Potentialentfaltung in der Schule von heute

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Auf einer Veranstaltung zu einer neuen Lernkultur, hörte der Berichterstatter Ausführungen die ihn dazu führen, die Schule weiter zu denken, wie eins der dort angebotenen Bücher heißt. Das genau haben die SchülerInnen, ihre Schulleiterin Margret Rasfeld sowie ihr Theorie-Begleiter Gerald Hüther in mir ausgelöst. Insofern ist dies mehr als ein Bericht. Es ist die Reflexion, wie Schule sein sollte und warum.

Ein kalter Januarabend, hunderte stehen Schlange, um Einlass zu erhalten an einer kalten Halle für zwei Stunden Vortrag aus dem Schulalltag in Deutschland. Es beginnt mit 4 Schülerinnen und einem Schüler, junge Teenager, die unter anderem darüber berichten, dass sie sich in Herausforderungen zu unbekannten Zielen etwa in Frankreich mit durchschlagen, obwohl es an Sprachkenntnis und Geld mangelt. Und es klappt. Sie kommen von der ev. Gemeinschaftsschule Berlin Mitte und sprechen zu circa 700 Lehrerinnen und Lehrern Professorinnen und Professoren, Schulpolitikern – die Ministerin war in dieser „Roadshow Lernlust“ der Initiative ‚Schule im Aufbruch’, dieser Tage in Bielefeld mit dabei. Sie reden frei und selbstbewusst.

Projekt Herausforderung Projekt Verantwortung und Mut

Sie berichten von besonderen Projekten, an denen sich jede/ Schüler/in beteiligt, wie dem Herausforderungs- und dem Verantwortungsprojekt, in dem die Schüler/innen in besonderer Weise durch das Erfordernis, mutig zu sein und durch die Aufgabe, anderen zu helfen, über sich selbst hinaus wachsen können. Jede/r für sich und in der Gemeinschaft:
„Du kannst in den drei Wochen, in denen du dich einer besondere Herausforderung stellst, in gewisser Hinsicht mehr lernen, als im Laufe eines ganzen Schuljahres. Wir kamen immer aus zwischenzeitlich aussichtslosen Situationen wieder heraus. Wenn es für mich eine Herausforderung ist, dann spannt es meine Motivationskraft an, ich habe ein Ziel vor Augen und lerne das Leben.“
„Das Projekt Verantwortung mit regelmäßig wiederkehrenden Situationen jede Woche ist da noch extremer: Du erlebst, dass es da jemanden gibt, der auf Dich wartet, Du bist gefordert, für jemanden wichtig.“

Foto: Bernhard Trautvetter

Foto: Bernhard Trautvetter

„Die Aufgabe des Sprachbotschafters ist dabei die wichtigste Erfahrung meiner Schulzeit. Ich kümmere mich mit anderen regelmäßig für eine gewisse Zeit um Kinder aus einem sozialen Brennpunkt. Und die Kinder lassen Dich an ihrem Leben teilhaben.
Einmal prahlte ein Kind von seinen Ballerspielen. Ich fragte spontan: „Willst Du das wirklich selber spielen oder tust Du es, weil es Dein großer Bruder will?“ Nach fünf Wochen kam der Schüler stolz: „Ich habe seit fünf Tagen kein Ballerspiel mehr gespielt!“ Ich hatte Tränen in den Augen: ich erlebte, Du kannst etwas bewirken im Leben von Menschen, die es bitter brauchen, denen es wichtig ist, was Du sagst und dass Du da bist. Ich habe meine Leidenschaft gefunden. Ich hatte nicht gesagt, dass ich Ballerspiele scheiße finde, ich habe den Schüler zu seiner Erfahrung gefragt, er hat dann von sich aus weiter überlegt.“
Die Schulleiterin der SchülerInnen, Margret Rasfeld, ordnet das alles theoretisch und die Praxis reflektierend ein; sie referiert ebenfalls frei, und sie hat in Gesprächen mit dem Berichterstatter Aspekte vertieft, die dem Konzept noch mehr Substanz verleihen.

Schule als Beitrag zur Lösung der globalen Bedrohungen für unsere Zukunft

Ausgangspunkt ist die Frage: In welcher Gesellschaft wollen wir leben? Dann führt der Blick auf die aktuelle Lage leichterzu konstruktiven Lösungen.
Wir leben derzeit nach einer Taktung der verschiedensten Lebens- und Tätigkeitsbereiche, die aufeinander folgen. Wenn das so weiter geht, dann fahren wir diese Gesellschaft vor die Wand. Die Konkurrenz um knapper werdende Zukunfts-Chancen, das Drängen, besser als die anderen sein zu sollen, ist ein Verbrechen an den Seelen der Kinder, an den Kindern, an unserer Zukunft. Das selektive Schulsystem tut sein übriges, wenn Kinder im dritten Schul-jahr über Dreien weinen, weil sie fürchten, sie bekommen am Ende keine Gymnasiums-empfehlung und ihr ganzes Leben läuft dann anders. Für einige ist das die Katastrophe.
Sie ist Ergebnis des selektiven auf Mehrgliedrigkeit in sogenannten homogenen Lerngruppen ausgerichteten Bildungssystems. Den sogenannten Königsweg vielleicht zu verfehlen, das führt zu Angst bis hin zu Verzweiflung und Demotivierung. AD(H)S und epidemische psychische Störungen bis hin zu depressiven Störungen und sogar auch Suicid haben hier einen Ausgangspunkt.
Wir dürfen Kinder nicht vor den Kopf stoßen. Das Offenhalten des Bildungsweges so lange es geht ist die Alternative, denn es gibt immer wieder unerwartete Wendungen, die solch frühe selektive Festlegungen ad Absurdum führen.

Foto: Bernhard Trautvetter

Foto: Bernhard Trautvetter

Kinder sind die besten Lehrer, sie haben Ideen, auf die Erwachsene oft nicht kommen. Vor Jahren sagten Schülerinnen und Schüler der Klasse neun der Gesamtschule Essen-Holsterhausen, sie brauchen für ihr Projekt keinen Lehrer, sie können alleine gute Sachen machen. Sie hatten Lust und wollten, dass wir es ihnen zutrauen. Herausgekommen sind Patenschaften für Spielplätze, für ökologische Nieschen, für Senioren in Heimen und vieles anderes Wichtiges vor Ort. Die Schlussfolgerung ist, wir müssen Kindern etwas zutrauen, wir können und sollen an sie glauben.

Das 21 . Jahrhundert verlangt nach Menschen, die mit Komplexität,
Ungewissheit und Unsicherheit umgehen können.

Das Lösen vorgefertigter Arbeitsblätter im 45-Minuten-Rhythmus lähmt die immer dringender erforderliche Krerativität. Die in diese Zeit hinein wachsenden jungen Menschen brauchen nich in erster Linie Möglichkeiten, sich Wissen anzueignen. Unsere Gesellschaft krankt daran, dass sie so vieles weiß und dann nicht entsprechend den Herausforderungen ihrer Zeit handelt. Es braucht heute Menschen, die Wege suchen, finden und ausprobieren, Wissen in Handeln umzusetzen. Wir brauchen die Verbindung von Handeln und Lernen, wir müssen handeln lernen, lernen zusammen zu leben.
Zentrale Prüfungen, Erziehung zur Konkurrenz, die Begrenzung von Lernprozessen auf Fachleistungswissen, die Taktung nach stundenrhythmus, all das macht aus Schule auch noch eine Beziehungs-Verhinderungsanstalt. Dabei ist die emotionale Rahmengebung nicht erst heute entscheidende Gelingensbedingung für das nachhaltiges Lernen, und das nicht nur, wenn es um Komplexität und Ungewissheit, sondern immer wenn es um Menschen geht. Dieses Wissen ist intuitiv im Menschen angelegt, auch wenn sich dem viele verschließen, um zu funktionieren.
Gegen seine Intuition und Überzeugung zu handeln ist der größte Faktor zur Begünstigung von Burnout und ähnlichen Krafträubern.

Wenn wir gegen die Erkenntnis handeln, dass es aus Menschlichkeit und als Antwort auf die Herausforderungen unserer Zeit geboten ist, dass kreative, selbstständige, kritische und sozial engagierte Persönlichkeiten die Zukunftsgefährdungen bewältigen, dann geben wir auch uns selbst auf. Wir streben alle nach Zugehörigkeit und Kooperation.
Die Klimakatastrophe, Ressourcenverknappung, der demografische Wandel mit dem immer schnelleren Älterwerden der Gesellschaft, die wissenschaftlich-technische Revolution und die Beschäftigungskrise, all das zwingt uns, die gesamte Art und Weise, wie wir in unserer Gesellschaft leben, auf den Prüfstand zu stellen. Und das nicht irgendwann, sondern jetzt. Viele Gestalter dieser Veränderungsprozesse der nächsten Jahrzehnte sind heute Kinder und Jugendliche, also Schülerinnen und Schüler. Nur wenn wir die allseitige Persönlichkeits-entwicklung konsequent und mutig begünstigen, werden sie vielleicht doch noch bewältigen, was ihnen die Generationen ihrer Väter, Mütter, ihre Vorfahren hinterlassen.

Alleine das Thema Rationalisierung und Automatisierung verdeutlicht den unmittelbaren Handlungsdruck: In zehn Jahren werden circa 50 Prozent der heute von Menschen ausge-führten Handlungen in der Wirtschaft von Maschinen übernommen sein. Wir gehen in eine Welt, in der es schon morgen Herausforderungen, Werkzeuge und Abläufe gibt, die wir heute nicht kennen und die wir uns teilweise auch nicht vorstellen können.
Klar ist, dass die Anpassungs- und Kooperationsfähigkeit, den Menschen auf der Erde befähigt hat, in alle extrem unterschiedliche Lebensbereiche als Gestalter vorzudringen. Sie ist Grundlage dem entsprechend die Grundlage für sein Überleben angesichts der Zukunfts-gefährdungen ist.Um diese Fähigkeit zu entwickeln, ist ein frühest möglicher Beginn existenziell. Und dies gilt für jeden Lebensraum und in den biografisch frühen Phasen der Persönlichkeitsentwicklung eines jeden.

Das Große im Kleinen, nicht aufgeben, immer weiter gehen

Das Kleine im Großen findet sein Pendant im Großen im Kleinen. Für Schule heißt das, eine Beziehungskultur als Basis des Lernprozesses von Beginn an macht Lehrerkräfte zu Tutoren in handlungsorientierten Lernprozessen, die lange positiv nachwirken können: Jede Lehrkraft kann für die persönliche Begleitung der Schullaufbahn einzelner SchülerInnen auf ihrem Weg ins Leben außerhalb der Schule eine ganz persönliche Begleitperson werden; die dabei erlebbare Bindungssicherheit begünstigt die individuelle und soziale Handlungsfähigkeit und Persönlichkeitsentwicklung ist. Pflichterfüller, Fließbandarbeiter, Befehlsempfänger, die sich in einer so-als-ob-Scheinrealität auf ihre Zukunft vorbereiten, werden scheitern und mit ihnen die ganze Gesellschaft. Rilke sagte dazu: „Wonach die Zeit am sehnlichsten verlangt, das sind immer wieder die großen Individualitäten, die anders sind: denn immer ist mit ihnen die Zukunft gewesen.“ (Jahrhundert des Kindes, 1902) Rilke geht es dabei konkret darum, wie er in einem seiner Gedichte schrieb:
„Laß dir Alles geschehn: Schönheit und Schrecken. Man muß nur gehn:
Kein Gefühl ist das fernste. Laß dich von mir nicht trennen.
Nah ist das Land, das sie das Leben nennen.“ (Das mönchische Leben)
Und zu diesem lebendigen Leben gehören Beziehungen, sie sind der gute Geist für das Gelingen der Gemeinschaft. Eine Schülerin der Gemeinschaftsschule Berlin Mitte bringt das alles für sich zusammenfassend auf den Punkt: „Ich habe einen dreihundert-Seiten-Roman geschrieben. Ich kenne die Heldin noch nicht so gut. Ich habe aber mich besser kennen gelernt.“

Menschengerechte Schule, Menschengerechte Gesellschaft

Der Hirnforscher Gerald Hüther sagte im Anschluss, ein Gehirn strukturiere sich so, dass es optimal in die Seinsbedingungen passt, in denen es lebt. Gelingensbedingungen sind etwa Komplexe Beziehungsmuster mit stabiler Bindung und anregungsreiche Motiation. Sie bedeuten, dass sich Potentiale zur Realitätsbewältigung und –gestaltung wunderbar entfalten. Wer genügend Möglichkeiten hat, sein Potential zu entfalten, entwickelt eine Individualität für die Bewältigung komplexer Lebenssituationen. Die eigene Lust am Lernen, am Entdecken und Gestalten aber wird in einer Schule, die auf Selektion, Training und Überprüfung ausgerichtet ist, im Keim erstickt. Auch die Kanzlerin hat in einem Gespräch spontan geäußert, wenn das alles stimme, dann brauchen wir ganz andere Schulen. Das stimmt. Gefühle sind Lernbegleiter. Ist etwas für den Menschen wichtig, dann kann er auch noch in spätem Alter eine Fremdsprache lernen, etwa aufgrund einer neuen Liebe im Lebensabend. Das Gehirn sortiert, was dem Menschen wichtig ist und was nicht. Neuroplastische Botenstoffe wirken wie Dünger für Gehirnzellenvernetzungen, die sich dann stabilisierne können. Wir merken uns, was uns wichtig ist. Begeisterung steckt an. Ein Lehrer war mit 9 Jungs für Wochen rund um die Uhr in zwei Zimmern untergebracht und alle Beteiligten übten acht Stunden am Tag. Danach gaben sie mehrere Konzerte vor jeweils hunderten begeisterten Zuhörern, jetzt sind sie gerade auf einer Finnland-Tournee. Ich lerne daraus, dass es darum gehen muss, den Menschen Zeit zu geben für ihre Leidenschaften, Meister an ihre Seite – etwa gute Lehrkräfte – und Herausforderungen für ihre Neigungen. Dann werden sie über sich hinaus wachsen.

An der Gemeinschaftsschule Berlin Mitte können SchülerInnen die Werkstatt-AG ‚Lehrerfortbildung’ wählen. Dann gehen sie an

Foto: Bernhard Trautvetter

Foto: Bernhard Trautvetter

Schulen, die entsprechende Anfragen stellen und berichten, wie eine gehirnentsprechende Schule konzeptioniert werden muss. Selbst große Unternehmen profitieren von derartigen Fortbildungen. SchülerInnen der 7. bis 12. Klasse diskutieren als Referenten mit Managern und leben am eigenen Beispiel vor, was möglich ist, wenn man ressourcen- und nicht defizitorientiert den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Ein Zuhörer aus einer solchen Fortbildung kommentierte im Anschluss: Wenn mir ein Kind in die Augen schaut, kann ich nicht mehr beliebig sein. Das Brandenburgische Kultusministerium unterstützt, dass 6 Schulen regelmäßig von den fortbildenden SchülerInnen erfahren, was sie anders machen können.

Die SchülerInnen erleben den Sinn ihres Tuns und entwicklen dadurch Hingabe. Das heißt, sie verlieren sich in einem Tun, sie verbinden sich mit etwas, sie erleben sich intensiver, da sie sich mit diesem Tun als wichtig erleben für die Vision einer menschengerechten Schule und Gesellschaft, da sie sich als wichtig für interessierte Mitmenschen erleben, da sie sich einer Sache verschrieben haben, die größer ist, als sie selbst. Dann lernen sie viel leichter Aufgabenlösungen etwa aus dem Bereich der Mathematik oder des Sportes oder einer Sprache… Hier wird am lebenden Beispiel offenbar: Bildungsprozesse sind Selbstbildungsprozesse, die sich nicht von außen erzwingen lassen. Unsere aufgabe besteht darain, Rahmenbedingungen zu schaffen dafür dass die Menschen sich bilden, dass sie ihr Potential entfalten. Das ist die Aufgabe der Schule im 21. Jahrhundert.

Bernhard Trautvetter

 

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