Dorian Gray – Ein Narzisst in einer narzisstischen Gesellschaft

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Überraschend neu adaptiert im Osnabrücker EMMA-Theater 

Die ständige Selbstbespiegelung des Narzissten, der unfähig ist, zu seinem wahren Selbst und  echter Liebe zu dringen, zeigt sich in den vielen Spiegel im Zuschauer- und Theaterraum, die sich bis ins Unendliche reflektieren. Alles vermischt sich, wo fängt das Publikum an, wo hört das Theater auf?  Sind wir in einer zunehmend narzisstisch orientierten Gesellschaft nicht alle mehr oder weniger Dorian Gray? Ist alles machbar und möglich oder gibt es so objektive Werte?

Von Sigrid Lehmann-Wacker

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Der Jüngling und sein Einflüsterer: Von links nach rechts: Alexander Jaschik, Thomas Kienast

Dorian Gray, ein vollendet gut aussehender Jüngling und von der feinen Londoner Gesellschaft gehätschelt wird vom erfolgreichen Maler Basil Hallward auf Öl porträtiert.  Dort entdeckt der durchtriebene Lord Henry den jungen Mann, die Einflussnahme auf den Jüngling soll  Lord Henrys Experiment werden. Er macht ihm seine besondere Schönheit bewusst und stiftet ihn zu einem hedonistischen Leben ohne Rücksicht auf Moral an. „Wenn ich stets jung bleiben könnte, und das Bild müsste altern! Dafür würde ich sogar meine Seele geben!“  ruft Dorian aus.  Dass sich sein Wunsch erfüllen wird und ihn von nun an magische Erfahrungen machen lässt, schockiert ihn erst einmal.

In Dorian Grays Liebesbeziehung zur Schauspielerin Sibyl Vane, hervorragend gespielt von Maria Goldmann, scheinen beide das wirkliche Leben mit theatralischen Rollen zu verwechseln, was zuerst lächerlich, dann tödlich für Sibyl endet. Als Sibyl, da erfüllt von echten Gefühlen zu Dorian, bei einer Aufführung schlecht schauspielert,  lässt der sie prompt fallen, war er doch mehr in das glänzende Imago der jungen Frau statt in ihrer Person  verliebt.

Dorian lässt sich vom Dandy Lord Henry  weiter zu einem Leben, in dem es ausschließlich um Sex, Drogen und andere Sinnesfreuden geht, überreden. Nach und nach gerät der ehemals naive Gray, eindrucksvoll dargestellt von Alexander Jaschik, zum skrupellosen Verführer. Doch der Preis dafür lässt nicht lange auf sich warten:  Obwohl Dorian Gray in der gehobenen Gesellschaft äußerlich immer noch den untadeligen Snob geben kann, geschützt von seinem Reichtum und Aussehen,  kündigt sein Bildnis den Zerfall seiner Seele an. Gray kann die Möglichkeiten der grenzenlosen Selbstverwirklichung nicht wirklich genießen, er muss die Reizdosis ständig erhöhen. Der nicht altern wollende Gray hinterlässt eine Blutspur in seinem Bekannten- und Freundeskreis. Wer auf sein Blendwerk hereinfällt ist bald gesellschaftlich, seelisch und/ oder finanziell ruiniert. Lord Henry kommentiert das von ihm provozierte Geschehen mit zynischer Genugtuung: „Die Gesellschaft respektiert zahlungsfähige Persönlichkeiten“, und  „Unaufrichtigkeit sei eine Methode, die eigene Persönlichkeit zu vervielfältigen“, darüber hinaus sei das Zeitalter insgesamt „gemein und lüstern“. Auf dem Gemälde hat der von Hartherzigleit, Opium und Paranoia gezeichnete Dorian Gray plötzlich blutige Hände…

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Tatsächlich Liebe? Von links nach rechts: Alexander Jaschik, Maria Goldmann

Das  Buch, das 1890 erschien und vielen als Teufelswerk galt,  hat allein in den letzten 15 Jahren vier Kinoadaptionen und unzählige Theateradaptionen inspiriert. Das Emma-Theater Osnabrück hat unter Leitung von Alexander Frank den Stoff in rasanten 95 Minuten mitreißend dargestellt.  Kunstnebel und eindringlich psychedelische Musik unterstreichen Dramatik. Die ständige Selbstbespiegelung des Narzissten, der unfähig ist, zu seinem wahren Selbst und  echter Liebe zu dringen, zeigt sich in den vielen Spiegel im Zuschauer- und Theaterraum, die sich bis ins Unendliche reflektieren. Alles vermischt sich, wo fängt das Publikum an, wo hört das Theater auf?  Sind wir in einer zunehmend narzisstisch orientierten Gesellschaft nicht alle mehr oder weniger Dorian Gray? Ist alles machbar und möglich oder gibt es so objektive Werte? Der Autor Oscar Wilde ist als Erzähler in das Geschehen eingefügt. Tragischerweise hatte der Autor 1901, kurz nach der Vollendung seines ersten und einzigen Romans, „seinen“ Dorian Gray kennen gelernt, den unverschämt gut aussehenden, 20-jährigen  Lord Alfred Bruce Douglas, genannt „Bosie“. Gemeinsam mit seinem jungen Geliebten führt der verheiratete Familienvater nun sein Doppelleben in Männerbordellen und Opiumhöhlen.

Als  Bosies Vater Wilde öffentlich einen Sodomiten (das heißt, einen praktizierenden Homosexuellen“) nennt, lässt der sich selbstbewusst zu einer Beleidigungsklage gegen den Beleidiger verleiten. Im Gerichtsverfahren wurden  unter anderem Passagen aus dem Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“ zitiert, das intime Männerfreundschaften mehr oder weniger offen andeutet, um Wilde der damals streng verbotenen Homosexualität zu überführen. Oscar Wilde fühlte sich als umschwärmter Autor geistreicher Theaterstücke zu sicher- er hätte nicht gedacht, dass es dazu kommen könnte, dass er tatsächlich wegen „Unzucht“ verurteilt werden könnte. Die zwei Jahre Zuchthaus ruinierten seine Gesundheit, der Schriftsteller starb  bald nach seiner Entlassung an den Folgen der Haft. In der Inszenierung von Alexander Frank wird dieser Teil der Literaturgeschichte mit aufgenommen, Schriften aus dem Zuchthaus von Wilde mit eingewoben. Patrick Berg als bleicher Oscar Wilde ist ständig mit auf der Bühne, beobachtet von allen Seiten das Geschehen, als ahnt er sein eigenes Schicksal voraus. Stiftete sein eigener Roman das Leben an, es ihm gleich zu tun? Was ist zuerst da, die Idee oder das Leben? Diese und viele Fragen mehr wirft der überaus moderne Roman, überraschend und ganz neu am Emma-Theater inszeniert, auf. Aufführungen finden noch bis Ende März statt.

Von Sigrid Lehmann-Wacker

Fotos: Uwe Lewandowski

http://www.theater-osnabrueck.de/

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Der Autor und sein Bildnis. Von links nach rechts: Alexander Jaschik, Patrick Berg

1 comment for “Dorian Gray – Ein Narzisst in einer narzisstischen Gesellschaft

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