Mobilmachung gegen das Sitzenbleiben?

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Durch die Pläne der neuen niedersächsischen Landesregierung, das Sitzenbleiben abzuschaffen, ist die Debatte über den Sinn und Unsinn des Wiederholens wieder voll entbrannt. Aber wer vordergründig übers Sitzenbleiben oder die Abschaffung von Noten diskutiert, verdrängt wichtige Zusammenhänge und gesellschaftspolische Implikationen.

Ein Gastbeitrag von von Dr. Albert Wunsch

Ja, Sitzenbleiben steht nicht auf der Hitliste von Schülerinnen, Schülern und deren Eltern. Es ist immer ein deutlicher Einschnitt. Oft wird dieser als Schmach empfunden. Ob damit die Einsicht wächst, ab nun engagierter zu lernen, ist oft ungewiss. Ja, den Zug zu verpassen oder durch falsches Verhalten eine Bewerbung zu vermasseln bringt in der Regel Ärger, wirft einen zurück. Nun aber z.B. den Zug anhalten zu wollen, nur weil Franz oder Franziska mal wieder herumtrödelten, oder Firmen vorzuschreiben alle Bewerber gleichermaßen annehmen zu sollen, kann nicht die Lösung sein. Das Leben lehrt uns immer neu, dass jegliches Verhalten Konsequenzen nach zieht, alles hat seinen Preis hat. Auf die amtliche Mitteilung: ‚Versetzung nicht möglich’ nun mit einer politischen Initiative: Wir schaffen das Sitzen-Bleiben ab’ zu reagieren, blendet Ursache und Wirkung weitestgehend aus. Mit anderen Worten: Wer so agiert, zäumt das Pferd von hinten auf und betreibt Augenwischerei.

Wenn die Politik sagen würde, unsere Schulen sollen so werden, dass Kinder eine optimale Förderung erhalten, dann braucht man keine Diskussion ums Sitzenbleiben. Wer jedoch beim Sitzenbleiben ansetzt, wird in der Regel Leistungen reduzieren und durch geschönte Noten dokumentieren. Der Schritt, das Benoten ganz zu lassen, ist meist nahe liegend. Dann fällt das Sitzenbleiben von alleine aus. Von daher ist zu klären, warum es geht. Wenn die Politik eine gute Schule machen will, dann soll sie eine gute Schule machen. Und wenn diese wirklich gut funktioniert, gibt es ohne populistischen Aktionismus von selbst (fast) keine Sitzenbleiber.

Wenn wir bei den Schülerinnen und Schülern ansetzen, werden schnell vier Personengruppen erkennbar. Da sind zunächst einmal Schülerinnen und Schüler, die nach objektiven Kriterien überfordert sind. Sie sind auf der falschen Schule, weil diese für das vom Kind Einbringbare nicht passt. Der zweite Personenkreis sind die – meist 11- 16jährigen – ‚Rumhänger’, die nichts oder alles Mögliche außer Schule toll finden: Jungs, Mädels, neue Medien, Freizeitinteressen. Dann gibt es Kinder, die aufgrund von belastenden Familienverhältnissen überfordert sind, weil die Eltern sich getrennt haben, weil sie keine Liebe und keine Zuwendung bekommen oder weil andere wichtige Grundbedürfnisse unerfüllt bleiben. Eine vierte Gruppe wird zwar kaum als solche beachtet, obwohl sie eigentlich auffällig ist. Es sind diejenigen, welche sich per neue Medien so in eine Scheinwelt begeben haben, dass sie für das reale Leben nicht mehr ansprechbar sind. Ständig auf Smartphon und Co konzentriert, da existiert kein Raum zur Aufnahme schulischer Lerngaben. In allen vier Fällen hat demnach – zusätzlich zum Wiederholen – etwas ganz Unterschiedliches passieren.

Bei der ersten Gruppe muss es einen Hinweis an die Eltern geben, ihr Kind in eine passendere Schulform zu geben. Es macht keinen Sinn, z.B. alle aufs Gymnasium zu drängen. In der zweiten Gruppe brauchen die Betroffenen einen kräftigen Anstoß, müssten Eltern, Schule und Schüler regelmäßig Zielvereinbarungen – mit entsprechenden Konsequenzen bei Nichteinhalten –  zum Lernen und Verhalten treffen. Ergänzend sind konkrete Gesprächs-Termine zu vereinbaren, in welchen die jeweiligen Zwischenschritte überprüft werden. Im dritten Fall wären – in Ergänzung zu einem ‚Klartext-Gespräch mit den Eltern – Schulsozialarbeiter, das Jugendamt oder eine Erziehungsberatungsstelle einzuschalten, um so Hilfemöglichkeiten ausloten, wie das Kind in einer solch schwierigen Lebenssituation stabilisiert werden kann. Bei der vierten Gruppe sind Eltern und Schule gemeinsam gefordert, mit den offensichtlich in die Abhängigkeit und Isolation geratenen Jugendlichen klar strukturierte, zeitlich/inhaltlich Nutzungsregelungen zu entwickeln, wie z.B. eine Obergrenze von SMS und Gesprächskontakten pro Monat, fest vereinbarte Nutzungszeiten, inkl. einer Nachtruhe fürs Digi-Muti-Teil.

Aber die aktuelle Diskussion greift auch die unterschiedlichen strukturellen Gründe für mehr oder weniger offensichtliche Leistungsmängel nicht auf. Liegt es überhaupt an den Schülern, oder müsste nicht manchmal – salopp gesagt – die die Lehrkraft sitzenbleiben? Sind selbst willige und Fähige Lehrkräfte so ausgebrannt, dass sie nicht mehr können. Soll durch die ‚Nicht-Versetzung’ ein Problem-Fall nur auf einen Kollegen verschoben werden? Gehört vielleicht das Schulsystem insgesamt, die Lernatmosphäre dieser Schule auf den Prüfstand? Wie gut ist das Zusammenwirken ‚Schule und Eltern’? Wird hier wirklich gemeinsame Mitverantwortung gelebt?

Ob das das Wiederholen für die Schüler ein Anreiz, sich zusammenzureißen und zu lernen, oder vielleicht auch den gegenteiligen Effekt hat, ist ungewiss. Sicher werden einige nun erst recht keine Lust mehr auf Lernen und Unterricht haben. Hier sind dann Schule und Elterhaus gleichermaßen gefordert. Fakt scheint zu sein, dass viele Kinder heute kein – oder ein zu geringes – Durchhaltevermögen haben und Ehrgeiz eher ein Fremdwort ist. Aber unsere Gesellschaft baut darauf, dass Leistung erbracht wird, eine Voraussetzung für Ansehen und Besitz, fürs eigenständige Überleben ist. Zu beobachten ist jedoch, dass zu viele – ob Groß oder Klein – nach dem Grundsatz handeln, sich möglicht viele leisten zu wollen, ohne selbst Leistung einzubringen. Ob solche Zusammenhänge gerne zur Kenntnis genommen werden, ändert nichts daran, dass wir selbst- oder mit-verursachte Folgen unseres Handels oder Unterlassens auch auslöffeln müssen. Das sollten – neben den anderen Beteiligten – auch Kinder von früh auf angemessen lernen.

Kinder erobern sich durch neugieriges Handeln ihr Umfeld. Zu oft werden sie jedoch durch Zurechtweisungen: ‚Dafür bist du noch zu klein’, ‚pass auf, dass nichts passiert’ in ihrem Explorationsverhalten gestoppt. Auch eine zu geringe Beziehungs- und Umgangszeit wirkt sich negativ aus. Werden sie bei ihrer Welterkundung jedoch gefördert, wird Wollen, Können und Lebensmut wachsen. Für solche Kinder ist es kein Schaden, ‚wenn es sich durch eine Zurückweisung’ minderwertig fühlt, sondern ein Glück, weil es ein Ansporn für weitere Entwicklung ist. Es wird schnell versuchen, durch Kompensation diesen Mangel anzugleichen, um bald wieder einen anerkannten Platz in der Gemeinschaft zu haben’, so Alfred Adler, der Begründer der Individualpsychologie. Setzt dieser Vorgang nicht ein, was bei nicht einem großen Teil der heutigen Kindern und Jugendlichen anzunehmen ist, dann wird es höchste Zeit, diese Selbstverantwortung erlernen zu müssen. Denn nach der Erfahrung, nicht mehr ‚Sitzenbleiben zu können’, wird diese – falls überhaupt noch im Blick ist, durch Arbeit Geld zu verdienen – aufs Berufsleben übertragen werden. Können und Leistungsbereitschaft als Voraussetzung für ein eigenständiges Leben werden so ausgeklammert. Statt dessen wird ein Leben im Schlaraffenland angestrebt. Es waren Jugendlichen, die ‚Harzen’ zur Berufs- und Lebens-Perspektive erklärten.

Kindern und Jugendlichen benötigen zum Heranwachsen stabile emotionale Rahmenbedingungen, um sie zu einem Leben in Eigenständigkeit und Selbstverantwortung zu führen. Um zu lernen, sich für Zielerreichungen auch anstrengen zu wollen, sind ergänzend auch bald einsetzende positive bzw. negative Konsequenzen unabdingbar. Das belegen alle Lernforscher gleichermaßen. So erfahren wir ständig neu, dass Menschen sich dann engagiert in Gang setzen, wenn sie Wichtiges erreichen oder Negatives bzw. Bedrohliches vermeiden wollen. Also sollte auch unser Nachwuchs in Schule und im Elternhaus diese Lern-Motivation lebensnah erfahren. Auf das Elternhaus bezogen gebe ich in meiner Beratungsarbeit folgenden Denkimpuls: Wenn ein Schüler wegen Herumhängen oder direkter Lernverweigerung das Versetzungszeugnis nicht bekommt, ist das ja so ähnlich, als wenn sein Geburtstag ausfallen würde. Und dann fallen auch alle damit verbundenen Privilegien wie Geschenke, späteres Nachhausekommen oder erhöhtes Taschengeld aus. Wenn das im Vorhinein klar ist, würde der Anreiz wesentlich größer sein, sich während des Jahres mehr anzustrengen. ‚Ohne Fleiß (und Schweiß) meist kein Preis’, sagt uns der Mund des Volkes immer neu. Wir sollten diesen Wissens- und Erfahrungs-Schatz auch Kindern und Jugendlichen nicht vorenthalten.

Ein Gastbeitrag von von Dr. Albert Wunsch

eingebunden mit Embedded Video

YouTube Direkt

Ein Film von   Steiermark1TV     SPONTAN – „Sitzenbleiben“ ab 2013 adé?

http://www.youtube.com/user/Steiermark1TVGmbH?feature=watch

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