Interview mit Bernhard Trautvetter

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Mahatma Gandhi

Ein Interview mit Bernhard Trautvetter, einem Aktivisten der Friedensbewegung und Anhänger der gewaltlosen Veränderung nach dem Vorbild Mahatma Gandhis. Oftmals wird die Stimme der Friedensbewegung z.B. in Afghanistan oder Libyen nicht verstanden und sogar in ihr Gegenteil verkehrt. Eintreten für Frieden ist in einer an Gewalt gewohnten Welt für den Normalbürger nicht leicht nachvollziehbar. Sind doch unser Alltag und die Medien gespickt mit Hunderten von Untaten. Ein Geschäft gegen die „Langeweile“, die Sucht der Gewalt scheint Normal zu sein.

TV-ORANGE: Wenn die Friedensbewegung ihren Protest erhebt, so wird diese Stimme in der Öffentlichkeit oftmals verkehrt wahrgenommen. Die Kritik am Vorgehen der Nato in Libyen, genauso wie die Kritik an Türkei und Nato wird oftmals als Unterstützung der Regimes wie Assad oder Gadhafi aufgefasst. Wie stehen sie dazu?

Trautvetter: Diese Kritik gliedert sich in verschiedene Facetten. Keine davon setzt sich konkret mit der Argumentation der Friedensbewegung auseinander, sondern es wird gegen eine Uminterpretation der  Argumentation  der Friedensbewegung argumentiert. Wer den mächtigen Gegner Nato kritisiert und eine gewisse Wirkung in der Öffentlichkeit erzielt, muss mit solchen Unterstellungen rechnen.

Dass es eine grüne  Facette der Kritik an der Friedensbewegung gibt, betrübt mich. Ich vermisse Petra Kelly und Gerd Bastian. Beim Thema Libyen hieß es, wir stehen mit China und Russland gegen die Nato-Position und damit an der Seite von Antidemokraten. Das ist so bitter, wenn man sich schaut, dass mittelalterliche Diktaturen auf der arabischen Halbinsel mit am Krieg beteiligt waren.

Die direkt konservative Facette stellt die Friedensbewegung als bestenfalls naiv oder gar willfährige bis leichtsinnige Zuträger der Diktatoren dar, gegen die sich das jeweilige Volk aufbäumt. Wir fallen dann dem libyschen oder syrischen Volk quasi ‚in den Rücken‘. Realpolitik sei demgegenüber unideologisch, durch keine pazifistische Brille beschränkt. Die Welt sei nun einmal nicht so, dass an sich sympathische Ideen wie die Gewaltfreiheit ‘ realistisch seien.

Zu den Argumenten, die Friedensbewegung befände sich auf der falschen Seite gilt: Unsere Forderung nach Waffenembargos ist keine Parteinahme für Despoten. Und das Argument, man schütze die Bevölkerung mit NATO-Waffen passt nicht zur Realität. Zum einen verwendet die Nato für chirurgisch genannte Schläge bunker- und panzerbrechende Waffen, die mit besonders hartem ab-gereichertem Uran umhüllt sind. Im Moment der Detonation verstrahlen sie die Umgebung und Menschen vor Ort. Der vermeintliche Schutz nimmt die Form von Todesstaub an. Der Spiegel berichtet in Ausgabe 51/2012 darüber unter dem Titel  ‚Die Kinder und der Staub‘.  Zum anderen sind die Legitimationsgeschichten der Nato-Staaten allzu oft manipuliert.  Es gab weder Massenvernichtungswaffen im Irak, noch Massakerfotos vor dem Einstieg der Nato in den Balkankrieg, hier manipulierten Militärs und Meinungsmedien  Bürgerkriegsszenen für ihre Propaganda um. Bürgerkrieg ist eine zweiseitige Auseinandersetzung im Gegensatz zur einseitigen Täter-Opfer-Situation eines Massakers. Die Serie der Halbwahrheiten und Ganzlügen ist durchgängig. In Libyen wurde der Weltsicherheitsratsbeschluss 1973 (Schutz der Zivilbevölkerung) durch seine Überreizung zugunsten des Regime-Wechsels gebrochen – mit zehntausenden Toten bei über 20000 ‚Luftschlägen‘ – das Wort klingt netter als der Begriff ‚Bombardement‘.

Vom Recht des Stärkeren müssen wir zurück zum Völkerrecht. Sonst jagen wir uns die aus den Fugen geratende Erde noch um die Ohren. Man kann kein Land zum Frieden und zur Demokratie bomben.  Das eskaliert nur die Spirale, bis die Situation den Befehlshabern entgleitet. Wer der Logik der Gewalt Öl ins Feuer gießt, gefährdet zumindest die Lebensfähigkeit der Großregion, in deren Herz der Atomwaffenstaat Israel liegt.

TV-ORANGE:  Welche Möglichkeiten bieten sich, dieser öffentlichen Irritation zu entgegnen? Sind diese „Missverständnisse“ in ihren Augen unverbesserlicher Ansichten. Und wenn sie diese Aufklärung im Detail nicht versuchen, lohnt sich dann überhaupt Friedensarbeit?

Trautvetter:  Friedensarbeit lohnt sich solange Menschen  leben. Es gibt nur dann Zukunft, wenn die Menschheit lernt, Konflikte friedlich zu lösen. Der Vietnamkrieg ging für die USA verloren, da die kritische Gegenöffentlichkeit erfolgreich war. Die Pershing II und Cruise Missile verschwanden aus Deutschland, weil wir die Lüge von der Nach-Rüstung in aller Öffentlichkeit entlarvten…  Daraus ist zu lernen: Wir müssen Aufklärung mit Massenmobilisierung verknüpfen. Und wir können darauf setzen, dass Aufklärung ankommen kann, wenn sie sich nicht einschüchtern und einlullen lässt, sondern anklagt. Der Anfang ist die gesunde Skepsis wenn die Propagandisten beschwichtigen, ablenken, abwälzen, verfälschen, mit Halbwahrheiten über die Mainstream-Medien Gehirne zu vergiften versuchen. Es beginnt mit der Klarheit, dass die Wahrheit bei Krieg immer auf der Strecke bleibt. Sei es, als Hitler sagte, man habe gegen Polen zurückgeschossen. Oder als die US-Navy im Golf von Tonking von Nordvietnam angegriffen worden sei, oder dass der Irak kurz vor der Atombombe gestanden habe, oder dass man die Türkei gegen eine Aggression Syriens schützen werde und dass Westeuropa vor iranischen und koreanischen Atomraketen geschützt werden muss…. Auch Afghanistan zeigt, die Bevölkerung ist durchaus für genaue Argumente ansprechbar.

TV-ORANGE: Sind die Konflikte nicht viel komplizierter, als die jeweiligen Etappen des Konfliktes es erkennen lassen. Ich denke nur an den Anfang der Proteste in Syrien. Keiner aus der Friedensbewegung kritisierte, dass hunderttausende friedlich gegen ein unterdrückendes System in Syrien protestierten.

Trautvetter: In der Tat sind Kriege viel komplexer, als  Propagandisten glauben machen wollen. Ich habe schon seit langem einen Artikel auf der Website des Friedensratschlages, der Assads ‚Gewaltregime‘ und die ‚Gewaltausbrüche gegen die Opposition‘ kritisiert. Insofern stimmt schon an diesem Beispiel  der Vorwurf, die Friedensbewegung sei einseitig beweisbar nicht. Es ist Aufgabe der Friedensbewegung, deutlich zu machen, dass Kriege nicht im Frieden enden, sondern in Siegen über Menschen, die den damit zusammenhängenden Massenemotionen den Keim der nächsten Eskalationssteigerung schon in sich tragen.

TV-ORANGE: Ist es nicht logisch, dass sich zumindest Teile dieser breiten Bewegung gegen die staatlichen Übergriffe, spätestens bei den ersten Morden an der friedlich protestierenden Zivilbevölkerung auch verteidigen mussten.

TrautvetterGandhis Antwort war, es gibt keinen Weg zum Frieden, der Frieden ist der Weg. Die Spirale der Gewalt muss durchbrochen werden. Sonst werden nur Wege zur Lösung zerbombt. Logisch ist, dass die Komplexität des Totentanzes auf der Achterbahn der Gewalt nur im Selbstmord der Zivilisation enden kann. Gewalt ist eine Kapitulation des menschlichen Geistes. Nur Waffenembargos, atomwaffenfreie Zonen,  gewaltfreier Widerstand, Nichtkooperation mit der Gewaltmaschine nach Gandhis und M.L. King’s Vorbild oder auch Hildegard Goss-Meyer, usw. ist Arbeit am Frieden. Es ist allerdings auch logisch, dass die Friedensbewegung darauf hinweist, dass so legitimierte sogenannte „Menschenrechts“kriege strategischen Interessen folgen. Und diese beziehen sich nicht nur auf  Öl und Marktanteile, sondern auch auf die Entwicklung des Kriegshandwerks. Die Stufe, an der die Nato diesbezüglich jetzt arbeitet, ist die Fusion von Luftwaffe, Space- und Cyber-war. So hat die US-Army triumphiert, dass sie den Krieg gegen den Irak auch deswegen gewonnen hat, da sie mit dieser Integration große Erfolge erzielen konnte (vgl. u.a.: http://usmilitary.about.com/library/milinfo/affacts/blairpowerinoperationdesertstorm.htm). Wir dürfen nicht so naiv sein, zu verschlafen, dass die Neuausrichtung der Bundeswehr der Nato-Strategie für ‚Warfare in the 21. Century‘ folgt, zu der im Oktober in Kalkar eine Konferenz stattfand. Hier wird das Friedensgebot der Verfassung und des Völkerrechts der Siegstrategie geopfert. Das wird in allen Missionen der Nato-Staaten so systematisch weiter entwickelt, dass Friedensfreunde alle Verantwortung haben, nicht mehr ‚wehret den Anfängen‘ zu rufen, sondern den Auswüchsen in allen Konflikten entgegenzutreten. Das gilt in Nordafrika, am Golf und im Nahen Osten, usw.

TV-ORANGE: Wann also geschah ihrer Meinung nach eine qualitative Veränderung im Syrien-Konflikt? Kann man denn überhaupt trennen, die Bevölkerung ist doch immer noch da und sie steht weiterhin im Widerspruch zu dem Regime.

TrautvetterChristen, Juden, Alewiten, Kurden, Schiiten, Moslems, Linke, Pazifisten, innere Opposition, äußere Opposition, El Quajda, der Mossad, Saudi Arabien,  der CIA, Iran, das Nato-Land Türkei, von dessen Süden aus die Freie Syrische Armee operiert, Salafisten, Katar …  sie alle bilden einen unüberschaubaren Kontext für den Satz, dass dies wieder einmal ein Konflikt ist, der militärisch nicht zu lösen ist. Von der Bevölkerung zu sprechen unterstellt einen einheitlichen Körper, der so nicht existiert. Die qualitative Änderung markierten Proteste etwa aus dem kurdischen Teil der Bevölkerung, die nicht nur die Staatsangehörigkeit einforderten sondern auch Freiheit: Während mehrerer Demonstrationen etwa in der südsyrischen Stadt Daraa gab es Tote. Der Staatsapparat griff zum Mittel der Gewalt, und es gab Berichte, dass es auch auf Seiten der Opposition zu Gewalt kam. Der Sicherheitsapparat Syriens ist wesentlich verantwortlich zu machen für die Eskalation von Gewalt bei friedlich begonnenen Ereignissen. Bomben und Artillerie auf Wohngebiete stellen ebenfalls den Übergang in eine neue gefährliche Qualität der Auseinandersetzungen dar.  Die Aufschaukelung verantworten beide Seiten. Die USA haben die Opposition als Vertretung Syriens anerkannt, die EU wertet die syrische Opposition in Gesprächen in Brüssel und mit Zuwendungen auf, Groß Britannien spricht von Waffenlieferungen, die laufen lange schon etwa aus Saudi Arabien, das gerade verlautbart hat, dass 100 Mio. $ an die Opposition gehen sollen.

Die staatliche Anerkennung einer Opposition gegen einen UNO-Staat durch UNO-Staaten steht im Gegensatz zum Völkerrecht. Wenn Anan die Vermittlung aufgab, dann weil er statt Unterstützung seiner Mission von mehreren Seiten das Gegenteil erlebt hat. Brahimi hat noch nicht aufgegeben, ihm geht es aber sicher nicht anders. Hier findet eine spiralförmige Steigerungskette qualitativer Sprünge statt, die in  mir höchste Sorgen aufbringen. Die Patriot-Systeme der Nato, darunter die Bundeswehr werden mit der Lüge begründet, man müsse die Türkei gegen Angriffe aus Syrien schützen. Assad hat an allem Interesse, aber nicht an einem Krieg gegen die Türkei. Dass die Weltöffentlichkeit mit demokratisch klingenden Argumenten und friedlichen Schutzvokabeln hinters Licht geführt wird, stellt keinen neuen qualitativen Sprung dar. Das ist normal.

TV-ORANGE: Aber der Protest der Bevölkerung ist doch nach wie vor wie schon zu Anfang gerechtfertigt und jetzt nach der eskalierenden Gewalt des Regimes doch umso mehr. Wie kann denn einer solch komplizierten Situation Rechnung getragen werden, wenn das Verhalten der Türkei oder der Nato zum Hauptproblem gemacht wird. Wo bleiben da die Menschen von Syrien ?

Trautvetter: In der Bevölkerung gibt es Angst vor einem Sieg islamischer Fundamentalisten, wie es in ihr Anhänger dieser Möglichkeit gibt. Es gibt Teile, die als Gegner Assads auf seiner Seite bleiben, weil sie fürchten, was danach kommt, ist schlimmer. Die Westdeutsche Allgemeine berichtete auf ihrer Website im August von Angriffen seitens syrischer ‚Rebellen‘ auf ein von UN-Mitarbeitern genutztes Hotel. Die Neue Zürcher schrieb am 18.10.12: „Je länger der Konflikt dauert, desto mehr wächst der Argwohn in der Stadt. Die freitäglichen Protestkundgebungen ziehen weniger Leute an, seitdem sie durch die Milizen der Freien Syrischen Armee überwacht werden. … Hadji Marah rügt denn auch den Mangel an Begeisterung für die Sache der Aufständischen vonseiten der Bewohner der Innenstadt.“

Die Nato ist nach allen Erfahrungen nicht am Frieden interessiert, also für eine Lösung das, was der Bock als Gärtner wäre.

Wir brauchen in dieser Region, die ein Hexenkessel am Tank der Erde ist, eine Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit, auf der Feinde miteinander reden können müssen und sollen, denn andernfalls wird immer eine Seite versuchen, die andere auszuschalten, und das ist das Gegenteil von Frieden. Wir brauchen die Umsetzung des Beschlusses der Konferenz zur Überprüfung des Atomwaffensperrvertrages, im nahen Osten eine atomwaffenfreie Zone einzurichten. Und wir müssen verhindern, dass die Türkei im Windschatten des Konfliktes versucht, den Konflikt mit den Kurden dies- und jenseits der Grenzen mit dem ‚Recht des Stärkeren‘ vom Nato-Gebiet aus zu lösen…

Die Friedensbewegung braucht wieder die Kraft, die sie entfaltete, als die Ostermärsche gegen den Atomtod aufkamen, als der Vietnamkrieg immer schmutziger wurde, als die Nato versuchte, Enthauptungswaffen, die die Vorwarnzeit von Atomwaffen unterhalb der Minuten für die Überprüfung eines eventuellen Fehlalarms trieb, in Westeuropa dauerhaft aufzustellen…. Andernfalls droht der Moment, dass einmal das sogenannte „Krisenmanagement“ versagt. Dann brauchen wir keine ökologische Katastrophe mehr, um die Existenz der Menschheit aufs ‚Spiel‘ zu setzen.

Ich danke Ihnen für Ihre aufschlussreichen Antworten und wünsche Ihnen und den Bemühungen für den Frieden möglichst viel Erfolge in 2013.

 

2 comments for “Interview mit Bernhard Trautvetter

  1. Fx
    12. Februar 2013 at 16:58

    Tausend Dank für das Interview. Manchmal könnte man schon meinen, es gäbe gar keine Friedensbewegung mehr. Zum Glück gibt es noch Leute wie Bernhard Trautvetter. Dass er Petra Kelly und Gerd Bastian vermisst, kann ich nur zu gut verstehen. Diese mit den Natogrünen von heute zu vergleichen, ist jedoch genauso abwegig, wie Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg mit der heutigen SPD.

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