Wes Brot ich ess des Lied ich sing – zur Berichterstattung der TAZ

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Unter dem Titel „Hat die Taz noch alle Taz(z)en im Schrank?“ schreibt Evelyn Hecht Galinski in der NRHZ (1). Alle Jahre wieder kommt das Weihnachtsfest. Alle Jahre wieder kommen Beilagen in der Taz. Aber die einseitige „Hetzschrift“-Beilage aus der Taz vom 20. Dezember überschreitet das Erträgliche. Ich verstehe sehr gut, dass Zeitungen, wie auch gerade die Taz, die unter großem finanziellen Druck stehen, Geld verdienen müssen. Aber rechtfertigt Geldnot wirklich ALLES? Oder geht die Taz mit dieser „Hasbara“-Beilage etwa konform? Das wäre dann allerdings noch bedenklicher!


Palästinensisches Mädchen macht Rast auf dem Weg zum Wasserholen

Quelle: amnesty international

Diese schreckliche Beilage einer Saar/Hasbara Gruppe arbeitet übrigens mit Behauptungen, durch die der letzte Rest der Wasserrechte, die den Palästinen- sern zustehen, auch noch geraubt werden soll. Das schlimmste aber an dieser Flugschrift ist, dass diese vom Saarländi schen Ministerium für Bildung und Kultur finanziell unterstützt wurde. Gehört das zur Staatsräson für die Sicherheit Israels, dass hier Steuergelder für solch ein Machwerk eingesetzt und verschleudert werden?

In dieser Flugschrift werden unter dem „Deckmäntelchen“ des Titels „Vorsicht die Helfer kommen!“ NGO`s zwischen Hilfe und Hilfsbusiness in Palästina und anderswo, speziell die Hilfsorganisationen und Helfer in den palästinensischen Gebieten angegriffen. Was dieses Pamphlet so gefährlich macht ist, dass es dem normalen Leser, der nicht so mit der Materie des Palästinakonflikts vertraut ist, suggeriert, wie doch der „jüdische Staat“ delegitimiert wird.
Besonders augenfällig erscheint mir, dass gerade Amnesty International angegriffen wird, auf Grund des 2009 auf Deutsch erschienenen umfassenden Berichts von ai, „Troubled Waters“, der sehr eindringlich und nur auf Fakten beruhend die ungleiche Wasserversorgung der Palästinenser gegenüber der von Israel darlegt. http://www.amnesty.de/2009/10/27/israel-verweigert-palaestinensern-zugang-zu-wasser
Dieses „Saar Hasbara Broschürchen“ hingegen bezichtigt aber die Palästinenser, gegen das Wasserabkommen mit Israel zu verstoßen. Diese würden doch tatsächlich nicht genehmigte Brunnen bohren oder Wasserpipelines anzapfen und dadurch das gesamte Wassersystem durcheinander bringen! Der Wasserverlust würde doch in der Westbank bei etwa 33% liegen und in Israel nur bei 11%. Außerdem wird die unzureichende Abwasserbehandlung in den besetzten Gebieten bemängelt, d.h. dass die Palästinenser das verbrauchte Wasser zu zwei Dritteln ohne weitere Behandlung in die Bäche und Flüsse leiten würden und dadurch in das Grundwasser sickern lassen. Soweit die Flugschrift!

Leeres Wasserreservoir im palästinensischen Dorf Jiftlik im Jordantal

Quelle: amnesty international

Aber diese Flugschrift der Aktion 3. Welt Saar vermischt alles und arbeitet in fast allen Behauptungen auf Grundlagen des israelischen Außenministeriums. Die israelische Propaganda über die Marvi Marmara wird benutzt, die Hamas wird verunglimpft und insbesondere die NGO`s in den palästinensischen Gebieten. Auch das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR und die UNWRA hat sich diese Flugschrift vorgenommen. Es wird mit Begriffen gearbeitet, die sich immer negativ für die Palästinenser auswirken sollen. Zitat: „In die Zuständigkeit des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) fallen derzeit rund 10,4 Millionen Flüchtlinge weltweit, während das Palästinenser- Hilfswerk UNRWA etwa 5,3 Millionen Palästinenser als Flüchtlinge registriert hat. Wobei es sich bei erdrückenden Mehrheit nicht um Flüchtlinge handelt, sondern um Nachkommen von rund 900.000 palästinensischen Arabern, die 1948/49 den neu gegründeten Staat Israel verlassen hatten (oder verlassen mussten), deren Flüchtlingsstatus wird also regelrecht vererbt“. Zitat Ende!

Die Autoren gehen also über die Nakba und die systematische Vertreibung und ethnische Säuberung (so Prof. Ilan Pappe) einfach hinweg und wollen dem Leser den unrechtmäßigen Anspruch der Hilfe für die palästinensischen Flüchtlinge deutlich machen. Weiter wird Gaza als Gottesstaat bezeichnet und der Abzug der israelischen Armee 2005 so dargestellt, als ob die Abrieglung des Gazastreifens nicht existieren und Israel nicht die Blockade des Gazastreifens aufrechterhalten würde. Man zitiert Matthias Jochheim, den stellvertretenden Vorsitzenden der deutschen Sektion von IPPNW, der den Gazastreifen als „erweitertes Freiluftgefängnis“ bezeichnet hatte und selbst auf der Marvi Marmara als Passgier war. Auch die Gaza-Hilfsflotte wird diffamiert, und schuld an allem ist nicht Israel, sondern die Hamas. So einfach ist das für die Saar-Broschüre.
Sie verschweigen, wie die katastrophale Situation in den besetzten palästinensischen Gebieten und im blockierten Gazastreifen in Wirklichkeit aussieht. Sie verschweigen wissentlich, dass Israel mittels einer Militärverordnung nach dem Juni-Krieg 1967 alle Wasserabkommen, Quellen, Brunnen in den besetzten Gebieten für den „jüdischen Staat“ nationalisierte (judaisierte). Damit war den Palästinensern der Brunnenbau untersagt und sie waren vom freien Wasserzugang abgeschnitten – ganz nach Israels Besatzerwillkür und -gnade.
Israelische Bulldozer zerstören regelmäßig und mutwillig palästinensische Felder, Ernten und Bewässerungsanlagen. Palästinenser haben kaum Wasser für ihre Haushalte und müssen es abgefüllt in Flaschen und teuer gekauft über weite Wege nach Hause schaffen, während die jüdischen Luxussiedlungen mit Sprinkleranlagen für ihre Gärten und Swimmingpools für das angenehme Siedlerleben ausgestattet sind.

Anwohner holen Wasser bei einer Aufbereitungsanlage in Khan Yunis im Gazastreifen. Etwa 90 % des Wassers in Gaza sind verschmutzt. Quelle: amnesty international

Mehrere 100.000 Palästinenser haben keinen Zugang zu fließenden Wasser. Im völkerrechtswidrig blockierten Gazastreifen ist die Situation noch dramatischer und über 90% des Wassers kommen aus verschmutztem Grundwasser, was regelmäßig zu Krankheiten, insbesondere der Kinder und Babys führt.

Warum fragt diese Saar-Beilage nicht einmal, warum das Abwasser so verschmutzt abgeleitet wird? Weil die jüdische Besatzungsmacht eine Politik der verbrannten Erde und des verseuchten Wassers an den Palästinensern ausübt. Als Besatzungsmacht verstößt Israel gegen die IV. Genfer Konvention, wenn es die Installationen zur Wasserversorgung der besetzten palästinensischen Bevölkerung zerstört. Wasser ist Leben und ein Menschenrecht!
Erst sterben die Olivenbäume, dann das Vieh und zum Schluss die Menschen. Ich stimme Richard Falk, dem UN-Sondergesandten für die besetzten palästinensischen Gebieten völlig zu, wenn er Israels Intentionen eines schleichend begangenen Genozids an den Palästinensern nennt!http://www.jpost.com/Diplomacy-and-Politics/Canada-calls-for-dismissal-of-Richard-Falk-for-accusing-Israel-of-genocidal-intentions-335446
Zu diesem Thema empfehle ich auch noch den Bericht eines wirklichen Experten, nämlich den des deutschen Hydrologen und in der Westbank lebenden Clemens Messerschmid, als detaillierte Gegenposition zu der TAZ-Beilag! http://www.amnesty.ch/de/laender/naher-osten-nordafrika/israel-besetzte-gebiete/dok/2011/wasser-vortragsreihe-clemens-messerschmid-ramallah

Wasser aus Sprinkleranlagen einer israelischen Siedlung im Jordantal verdunstet in der Mittagssonne  Quelle: amnesty international

Wer steckt aber wirklich hinter der Aktion 3. Welt Saar und der unsäglichen Flugschrift über das „Hilfsbusiness“? Zuerst einmal wäre da ein „freier“ Journalist namens Alex Feuerherdt („Brandstifter“ würde besser passen) zu nennen. Besagter Feuerherdt betreibt auch den Blog „Lizas Welt“, der sich in die Reihe der „Israel Versteher“-Blogs unrühmlich einreiht! „Jungle World und H.M. Broder lassen grüßen“!http://lizaswelt.net/

In dieser Aktion 3. Welt Saar hat sich eine passende Crew gefunden.
http://www.a3wsaar.de/fileadmin/user_upload/flugschrift/flugschrift-hilfsbusiness-vorsicht-die-helfer-kommen-2013-12.pdf. Schlimm, dass diese Broschüre vom Ministerium im Saarland und damit vom Saarländischen Steuerzahler mit finanziert wird. Noch schlimmer, dass auch ein Vortrag von Alex Feuerherdt im kommenden Februar zum gleichen Thema: „NGO`s zwischen Hilfe & Hilflosigkeit – Beispiel Palästina“ in Saarbrücken wieder vom Ministerium für Bildung und Kultur des Saarlandes unterstützt wird und dass Mitveranstalterin außer der Aktion 3. Welt Saar e.V. doch tatsächlich die Heinrich Böll Stiftung Saar ist! Feuerherdts Steckenpferd sind eben Vorträge zum Thema Antisemitismus, und mir ist schon – außer mit seinen Artikeln gegen mich – vor allem mit seiner Rezension von Prof. Moshe Zuckermanns hervorragendem Buch, „Antisemit“! unrühmlich aufgefallen, weil er das Buch als „Pamphlet“ bezeichnete! Das sollte eigentlich für sich sprechen und so stehen bleiben!

Zu einer fünffachen lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt: Marwan Barghouti

NRhZ-Archiv

Zum Schluss noch etwas anderes: Ich würde mir sehr wünschen, dass Marieluise Beck, „Menschenrechts-Ikone“ der Grünen und Mitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, einmal den gleichen Elan für die Freilassung der zu Unrecht einsitzenden palästinen-sischen Häftlinge, wie z.B. die von Marwan Barghouti, an den Tag legen würde, wie sie sich für den wegen mehrerer schwerer Delikte verurteilten Ex-Yukos-Oligarchen und keineswegs nur politischen Häftlings einsetzte. Nicht umsonst verweigerte schließlich der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte Michail Chodorkowski die Anerkennung als Häftling aus Gewissensgründen!

Man konnte Marieluise Beck auch in der Ukraine und der Opposition unter Klitschko erleben. Auch ihr Einsatz für die andere verurteilte Ex-Oligarchin Julia Timoschenko war bemerkenswert. Ganz anders verhielt sich Frau Beck 2011 anlässlich eines Israel-Besuchs, zusammen mit ihrem grünen Namensvetter Volker Beck, der auch schon einmal auf einem Israel Kongress sprach: Als der südafrikanische Richter und Beauftragte des UN Menschenrechtsrats und Autor des Goldstone Reports, nach der israelischen Gaza-Aktion Gegossenes Blei (http://www.themen.palaestina-heute.de/Gaza-Krieg/Hecht-Galinski_am_3_1_/hecht-galinski_am_3_1_.html) bekannte, er würde den Bericht nach seinem heutigen Kenntnisstand nicht mehr so verfassen – der verlorene Sohn, Richard Goldstone hatte damals in den zionistischen Schoss seiner ursprünglichen Wurzeln zurückgefunden – da wollte Frau Beck Israel nicht zu Unrecht vorverurteilt sehen und rügte alle, die den Goldstone-Report für eine einseitige Kritik missbraucht hätten, sie sollten nun innehalten und ihr Verhalten überdenken.
Mein Wunsch für die Feiertage und das neue Jahr 2014: Alle deutschen „Menschenrechtsexperten“ sollten einmal innehalten und ihre einseitige Unterstützung für den Menschenrechtsverletzer- und Besatzer-Staat Israel überdenken. Wurden doch in den letzten Tagen 3 Palästinenser von der IDF ermordet und mehrere schwer verletzt. Damit erhöhte sich die Zahl der von der IDF dieses Jahr ermordeten Palästinenser lt. AFP auf 28 Opfer der „Israelischen Verteidigungsarmee“! Sie sind so zynisch, dass sie Razzien in Jenin und anderen Flüchtlingslagern im besetzten Westjordanland mit einer „zunehmenden Gewaltbereitschaft“ der Palästinenser begründen. So lassen sich dann auch die brutalen Morde vor der Weltöffentlichkeit in Weihnachtsstimmung schönreden.
Außerdem wird in gleicher Regie wie das Theater der Friedensverhandlungen zwischen der „Vichy- PA“ und Israel und der angekündigten Freilassung von 28 palästinensischen „Langzeithäftlingen“ parallel dazu der Bau von weiteren 2000 neuen Wohnungen im besetzten Palästina von Israel bekannt gegeben! Ganz im Sinne von Ministerpräsident Netanjahus Aussage bei einem Treffen mit führenden Mitgliedern seiner rechten Likud Partei: „Wir werden nicht einmal für einen Augenblick aufhören, unser Land zu errichten, stärker zu werden und den Siedlungsbau zu entwickeln“! Eine mehr als traurige Botschaft vom „jüdischen Staat“ der alles will, nur keinen Frieden!
In diesem Sinne nochmals nachdenkliche Festtage und trotzdem einen guten Rutsch! (PK)
Evelyn Hecht-Galinski ist Publizistin, Autorin und Tochter des 1992 verstorbenen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Heinz Galinski. Ihre Kommentare für die NRhZ schreibt sie regelmäßig vom „Hochblauen“, dem 1165 m hohen „Hausberg“ im Badischen, wo sie mit ihrem Mann Benjamin Hecht lebt.
2012 kam ihr Buch „Das elfte Gebot: Israel darf alles“ heraus. Erschienen im tz-Verlag ISBN 978-3940456-51-9 (print), Preis 17,89 Euro.

 

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