Sexting

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Sexting: Mädchen stellen Nacktfotos ins Netz ohne sich der Risiken bewusst zu sein

Trend aus den USA greift auch in Deutschland um sich

von Dr. Rudolf Hänsel, Lindau (Bodensee) und Dr. Albert Wunsch, Neuss

Eltern sind meist ahnungslos, was ihre Töchter – und manchmal auch ihre Söhne – treiben: Beim so genannten „Sexting“ („Sex und „texting“) versenden sie erotische Fotos oder Nacktbilder per Smartphone an Freunde oder laden sie in sozialen Netzwerken hoch. Dabei unterschätzen die Jugendlichen die Risiken der schnellen und nicht mehr zu kontrollierenden Verbreitung ihrer Bilder. Dieser Trend, der aus den USA kommt, greift auch in Deutschland um sich. Was sind die Ursachen dieser hemmungslosen Zurschaustellung des eigenen Körpers? Mit welchen möglichen unerwünschten Folgen ist zu rechnen und wie können Eltern und Lehrkräfte die Jugendlichen davor schützen? Erziehungswissenschaftler und Psychologen reagieren alarmiert.

 

Was ist Sexting?

Für die Jungs sind die Mädchen-Fotos meist Trophäen oder Status-Symbole.

Für die Mädchen ein Weg, sich in äußerst auffallender Weise in Szene zu setzen.

Die Verbreitung solcher Fotos ist für Jungen/Jugend-Cliquen häufig einfach “ein Spaß“ oder eine Gelegenheit, spezielle Schülerinnen zu mobben. Für von Mädchen ‚abgehängte’ Freunde dagegen bieten die Fotos eine gezielte Rachemöglichkeit.

Die so genannten ‚Sozialen Netzwerke’ sehen das Ganze als ein Geschäft. So macht

Facebook es den Neugierig-Suchenden ganz einfach: Die Aufforderung im Internet lautet: „Um dich mit I Love Sexting zu verbinden, registriere dich doch.“

 

Zur Verbreitung von Sexting

In der niedersächsischen Stadt Cloppenburg haben Ende Oktober fünf Schulleiter mit einem offenen Brief an die Eltern Alarm geschlagen, weil das Problem unter den Schülern Überhand genommen hatte. Auch in Schleswig-Holstein ist das Phänomen bekannt. So stellen die Mitarbeiter der Aktion Kinder- und Jugendschutz seit einem Jahr fest, dass die Fälle zunehmen. Fünf Fälle von Sexting sind bisher an einer Schule in Osthessen bekannt geworden – und der Schulleiter sagt: Das ist nur der Gipfel des Eisbergs. Manche Jungs haben 200 Nacktfotos von Mädchen auf ihrem Smartphone – und die werden dann weiter verschickt. Laut einer britischen Studie aus dem Jahr 2012 versenden dort 25 Prozent aller Jugendlichen solche Fotos. Nach einer Studie der Hochschule Merseburg haben bereits 19 Prozent der 16- bis 18-jährigen Mädchen und elf Prozent der Jungen schon einmal erotische Fotos oder Filme von sich gemacht. Etwa sechs Prozent haben diese ins Internet gestellt. Und auch jenseits des Schulalters geht es weiter: „Sexting“ ist an der Uni völlig normal (Berliner Kurier v. 27.7.12). Die FAZ titelt: „Fotos verbreiten sich unter Jugendlichen wie ein Lauffeuer.“

 

Offensichtlich ausgeblendete Gefahren

Vielen, die sich so freizügig präsentierenden, ist offenbar gar nicht klar, was mit ihren erotischen Fotos passiert; für sie kommt das böse Erwachen dann zu spät. Denn die Betroffenen sollten mit heftigen Reaktionen rechnen, wenn ihre Bilder im Internet für Furore sorgen, auch wenn alles anfangs so ganz vertraut und ungefährlich aussieht: Bloss-Stellungen, als Schlampe bezeichnet werden, schweres Mobbing, sich nicht mehr auf die Straße oder in die Schule trauen, bis hin zum Suizid. Als ‚Spätfolgen’ werden die Betroffenen einplanen müssen, innerhalb von Bewerbungsvorgängen mit diesen Fotos konfrontiert zu werden, denn Arbeitgeber schauen auch ins Internet. In diese gefährliche Situation geraten immer mehr Kinder weil, Eltern ihnen viel zu früh Smartphones mit Internetzugang überlassen, ohne sie für die zahlreichen Risiken zu sensibilisieren und ohne mit ihnen klare – auch schriftlich formulierte – Nutzungsvereinbarungen zu treffen. Denn wenn schon 20 Prozent der Fünftklässler mobilen Internetzugang und damit rund um die Uhr Vollzugriff auf die komplette Erwachsenenwelt mit all ihren medialen Auswüchsen haben, dann sollte sich wenigstens Niemand über ein solches Agieren der Kinder wundern. Mit den Folgen sind Eltern und Lehrer häufig völlig überfordert oder wissen gar nichts davon.

 

Ursachen Fragen und Folgen

Den Mädels geht es meist um Identitätsfindung, Beachtung und Anerkennung. Das ist ein wichtiges und nachvollziehbares Anliegen. Gerade die Pubertät hat die Funktion, dazu Erfahrungsfelder zu schaffen. Hilfreich sind solche ‚Ausprobier-Räume’, wenn von ihnen keine offensichtlichen Gefahren ausgehen und die Mädchen und Jungen einen familiären Schutzraum haben. Die Frage, die sich stellt: Wie können Kinder und Jugendliche zu einer starken Persönlichkeit werden, ohne sich einem – mal wieder aus den USA herkommender – negativen Trend anzuschließen? Was muss im Elternhaus vorhanden sein, damit solche, den nackten Körper herausstellende Aktionen möglichst gar nicht passieren? Wieviel Widerstandskräfte bzw. Resilienz ist notwendig, um sich als Jugendlicher von sich selbst entblößenden Aktivitäten in einer Clique abgrenzen zu können? Wie finden Jugendliche in Freundeskreise hinein, welche positive Trends setzen?  Was ist in unserer Gesellschaft schief gelaufen, dass die über Jahrhunderte wirkende Schutzfunktion der Scham ihre Wirkkraft verloren oder stark eingebüßt hat?

 

Wofür die Eltern zu sorgen haben

Innerhalb des gerade neu auf dem Markt erschienenen Buches: „Mit mehr Selbst zum stabilen Ich – Resilienz als Basis der Persönlichkeit“ wird sehr anschaulich die Aufgabe der Eltern verdeutlicht, dass sich ihre Kinder von der Geburt an zu selbstbewussten und widerstandsfähigen Persönlichkeiten entwickeln können. Dazu brauchen sie eine feste und sichere Bindung, viel Aufmerksamkeit und Zuwendung sowie reichlich angemessene Herausforderungen in einem ermutigenden Umfeld. Dies ist der ideale Nährboden für die Entwicklung eines starken psychischen Immunsystems. Die sich dabei bildenden ‚seelischer Muskeln’ sind somit der beste Schutz, nicht in solche Aktivitäten hineinzuschlittern. Ergänzend wären auch die Bedingungen zur Entwicklung eines gesunden Schamgefühls zu berücksichtigen. Denn wenn sich Kindern nicht nackt zeigen oder fotografieren lassen wollen, ist dies nicht nur zu respektieren, sondern auch zu fördern.

Werden die Gefahren von Freundschaftskontakten oder die Weiterleitung von Fotos innerhalb von sozialen Netzwerken im entsprechenden Alter mit den Kindern offensiv angesprochen, sollte ein kleines Argumentationstraining vor einer zu erwartenden Diskussion absolviert werden, um auf so typische Abwehrsätze wie: „Das verstehst du nicht, Mamma! Ich habe jetzt viel mehr Freunde, mit denen ich mich austauschen kann, denen ich Bilder von mir schicken und mit denen ich online spannende Spiele spielen kann. Ist doch super!“ Oder: „Papa, mach dir keine Sorge, da kann nichts passieren, wir haben alles gut abgesichert“ usw. gut vorbreitet zu sein. Aber alle informierenden Gespräche werden kaum erfolgreich sein, wenn Kinder oder Jugendlichen im Elternhaus keine vertrauensvolle und wohlwollende Basis sehen. Ein besonders wirksamer – von innen kommender – Schutzmechanismus ist eine umfangreich vorhandene Lebensfreude und die tägliche Erfahrung, sich in einem emotional sicheren Lebensraum zu befinden. Viele Jugendgruppen, Sportvereine oder soziale Initiativen bieten einen solchen Raum. Sind die eigenen Kinder direkt oder indirekt in die Situation hineingeraten, dass entsprechende Fotos schon im Netzt kursieren, müssen die Fakten auf den Tisch, ohne dass Drohungen oder Verweise deutlich werden.

 

Was die Schule machen kann!

Schulen können – auch ohne dass konkrete Vorfälle offenkundig wurden – in Kooperation mit Fachkräften Informationsveranstaltungen durchführen, um den Eltern vor Augen zu führen, welche problematischen Inhalte und Austausch-Foren es im Netz gibt. Diese können durch Eltern-Info-Briefe zum Phänomen Sexting unterstützt bzw. eingeleitet werden. Innerhalb von Elternkontakten sollte ergänzend immer erneut darauf hingewiesen werden, dass Kinder-Handys auf keinen Fall mit einem Internet-Zugang ausgestattet sein sollten. Viele Eltern haben meist keinerlei Vorstellung von den Gefahren des Internets oder sie bagatellisieren diese Außerdem kann das Thema innerhalb des Unterrichts in unterschiedlichen Fächern aufgegriffen werden, um so Schülerinnen und Schüler zu sensibilisieren. Die gesamte Lehrerschaft wiederum sollte sich dafür einsetzen, dass in der Schule eine Kultur der gegenseitigen Achtsamkeit geschaffen wird, in welcher möglichst solche Aktionen ausbleiben und wenn es doch Vorfälle gibt, das Melden von entsprechenden Foto-Weiterleitungen und Diffamierungen als selbstverständlich betrachtet wird. Lehrkräfte können Eltern Mut machen, diese Thematik mit Ihren Kindern am Familientisch anzusprechen. Aber dazu müssen die Beteiligten informiert sein, sich in der Materie auskennen, damit man sich nicht so schnell aus dem Feld schlagen lässt von den Jugendlichen.

 

Gesellschaftspolitische Implikationen

Die Manager der sozialen Netzwerke haben es geschafft, unseren Kindern mit der Internetwelt eine Abschottungsmöglichkeit vom elterlichen Zugriff und einen Unterscheidungsgewinn gegenüber den Erwachsenen zu bieten, einen Raum, den sie nach ihren eigenen Regeln gestalten. Da von dieser Internetwelt aber Gefahren für ihre seelische, geistige und körperliche Entwicklung ausgehen, sollten Eltern und Erzieher diese abgeschottete Welt der Jugend verstehen lernen, damit sie ihnen in der Auseinandersetzung darüber gewachsen sind. Und sie sollten versuchen – da sich Heranwachsende heute nur schwer etwas verbieten lassen und außerdem jeder heute zur Vorbereitung auf den zukünftigen Beruf den Computer vernünftig handhaben können muss –, ihre Kinder konstruktiv anleitend und je nach Alter mehr oder weniger eng kontrollierend ans Internet heranführen. Bezüglich der Nutzung von sozialen Netzwerken sollten Jungen wie Mädchen unbedingt darüber informiert werden, dass, wenn sie ihre Gefühle oder Körper-Ansichten der ganzen Welt bekannt geben, sie zur Ware werden. Eine Ware, die sie an die Internetfirmen verkauft haben und mit der diese große Gewinne machen. Und das wollen die Jugendlichen meist dann doch nicht.

 

Face to face statt Facebook’!

Der Medienwirkungsforscher Manfred Spitzer geht in seinem Buch „Digitale Demenz. Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen“ auf Wirkungen und Nebenwirkungen der digitalen sozialen Netzwerke ein und kann darüber nur Unerfreuliches berichten, was Eltern und Erzieher aber unbedingt wissen und überdenken sollten. Sein Fazit: „Das Internet ist voller scheiternder Sozialkontakte, die vom Vorgeben, dass man ein anderer sei, über Schummeln, Betrügen bis hin zur groben Kriminalität reichen. Es wird gelogen, gemobbt, abgezockt, aggressiv Stimmung gemacht, gehetzt und diffamiert, dass sich die Balken biegen! Wen wundert es, dass soziale Netzwerke bei den jungen Nutzern vor allem zu Einsamkeit und Depression führen?“ (S. 128) Um dem entgegen zu wirken, hat z.B. in der Schweiz „Pro Juventute“ eine landesweite Kampagne gegen „Sexting“ und Cyber-Mobbing gestartet. Dies ist auch für Deutschland notwendig.

Der Dortmunder Sexualpädagoge Michael Hummert rät Eltern zu einer besonnenen Reaktion, wenn ihre Kinder eigene Nacktfotos per Handy verschicken. Mütter und Väter sollten dann mit ihnen über die Folgen des „Sexting“ sprechen, sie aber nicht mit Drohungen verängstigen. Sonst bestehe die Gefahr, dass sich die Jugendlichen nicht an ihre Eltern um Hilfe wenden. Zuhören wäre allemal besser als sich zu empören, zu verurteilen oder gar zu bestrafen. „Dramatisierung und Aufklärungspädagogik führen überwiegend zum genauen Gegenteil dessen, was man erreichen möchte“, meint auch der Oldenburger Professor Alkemeyer. Laut Alkemeyer taucht „Sexting“ in erster Linie bei Mädchen auf. „Jungen treten eher als Sammler in Erscheinung. Nach wie vor ist es vornehmlich der weibliche Körper, dessen Wert an seiner Ausstellungsfähigkeit bemessen wird“, schreibt der Oldenburger Soziologe, der vermutet, „dass die Schülerinnen an der Sexyness von Stars wie Lady Gaga, Rihanna und Miley Cyrus teilhaben möchten“, indem sie deren Posen nachstellen. Es handelt sich um ein durch neue Medien-Technologien ermöglichtes Experimentieren mit Bildern und Normen der Sexualität. Kinder und Jugendliche brauchen in einem solchen Labyrinth sichere und verlässliche Wegbegleiter, damit sie sich nicht darin verirren.

 

 

 

Zur Person der Autoren:

 

Dr. Rudolf Hänsel

ist Dipl.-Psychologe in eigener Praxis, Erziehungswissenschaftler und Schulberater;

Zahlreiche Buch- und Zeitschriftenveröffentlichungen zur Gewaltprävention, Medien-gewalt, Werteerziehung. www.tugenderziehung.com     info (ät) tugenderziehung.com

 

Dr. Albert Wunsch

Ist Erziehungswissenschaftler, Psychologe, Konflikt-Coach und Paarberater in eigener Praxis. Er lehrt an der FOM in Neuss, der Uni Düsseldorf und hat zahlreiche Buch- und Zeitschriftenbeiträge zu den Themen Erziehungsverantwortung, Partnerschaft und Ich-Stärke veröffentlich. www.albert-wunsch.de

 

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