrage Arafat vor, der sich kaputt lachte. Aber er versäumte nicht die Gelegenheit, König Hussein davon zu erzählen. Hussein verriet die Geschichte der Kuwaiter Zeitung, Alrai, und so kam sie wieder zu mir zurück.

SHARONS PLAN war in jener Zeit revolutionär. Fast das ganze israelische Establishment, einschließlich Ministerpräsident Yitzhak Rabin und Verteidigungsminister Shimon Peres glaubten an die sog „Jordanien-Option“, die Idee, dass wir mit König Hussein Frieden machen müssten. Die Palästinenser wurden entweder ignoriert oder als Erzfeinde betrachtet.

Fünf Jahre früher, als die Palästinenser in Jordanien mit dem Hashemitischen Regime dort kämpften, kam Israel auf Aufforderung von Henry Kissinger dem König zu Hilfe. Ich schlug in meinem Magazin vor, das Gegenteil zu tun: den Palästinensern zur Hilfe zu kommen. Sharon sagte mir später, dass er – zu jener Zeit ein General – dem Generalstab vorgeschlagen hatte, dasselbe zu tun, wenn auch mit einem anderen Ziel. Meine Idee war, auf dem Westufer einen palästinensischen Staat zu errichten, er wollte einen solchen Staat auf dem Ostufer des Jordan.

Die Idee, Jordanien in Palästina zu verwandeln, hat einen gewöhnlich unbekannten linguistischen Hintergrund. Bei hebräischer Anwendung ist „Erez Israel“ das Land auf beiden Seiten des Jordanflusses, wo nach den biblischen Mythen, alte hebräische Stämme siedelten. Bei palästinensischer Verwendung liegt „Filastin“ nur auf der Westseite des Flusses. Deshalb ist es für ignorante Israelis ganz natürlich, den Palästinensern das Ostufer vorzuschlagen, während dies für Palästinenser ein Staat im Ausland wäre.

ZU JENER Zeit war Sharon im politischen Exil.

1973 verließ er die Armee, nachdem ihm klar war, er habe keine Chance, Generalstabschef zu werden. Das mag merkwürdig klingen, da er schon als herausragender Schlachten-Kommandeur anerkannt war. Das Problem war nur, dass er auch als aufsässiger Offizier bekannt war, der seine Vorgesetzten und seine Kollegen (wie auch jeden anderen) verachtete. Auch war seine Einstellung zur Wahrheit problematisch. David Ben Gurion schrieb in sein Tagebuch, dass Sharon ein beispielhafter Offizier sein könnte, wenn er doch nur vom Lügen Abstand nehmen würde.

Als er die Armee verließ, baute er fast allein die Likudpartei auf, indem er alle Parteien des rechten Flügels zusammenlegte. Das war damals, als ich ihn das erste Mal als Haolam Hazeh- Mann des Jahres kürte und einen langen biographischen Artikel über ihn schrieb. Ein paar Tage später brach der Yom Kippur-Krieg aus. Sharon wurde wieder in die Armee einberufen. Sein Teil in diesem Krieg wird von vielen als genial angesehen, von anderen als eine Geschichte des Nicht-Unter-ordnens und des Glückes. Ein Foto von ihm mit verbundenem Kopf wurde seine Handelsmarke, obwohl es nur eine leichte Verletzung war, da er seinen Kopf an sein Fahrzeug gestoßen hatte (Um fair zu sein, wurde er 1948 in der Schlacht auch schwer verletzt, wie ich.)

Nach dem Yom Kippur-Krieg wurde das Argument über seinen Anteil im Krieg das Zentrum „der Schlacht der Generäle“. Er begann, mich zu Hause zu besuchen, um mir seine Schritte zu erklären, es wurde beinahe freundschaftlich zwischen uns.

Er verließ den Likud, als ihm klar wurde, dass er nicht sein Führer werden konnte, solange Menachem Begin noch da war. Er begann, seinen eigenen Kurs festzulegen. Das war damals, als er mich um ein Treffen mit Arafat bat.

Er dachte darüber nach, ob er eine neue Partei gründen solle, die weder rechts noch links ist, aber von ihm geführt wurde, und zwar mit besonders herausragenden Persönlichkeiten von allen politischen Ebenen. Er bat mich, mich dieser Partei anzuschließen. Wir hatten lange Gespräche in seinem Haus.

Ich muss hier erklären, dass ich seit langer Zeit nach einer Person mit militärischen Referenzen Ausschau hielt, um eine große vereinigte Friedenspartei anzuführen. Ein Führer mit solch einem Hintergrund würde es für uns leichter machen, öffentliche Unterstützung für unsere Ziele zu bekommen. Sharon passte für diese Aufgabe (wie Yitzhak Rabin später). Doch während unserer Gespräche wurde mir klar, dass er grundsätzlich eine Person vom rechten Flügel geblieben war.

Am Ende stellte er eine neue Partei auf, die Shlomzion hieß (Friede von Zion) und die am Wahltag ein glatter Fehlschlag wurde. Am nächsten Tag schloss er sich wieder dem Likud an. Der Likud hatte die Wahlen gewonnen, und Begin wurde Ministerpräsident. Falls Sharon gehofft hatte, Verteidigungsminister zu werden, so wurde er enttäuscht. Begin traute ihm nicht. Sharon sah wie ein General aus, der einen Staatsstreich machen konnte. Der mächtige neue Finanzminister sagte, wenn Sharon das Oberkommando bekomme, dann würde er seine Panzern schicken, um damit die Knesset zu umzingeln.

Da gab es einen Witz, der damals die Runde machte: Der Verteidigungsminister Sharon würde den Generalstab einberufen und verkündigen: „Kameraden, morgen früh um 6 Uhr übernehmen wir die Regierung!“ Einen Augenblick lang waren die Zuhörer sprachlos, und dann brachen sie in ein wildes Gelächter aus.

Doch als Begins bevorzugter Verteidigungsminister, der frühere Luftwaffenchef Ezer Weitzman, zurücktrat, war Begin gezwungen, Sharon als dessen Nachfolger zu ernennen. Zum 2.Mal wählte ich Sharon zum Mann des Jahres von Haolam Hazeh. Er nahm dies sehr ernst und saß viele Stunden mit mir bei verschiedenen Treffen bei ihm zu Hause und im Büro, um mir seine Ideen zu erklären.

Eine davon, die er zur selben Zeit den strategischen US-Planern erörterte, war es, den Iran zu erobern. „Wenn der Ayatollah Chomeini stirbt“, sagte er: „wird es ein Wettrennen zwischen der Sowjet Union und den USA geben; wer zuerst auf der Szene ankommt, wird den Iran übernehmen. Die USA ist weit weg, aber Israel kann den Job tun. Mit Hilfe von schweren Waffen, die die USA beizeiten in Israel speichern werden, wird unsere Armee den Iran in Besitz nehmen, bevor die Sowjets sich bewegen werden. Er zeigte mir die detaillierten Karten vom Vorrücken Stunde um Stunde und Tag um Tag.

Das war typisch Sharon: seine Vision war weitschweifig und alles umfassend. Sein Zuhörer hielt den Atem an, verglich ihn mit den kleinen gewöhnlichen Politikern ohne Vision und Tiefe. Aber sie gründete sich gewöhnlich auf eine entsetzliche Ignoranz der anderen Seite und wurde deshalb wertlos. Alles sein Plan.

ZUR SELBEN Zeit, neun Monate vor dem Libanonkrieg, verriet er mir seinen großen Plan für einen neuen Nahen Osten, wie er ihn machen wollte. Er erlaubte mir, ihn zu veröffentlichen, vorausgesetzt, ich erwähnte ihn nicht als Quelle. Er vertraute mir.

Grundsätzlich war es derselbe Plan, den er früher Arafat vorschlagen wollte. Die Armee würde in den Libanon einfallen und die Palästinenser nach Syrien vertreiben, von wo die Syrer sie nach Jordanien vertreiben würden. Dort würden die Palästinenser den König stürzen und den Staat Palästina errichten.

Die Armee würde auch die Syrer aus dem Libanon vertreiben. Im Libanon würde Sharon einen christlichen Offizier wählen und ihn als Diktator einsetzen. Der Libanon würde offiziell Frieden mit Israel schließen. Er würde dann wirklich ein Vasallenstaat werden. Pünktlich veröffentlichte ich dies alles. Und neun Monate später fiel Scharon in den Libanon ein, nachdem er Begin und das Kabinett über seine Ziele angelogen hatte.

Allgemein wird behauptet, dass der Krieg politisch eine Niederlage war, dass er aber militärisch ein Erfolg war. Das entspricht längst nicht den Tatsachen. Keine Einheit der israelischen Armee erreichte rechtzeitig ihr Ziel – wenn überhaupt. Der von Israel installierte Diktator Basheer Gemayel wurde ermordet. Sein Bruder und Nachfolger unterzeichnete einen Friedensvertrag mit Israel, der heute vollkommen vergessen ist. Die Syrer blieben noch jahrelang im Libanon. Die israelische Armee befreite sich endlich nach einem Guerillakrieg, der noch volle 18 Jahre dauerte, während die verachteten und unterdrückten Schiiten im von Israel besetzten Südlibanon die dominante politische Kraft im Lande wurde.

Und am schlimmsten: um die Palästinenser zur Flucht zu bringen, ließ Sharon die barbarischen christlichen Phalangisten in die palästinensischen Flüchtlingslager Sabra und Shatila hinein, wo sie ein schreckliches Massaker anrichteten. Hunderttausende entsetzte Israelis protestierten in Tel Aviv, und Sharon wurde aus dem Verteidigungsministerium entlassen.

Auf der Höhe der Schlacht von Beirut überquerte ich die Linien und traf mich mit Yasser Arafat, der Sharons Widersacher wurde. Seitdem haben wir kein einziges Wort mehr gewechselt und grüßten uns nicht einmal.

ES SAH wie das Ende von Sharons Karriere aus. Aber für Sharon war jedes Ende ein Anfang.

Uri Dan, einer seiner Mitarbeiter, der seine Karriere bei Haolam Hazeh begann, prägte einen prophetischen Satz: „ Diejenigen, die ihn nicht als Stabschef wollen, werden ihn als Verteidigungsminister haben. Diejenigen, die ihn nicht als Verteidigungsminister wollen, werden ihn als Ministerpräsidenten haben“. Heute kann man hinzufügen: Diejenigen, die ihn nicht als Ministerpräsidenten wollten, bekommen ihn als nationale Ikone.

Yitzhak Ben-Israel, ein Ex-General, sagte mir gestern: „Er war ein Imperator“. Ich finde dies eine sehr passende Beschreibung.

Wie ein römischer Imperator: Scharon war ein außerordentliches Wesen, bewundert und gefürchtet, großzügig und grausam, genial und verräterisch, hedonistisch und korrupt, ein siegreicher General und ein Kriegsverbrecher, schnell, um Entscheidungen zu treffen, unerschütterlich, wenn er sie getroffen hat, alle Hindernisse mit schierer Kraft der Persönlichkeit überwindend.

Man konnte ihm nicht begegnen, ohne dass man von dem Machtgefühl, das von ihm ausging, berührt war. Macht war sein Element.

Er glaubte, dass das Schicksal ihn dazu auserwählte habe, Israel zu führen. Er dachte nicht nur so – er wusste es .Für ihn war seine persönliche Karriere und das Schicksal Israels ein und dasselbe. Deshalb war jeder, der ihn zu blockieren versuchte, ein Verräter Israels. Er verachtete jeden in seiner Umgebung – von Begin bis zum letzten Politiker und General.

Sein Charakter wurde in früher Kindheit in Kfar Malal geprägt, einem Kommunaldorf, das der Laborpartei gehörte. Seine Mutter Vera managte die Familienfarm mit eisernem Willen und stritt sich mit allen Nachbarn, den Dorf –Institutionen und der Partei. Als der kleine Arik sich bei einem Fall in eine Mistgabel verletzte, brachte sie ihn nicht in die Dorfklinik, die sie hasste, sondern setzte ihn auf einen Esel und ging mit ihm mehrere Kilometer zu einem Arzt in Kfar Sava.

Als ein Gerücht umging, dass Araber in den benachbarten Dörfern einen Angriff planten, wurde der kleine Arik in einen Heusack gepackt und versteckt.

Viel später in seinem Leben, als seine Mutter, die weiter die Farm managte, seine neue Ranch besuchte, sah sie eine niedrige Mauer mit Löchern für die Bewässerung. Sie rief aus: „Ah, du hast Schießscharten! Sehr gut, durch sie kannst du auf die Araber schießen!“ Wie konnte ein armer Armeeoffizier die größte Farm des Landes bekommen? Einfach, er erhielt sie als Geschenk von einem israelisch-amerikanischen Milliardär mit der Hilfe des Finanzministers. Mehrere zweifelhafte große Deals mit andern Milliarden folgten.

SHARON WAR der typischste Israeli, den man sich vorstellen kann: er verkörperte das Sprichwort (Dessen bescheidener Urheber ich bin): „Wenn Gewalt nicht hilft, dann versuche es mit mehr Gewalt!“

Ich war deshalb sehr überrascht, dass er das Gesetz unterstützte, das Zehntausende von orthodoxen Jugendlichen vom Militärdienst befreit. „Wie kannst Du nur?“ fragte ich ihn. Seine Antwort war: „Ich bin in erster Linie ein Jude und erst danach ein Israeli“. Ich sagte ihm, dass es für mich gerade umgekehrt sei.

Ideologisch war er der Schüler und Nachfolger von David Ben-Gurion und Moshe Dayan, Führer, die an die militärische Macht und die Erweiterung des grenzenlosen israelischen Territoriums glaubten. Seine militärische Kariere begann in Wirklichkeit, als Moshe Dayan 1950 ihn damit beauftragte, eine inoffizielle Einheit, Einheit 101 genannt, zu führen. Diese wurde über die Grenze geschickt, um zu töten und zu zerstören – als Racheakte für ähnliche von Arabern ausgeführte Aktionen. Seine berühmteste Heldentat war das Massaker von Kibia 1953, als 49 unschuldige Dorfbewohner unter ihren Häusern begraben wurden, als er die Häuser in die Luft jagte.

Später, als er dem „Terrorismus“ in Gaza ein Ende machen wollte, tötete er jeden Araber, der mit Waffen erwischt wurde. Als ich ihn später über das Töten von Gefangenen fragte, antwortete er „Ich tötete keine Gefangenen, ich machte keine Gefangenen!“

Zu Beginn seiner Kariere als Kommandeur war er ein schlechter General. Aber von Krieg zu Krieg verbesserte er sich. Das ist ungewöhnlich für einen General; er lernte aus seinen Fehlern. Im Krieg 1973 wurde er schon wie Erwin Rommel und George Patton angesehen. Es wurde auch bekannt, dass er zwischen den Schlachten Meeresfrüchte verschlang, die nicht koscher sind.

DAS HAUPTWERK seines Lebens war das Siedlungsunternehmen. Als Armeeoffizier, Politiker und nach einander Chef von einem halben Dutzend verschiedener Ministerien, galt seine Hauptkraft immer dem Aufbau der Siedlungen in den besetzten Gebieten. Es war ihm völlig egal, ob sie nach israelischem Gesetz legal oder illegal waren. (Alle sind illegal nach dem Völkerrecht, wofür er keinen Pfifferling gab.)

Er plante ihre Lokalisierung mit dem Ziel, die Westbank in Streifen zu teilen, um einen palästinensischen Staat unmöglich zu machen. Dann stieß er diese Idee durch das Kabinett und die Ministerien. Nicht umsonst hatte er den Spitznamen „Der Bulldozer“.

Die „Israelische Verteidigungsarmee“ (IDF, das ist ihr offizieller Name auf Hebräisch) verwandelte sich in die Verteidigungsarmee der Siedler, die langsam im Morast der Besatzung versinkt.

Doch wenn Siedlungen seine Pläne blockierten, hatte er keine Gewissensbisse, sie zu zerstören. Als er den Frieden mit Ägypten unterstützte, um sich auf den Krieg mit den Palästinensern zu konzentrieren, zerstörte er die ganze Stadt Yamit im Norden des Sinai und die angrenzenden Siedlungen. Später tat er dasselbe mit den Siedlungen im Gazastreifen und zog sich so den Hass der Siedler auf sich, seine früheren Schützlinge. Er handelte wie ein General, der bereit ist, eine Brigade zu opfern, um seine strategische Hauptposition zu verbessern.

ALS ER letzte Woche starb, nachdem er acht Jahre lang im Koma lag, bekam er genau von den Leuten Lobeshymnen, die ihn in einen oberflächlichen Volkshelden verwandelten. Das Bildungsministerium verglich ihn mit Moses. Im wirklichen Leben war er eine sehr komplizierte Person, so kompliziert wie Israel.

Sein Hauptvermächtnis war katastrophal: die vielen Siedlungen, die er überall in der Westbank auf die Hügel pflanzte – jede einzelne von ihnen eine Landmine, die mit großem Risiko entfernt werden muss, wenn die Zeit kommt.

Uri Avnery, 18.Januar 2014

(aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *