„Die Räuber“ – Schillers unzulängliche Helden

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Schiller, der sich selbst als „Zeitbürger“ verstand, hätte sich über die moderne Adaption seiner „Räuber“ am Osnabrücker Stadttheater gefreut. Heftig, manchmal unter der Gürtellinie und öfters auch wirklich witzig geht es um Ehre, Machttrieb undFreiheitsdrang, werden Männerbündeleien dargestellt. Mit massivem Körpereinsatz, hämmerndem Elektorock und fantasievollen Bühnenbildern. Wann ist ein Mann ein Mann?

von Sigrid Lehmann-Wacker

Räuber-gruppe

Räuberhauptmann Karl von Moor (in der Mitte vorne, Marcus Hering) hat seine Jungs noch voll im Griff. Foto: Marek Kruszewski/Marius Maasewerd

„O über mich Narren, der ich wähnete die Welt durch Greuel zu verschönern, und die Gesetze durch Gesetzlosigkeit aufrecht zu halten , deklamiert der Hauptmann der gefürchteten Räuberbande, Karl von Moor,  gegen Ende des weltberühmten Dramas . „Die Räuber“, das Drama um die Selbstzerstörung einer Familie machte Schiller bei der Uraufführung 1782 über Nacht berühmt. Im Publikum fielen sich bisher fremde Menschen schluchzend in die Arme, schrien, jubelten und ballten die Fäuste. Sie  identifizierten sich mit dem Protagonisten, obwohl dieser Brandschatzungen, Morde und andere Verbrechen zu verantworten hatte. Intuitiv begriffen wohl viele Zuschauer dieses Sturm- und Drang-Stücks, dass es sich um die Seelenqualen eines sich verstoßen gefühlten  Sohnes, eines  sich der „normalen“ Gesellschaft nicht mehr würdig fühlenden Menschens handelt.

Die Handlung:  Karl von Moor, Student der Philosophie, ein Draufgänger mit Herz, hat über die Stränge gelebt. Studium geschmissen, Erbe verjuxt und allerhand derbe Streiche in Leipzig veranstaltet. Dass ihn der Vater deshalb verstößt, lässt ihn verbittern und führt ihn zu wirklich brutalen Gewaltexzessen gegenüber der Gesellschaft, derer er sich nun ausgeschlossen fühlt. Nach Freiheit dürstet es den enttäuschten, verbitterten und ausgestoßenen Männern, die sich um den einst edlen Grafensohn sammeln, um von nun an als Bande in den böhmischen Wäldern zu leben. Karl beschreibt dies Leben im Untergrund so: „Du trittst hier gleichsam aus dem Kreise der Menschheit- entweder musst du ein höherer Mensch sein, oder du bist ein Teufel.“  Eine Tragödie, dadurch  verschärft, da der Vater Maximilian seinen Sohn nie verstoßen hatte, Karl Opfer einer Intrige seitens seines jüngeren Bruders Franz wurde.  Der war auf den Erstgeborenen, der in vielerlei glänzender dastand und auch das Erbe des Grafenreichs hätte antreten dürfen, neidisch. Schlau und skrupellos entledigt sich Franz des Bruders und Vaters. Nebenbei, allerdings erfolglos  versucht er, Karl seine Braut Amalia auszuspannen. Während Hauptmann Karl nur die Mächtigen und Reichen als eine Art Robin Hood strafen will, hat sich seine entfesselte Räuberbande an furchtbare Massaker berauscht, Mütter und Säuglinge getötet, vergewaltigt und sinnlos zerstört.  Als Karl gen Ende des Stückes alle Puzzleteile des Familien- und Gesellschaftsdramas einzuordnen weiß, sieht er keine Chance auf Vergebung und Zukunft. Die inzwischen weltberühmten Worte seiner ihm stets treu ergebenen Amalia  „Mörder, Engel! Ich kann dich nicht lassen!“ erreichen ihn nicht mehr wirklich. Karl tötet seine große Liebe auf ihren verzweifelten Wunsch hin und stellt sich der Justiz.

Räuber-liebe

Auf Liebe und Tod: Amalia (Magdalena Helmig) und ihr Geliebter
Foto: Marek Kruszewski/Marius Maasewerd

Eine zeitlose Tragödie, die vor über 200 Jahren verfasst wurde und sich immer noch täglich millionenfach abspielt:  „Vaterlose“ Jungen und Männer greifen zur Gewalt. Sie wollen endlich etwas darstellen, Rache wegen einer Kränkung ausüben. Ein Psychodrama, das aber auch politisch gedeutet werden kann. Über die Heuchelei der Kirche und andere verkrustete Gesellschaftsformen machen sich Schillers Räuber mit derben, aber geistreichen Worten lustig. Harte Kerle, die in der von Jan Jochymski inszenierten Aufführung am Osnabrücker Stadttheater ihre gewaltverherrlichenden, frauenfeindlichen Parolen rappen. Hintergrund der leidenschaftlich- schnellen Adaption ist die Skyline einer modernen Megametropole, dann, etwas kleiner, einige Baumstämme und ein eingeblendetes Bild eines maroden Hochhauses. Die brutalen Typen, die sich davor schlagen und Mut zurufen,  könnten aus einem tristen Vorort von  irgendwo oder aus der zerbombten Stadt eines Kriegsschauplatzes stammen. Ihre Dolche und Schwerter nun Sturmgewehre, MGs, Kalaschnikows. Ein rasantes Drama, das sich subtil der Jetztzeit nähert ohne die sprachliche Gewalt Schillers anzutasten.

Zuhause im Schloss Moor eine bürgerliche Schrankwand. Der intrigante Bruder Franz ein swingender Schnösel, der ständig Videos filmt, vor allem von sich selbst. Der rebellische Erstgeborene ein r Rocker  mit Herz, dem es weder um Geld noch um Status geht. Beide ohne jedes Maß, überheblich und gegen die bestehende Ordnung. Beide leben ihr Ich hemmungslos aus. Mit bewundernswerter Kraft schreit, kämpft, schlägt sich Marcus Hering als gefallener Held Karl. Patrick Berg als Zweigeborener kontrastiert den Rebell in Lederjacke als aalglatter Anzugträger. Der Vater, Graf von Moor,  gibt keine rechte Führung. Regisseur Jochymski macht es sich und den Zuschauern nicht leicht, ein Urteil über Gut und Böse zu fällen. Das einzige weibliche Wesen im Stück, Amelia,  von beiden Brüdern begehrt, bedingungslos wartend auf ihren „Gott“ Karl. Da fällt der Buchtitel „Wenn Frauen zu sehr lieben“ ein.  

Schillers Werk wurde und wird nach wie aus vielen verschiedenen Richtungen gedeutet und politisch vereinnahmt. Sehen einige darin eine einzige nach außen hin projizierte Seelenlandschaft, legen andere seine Stücke als Aufruf zur Emanzipation von Fremdherrschaft im weitesten Sinne aus. Vielleicht kann eine Synthese beider Auslegungen zu einem umfassenden Verständnis führen.  „O – eitle Kinderei- da steh ich am Rand eines entsetzlichen Lebens, und erfahre nun mit Zähneklappern und Heulen, dass zwei Menschen wie ich den ganzen Bau der sittlichen Welt zugrund richten würden. Gnade- Gnade dem Knaben, der Dir vorgreifen wollte- Dein eigen allein ist die Rache.“

Das Drama läuft noch bis Ende Mai im Theater Osnabrück.  http://www.theater-osnabrueck.de

Fotos: Marek Kruszewski/Marius Maasewerd

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1 comment for “„Die Räuber“ – Schillers unzulängliche Helden

  1. Heiderose Manthey
    27. Februar 2013 at 13:23

    Ein großes BRAVO dem Osnabrücker Stadttheater und Hut ab vor der Autorin dieses Artikels!

    „Eine zeitlose Tragödie, die vor über 200 Jahren verfasst wurde und sich immer noch täglich millionenfach abspielt: ‚Vaterlose’ Jungen und Männer greifen zur Gewalt. Sie wollen endlich etwas darstellen, Rache wegen einer Kränkung ausüben. Ein Psychodrama, das aber auch politisch gedeutet werden kann. Über die Heuchelei der Kirche und andere verkrustete Gesellschaftsformen machen sich Schillers Räuber mit derben, aber geistreichen Worten lustig.“. Mit ganzen vier Sätzen erfasst Autorin Sigrid Lehmann-Wacker das Dilemma der Menschheit.

    Gewalt entsteht, wo Geborgenheit und das Gefühl, in einer Heimat geliebt und sicher zu sein, fehlt. Je nach Anlage der Persönlichkeit kann aber statt Gewalt auch Kreativität entstehen und eine unendliche Sehnsucht danach, das Dilemma der Menschheit „Entwurzelung“ zu besiegen und zu besiegeln.

    Irgendwie sollten wir weltweit einen Aufschrei durch den Äther erschallen lassen, an dem alle teilnehmen, in denen diese Sehnsucht noch wach ist, die Sehnsucht nach Geborgenheit, Liebe, Wärme, Heimat und das Recht auf beide Eltern, auf gesunde Eltern, Eltern, die eben nicht zerschunden sind durch das vorherrschende Weltbild.

    Ein Aufschrei durch den Äther soll ertönen. Ja, ein Aufschrei!

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