Israel Palästina Frieden ist möglich, er braucht Freiheit und Gleichberechtigung

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Gush Shalom Friedensbewegung in Israel. http://gush-shalom.org/ Freiheit, Gleichberechtigung und Menschenwürde für ALLE in Israel und Palästina

Ich persönlich halte nichts von einseitiger Parteinahme. Weder für Israels „Offensiv-Verteidigung“ und hermetische Abriegelung palästinensischer Gebiete, welche nun schon Jahrzehnte zum Leid Aller andauert, noch von einem „Recht des Widerstandes“, mit dem ständige Raketen- oder individuelle Terroranschläge auf die Menschen in Israel rechtfertigt werden.

Und niemand wird mir glauben machen, dass Raketen aus Gaza, die ziellos auf die Menschen in Israel niedergehen, im Vergleich zu der unhaltbaren und barbarischen Politik der israelischen Regierung gegenüber den Menschen in Gaza und Westjordanland moralisch zu rechtfertigen sind. Und ebenso hilft keine Politik von Merkel, Westerwelle oder der EU, die meines Erachtens einseitig Partei ergreift  für Israels Regierung und im Prinzip nur aktionistisch reagiert, wenn es brennt. Oder sogar Benzin ins Feuer gießt mit der Lieferung von militärischem Gerät (U-Boote an Israel, die eine Vorrichtung zum Abschuss von Atomraketen besitzen!). Das schürt nur den Status  Quo und die Lunte des Krieges. 

Ich bin entsetzt, dass ein angeblicher Sprecher der Hamas Abu Zuhri (?) ein Attentat auf israelische Menschen, die friedlich in einem Bus unterwegs sind, ohne jegliche Distanzierung begründet! So die Meldung in einem russischen und österreichischen Magazin.

Quelle: http://german.ruvr.ru/2012_11_21/Hamas-Explosion-in-Tel-Aviv-Reaktion-auf-Israels-Vorgehen/ und http://www.kleinezeitung.at/nachrichten/politik/3170280/anschlag-autobus-tel-aviv.story

Worte für ein friedliches Zusammenleben aller Semiten, Juden, Araber, Palästinenser und Menschen aller unterschiedlicher Kulturen werden so zur einer blutigen Farce!

Daniel Barenboim geht den anderen, den gemeinsamen Weg aller Menschen. Er rief Jugendliche aus Israel und Palästina zu gemeinsamen Musik-Konzerten zusammen! Daniel Barenboim ist ein argentinisch, israelisch, spanisch, palästinensischer Pianist und Dirigent. (http://de.wikipedia.org/wiki/Daniel_Barenboim)

Die europäische Politik ist gefordert mit Herz und Verstand bei einer versöhnlichen und friedlichen Entwicklung für ein gleichberechtigtes Zusammenleben aller Semiten (!), Juden, Araber, Palästinenser langfristig politisch aktiv zu sein und eine politische Perspektive für Freiheit und Gleichberechtigung Aller in Nahost intensiv zu unterstützen.

Wolfgang Theophil

 

Hier sind zwei Statements veröffentlicht von Evelyn Hecht-Galinski und von Egbert Scheunemann, einem Politologen aus Hamburg. Unterschiedliche Sichtweisen und Erfahrungen, aber doch Gemeinsamkeiten:

Die Forderung nach dem Verzicht jeglicher Kampfhandlungen auf beiden Seiten.
Die Vorstellung von einer gemeinsamen  Gesellschaft einem Israel-Palästina, oder einfach Palästina.

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Evelyn Hecht-Galinski ist Publizistin und Tochter des 1992 verstorbenen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Heinz Galinski. Ihre Kommentare für die NRhZ schreibt sie regelmäßig vom „Hochblauen“, ihrem 1186 m hohen „Hausberg“ im Badischen.  Quelle: http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=18450

Außenminister Westerwelle hat wieder einmal ein Kunststück vollbracht. Es gelang ihm in neun Sekunden die deutsche Außenpolitik gegenüber Israel zu erklären: Israel hat das Recht auf Selbstverteidigung und die Pflicht seine Bürger zu schützen. Das hörten wir auf allen Kanälen während seines Israel-Besuches, als er neben seinem Freund und israelischen Kollegen Lieberman stand. Ganz im Geiste von Kanzlerin Merkel, die diese ausgewogene Einseitigkeit gegenüber Israel ja schon seit Beginn ihrer Kanzlerschaft pflegt.

Man vergisst wie immer Ursache und Wirkung. Palästinenser haben das Recht auf Widerstand, ja sie haben sogar die Pflicht, ihre in Gaza eingesperrte Bevölkerung aus ihrer Hoffnungslosigkeit zu befreien. Am vierzehnten November unterbrach die israelische Angriffsarmee die zweitägige Waffenruhe und mordete gezielt. Seit diesem Tag tötet die Armee der israelischen Regierung gezielt die wehrlose Bevölkerung im Gazastreifen – ein brutaler Angriff als Wahlkampfhilfe für zionistisch/rassistische Politiker, gegen jedes Völkerrecht!

Wie ist es möglich, dass besonders deutsche Medien so verdreht über diese brutalen Angriffe berichten? Wie ist es möglich, dass dieses Massaker an der palästinensischen Bevölkerung hier so hingenommen wird? Das zionistische System hat nicht „chirurgisch sauber“ gearbeitet, wie man uns immer weismachen will. Nein sie haben gezielt falsche Häuser bombardiert und willkürlich palästinensische Frauen und Kinder und Zivilisten getötet. Wer gibt ihnen das Recht, Herr über Leben und Tod zu spielen? Meinen sie wirklich dass sie so ausgewählt sind, dass „Gott-Jahve“ sie dazu befähigte? Ist es nicht Blasphemie, einen Gott dafür zu missbrauchen?
In den letzten Tagen wurden durch diese „falschen“ Angriffe ganze palästinensische Familien, mit Frauen und Kindern, Schwangeren und Stillenden zerbombt. Der dicht besiedelte Gazastreifen lässt kein Entfliehen zu, es gibt auch keine Luxusbunker, wie vor Jahren von russisch/jüdischen Oligarchen in Sderot medienträchtig gesponsert. Zumal die israelische Kriegsarmee die Bewohner des Gazastreifens auffordert, in ihren Häusern zu bleiben. So bleibt der schutzlosen palästinensischen Bevölkerung nur, auf das Glück zu hoffen, nicht durch die israelischen Angriffe ermordet zu werden.
Auch die deutsche Filiale des jüdischen Staates, vertreten durch Zentralratspräsident Dieter Graumann, hat sich in einem Interview mit der Süddeutschen gemeldet. Er verurteilte natürlich einseitig die Gewalttaten der Hamas, bezeichnete diese als „Terrorfiliale des iranischen Systems“ und forderte die Bundesregierung auf, die diplomatischen Beziehungen mit Iran abzubrechen. Natürlich verteidigte er das Vorgehen der israelischen Armee und – jetzt kommt die Krönung – kritisierte nicht die Kriegsführung, sondern die „Moral in dieser Auseinandersetzung“, die asymmetrisch sei, weil die Hamas „zynisch Kinder, Frauen, Zivilisten als Schutzschilde missbrauche“ und versuche „die Zahl der Opfer zu maximieren“. Das ist so menschenverachtend und unwahr, da sollte sich Graumann doch einmal bei den Hilfsorganisationen schlau machen, die dieses Märchen der israelisch/jüdischen Seite schon seit längerem zurückweisen.
Graumann versuchte auch, das Vorurteil von überlegenen Israelis und schwachen Palästinensern zu widerlegen und wollte der deutschen Bevölkerung wieder einmal die Vergangenheit nahe bringen, indem er folgenden „Instrumentalisierungssatz“ benutzte: „Die deutschen Verbrechen wiegen in mancher, verschrobener Wahrnehmung nicht so schwer, wenn Juden auch Verbrechen begehen“. Diese schreckliche Sichtweise des Sprachrohrs des israelisch/jüdischen Regimes zeigt die furchtbare Denkweise, die der Zentralrat und die Israel-Lobby haben. Es fehlt ihnen an jeglichem Mitgefühl gegenüber den Besetzten und zementiert die zionistische Politik in Deutschland. Schlimm genug, dass sie die Politiker und Funktionsträger an ihrer Seite wissen.
Sehr spät kritisierte der Abbas-Berater in Deutschland die einseitige deutsche Nahostpolitik. Ebenso Präsident Abbas selbst, ziemlich allein und isoliert in Ramallah, vor dem Scherbenhaufen seiner Politik für die Palästinenser. Endlich braucht es die längst überfälligen Wahlen für das palästinensische Volk, die die Hamas einschließen. Da wird sich zeigen, dass die Palästinenser in der Lage sind, demokratisch zu wählen, gegen korrupte und überholte Politiker!
Ist dieses brutale Massaker außer Wahlkampfhilfe nicht auch eine Übung für einen Angriff auf Iran? Ist es nicht eine Demonstration und Verkaufsveranstaltung für das israelische staatliche Rüstungsunternehmen Rafael Defense System, mit einer Trefferquote von fünfundsiebzig bis neunzig Prozent? Jeder Schuss vom „Iron Dome“, dem israelischen mobilen Raketenabwehrsystem, kostet fünfzigtausend Dollar! Ich erwähnte ja schon Ende Oktober in meinem Kommentar das gemeinsame Manöver der USA und Israels. Das war die Übung für „Iron Dome“, außerdem für die Raketenabwehrsysteme Arrow zwei und Patriot. Außerdem wurde noch ein neues System mit dem blumigen Namen „Davids Schleuder“ getestet, das Raketen mit einer Reichweite von vierzig bis dreihundert Kilometern abfangen soll. Hier war das Beispiel von „Waffenvorstellungen“ und deren Anwendungen, nur das makabere Training für das kommende Massaker.
Es ist also mehr als unanständig, wenn wir immer wieder die Gleichmachung der Angreifer und Angegriffenen vorgeführt bekommen. Hoffen wir, dass durch den Sturm des arabischen Frühlings sich die Großwetterlage so ändern wird, dass das israelische Regime noch einen anderen Wind zu spüren bekommt, dadurch zum „Umfallen“ kommt und zum Einhalten gezwungen wird. Es ist falsch, wenn deutsche und andere Politiker behaupten, der jüdische Staat verteidige seine Sicherheit. Nein, er verteidigt nur die Besatzung und das Unrecht, das er schon seit Jahrzehnten täglich begeht! Die ethnische Säuberung muss gestoppt werden, die Angriffe und Massaker des jüdischen Staates müssen sofort gestoppt werden. Keine Waffen und sogenannte Verteidigungssysteme mehr an das Besatzerregime, keine Kooperationen mit diesem Regime. Wir vertreten keineswegs gemeinsame Werte, diese gibt es nicht mit einer zionistisch/rassistischen Gesellschaft, die alle Werte verloren hat.
Unterstützung des Rechtes auf Widerstand für das palästinensische Volk und endlich die Verwirklichung der UNO-Resolution 194, die das Rückkehrrecht der palästinensischen Flüchtlinge regelt! Solidarität mit dem palästinensischen Volk und der Bevölkerung in Gaza! Für einen gerechten Frieden in Palästina und einen gemeinsamen demokratischen Staat mit gleichen Rechten für Muslime, Christen und Juden!

Es ist zu hoffen, dass der bei den Verhandlungen in Kairo angekündigte „Überwachungsmechanismus“ auch für das israelische Sicherheitskabinett gilt, denn Netanjahu und seine Regierung werden nicht ruhen, bis die Hamas-Regierung und ihre Repräsentanten ausgelöscht sind. (1) Waffenruhe ist kein Waffenstillstand, sondern ein Anfang,aber für wie lange? Mursi und die arabischen Staaten sind viel zu abhängig von westlicher Unterstützung, um frei agieren zu können. Was wird nach zwei Jahren sein? Was kam nach dem letzten israelischen Gaza-Angriff 2008? Die Palästinenser brauchen Sicherheit! Vor allen Dingen müssen die Menschen im Gazastreifen endlich frei von Blockade und Repressalien leben können, dann würde der jüdische Staat keine selbstgebastelten Raketen fürchten müssen. Die vielen tausend Kinder im Gazastreifen, die niemals aus dem größten Freiluftgefängnis der Welt raus konnten, müssen endlich frei wie alle anderen unbesetzten Kinder eine Zukunftsperspektive haben. Palestine has to be free from Jordan until
the Red Sea. (PK)
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Egbert Scheunemann – ein Reisebericht aus Israel im November 20.Nov.2012

Das Heulen der Sirenen begann, als ich gerade durch die Altstadt von Jaffa schlenderte, dem südlichen, sozusagen historischen Stadtteil Tel Avivs. Die Leute sahen sich an. Vielen standen Angst und Schrecken im Gesicht. Einige reagierten eher gelassen. Aber alle suchten umgehend Schutz in angrenzenden Gebäuden. Die maximale Vorwarnzeit bis zum Einschlag von Raketen, wie ich später erfuhr, beträgt nur 90 Sekunden. Ich stellte mich zusammen mit einem Mann mittleren Alters und einem orthodox gekleide-ten Juden samt seiner drei kleinen Söhne in den Tordurchgang eines alten Hauses. Bes-seres fand sich nicht in der Kürze der Zeit. Der Kleinste, vielleicht fünf Jahre alt, klam-merte sich an die Beine seines Vaters, die beiden anderen Kinder, der älteste Sohn viel-leicht zwölf, drückten sich links und rechts an ihn. Der Vater versuchte mit sanfter Stimme, seine Kinder zu beruhigen. Es half nicht viel. Der Kleinste begann zu weinen. Er begriff, er verstand natürlich nicht, was sich hier abspielte. Aber er spürte intuitiv den Schrecken der Situation und die Angst der ihn umgebenden Menschen. Und er sah ihre Gesichter.
Es dauerte noch etwa zehn Sekunden, bis eine heftige Detonation, gefühlte zwei Ki-lometer entfernt, die Luft erzittern ließ. Gleich darauf erlosch das Sirenengeheul. Der Mann neben mir – ich war mit meiner über die Schulter gehängten Kamera unschwer als Tourist zu erkennen – sah mich an und meinte: „Welcome to the Middle East!“

Das war am Freitag, den 16. November 2012. Seit dem 12. November war ich in Tel Aviv, und bis zum 19. November sollte ich dort bleiben. Nach dem Unsommer in Ham-burg wollte ich noch mal ein wenig Sonne tanken und gelegentlich ins Meer springen. Der Besuch Tel Avivs war auch schon länger als Städte- und Kultururlaub geplant. Tel Aviv ist eine pulsierende, moderne Multikulti-Metropole. Es gibt viel zu sehen – und ein knapp 14 Kilometer langer, fast kerzengerade von Nord nach Süd verlaufender brei-ter Strand feinsten, puderartigen, hellbeigen bis weißen Sandes bildet die westliche Grenze der Stadt. Als ich Anfang November meinen Flug buchte, war das Meer noch 26 Grad warm – und als ich in Tel Aviv war noch immer 25 bis 24 Grad. Welch grandiose Voraussetzungen, das Jahr mit einem erholsamen Sommer- und Kultururlaub – vier Wochen vor Weihnachten – ausklingen zu lassen! Vormittags ab in die Stadt und auf Kultururlaub machen, nachmittags an den Strand, abends ins Nachtleben. Was wollte ich mehr? Es kam etwas anders.

Auch Jerusalem stand auf dem Plan. Es liegt nur gute 60 Kilometer von Tel Aviv ent-fernt in südöstlicher Richtung. Der Überlandbus fährt nur eine knappe Stunde. Donners-tag, den 15. November, stand ich früh auf, um möglichst früh in Jerusalem zu sein. Schon die Anreise war beeindruckend. Der zentrale Busbahnhof in Tel Aviv ist ein rie-siger Betonklotz, groß wie ein Fußballfeld, über sechs hohe Stockwerke gebaut. Die Busse starten und halten auf den überdimensionalen Außenbalkonen des Gebäudes. In-nen liegen die Warteräume und die Abfertigungsinfrastruktur. Ganz innen gibt es ein Einkaufszentrum mit vielen, vielen Geschäften. In den ganzen Komplex – der in Jerusa-lem ist bis auf die Außenbalkone analog gebaut – kommt man nur nach Sicherheitskon-trollen, die jenen auf Flughäfen gleichkommen: Taschenkontrolle, Gepäckröntgengerät, Körperscanner. An sämtlichen hermetisch abgeschlossenen Bahnhöfen das gleiche Si-cherheitsprozedere. Überall schwer bewaffnete Wachleute. Überall junge Menschen, Männer wie Frauen, in Militäruniform, die Maschinenpistole geschultert, auf dem Weg in die Kasernen, zu den Militärstützpunkten oder nach Hause. Allein in meinem Bus nach Jerusalem saßen fünf oder sechs. An jeder größeren Straßenecke, jedem größeren Platz, jedem Basareingang fünf oder sechs junge, mit einer Maschinenpistole bewaffne-te Militärs. Vor jeder Bank, vor jedem öffentlichen Gebäude mindestens ein Sicher-heitsmann oder eine Sicherheitsfrau, die Pistole im Halfter.
Eine Gesellschaft im Belagerungszustand. Der Ausnahmezustand als Normalität, die Normalität als Ausnahmezustand. Das Resultat einer zweitausendjährigen Verfolgungs-geschichte, der längsten und schlimmsten in der Menschheitsgeschichte. Die Römer verfolgten die Juden. Auch im Mittelalter, in der Diaspora, als die Juden verstreut waren über ganz Europa, den Nahen Osten und Nordafrika, wurden sie verfolgt und vertrieben. Und selbst nach dem Holocaust, dem Verbrechen schlechthin, ging die Verfolgung wei-ter, vor allem im sich herausbildenden stalinistischen Ostblock. Bis es 1948 zur Grün-dung Israels kam, der einzigen halbwegs funktionierenden politischen Demokratie im Nahen Osten – umringt von feindlich gesinnten feudalistisch-religiösen, monarchisti-schen, autokratischen oder Militärdiktaturen. Es folgten Angriffskriege über Angriffs-kriege gegen Israel. Und seit dem Ausbruch der palästinensischen Intifada Anfang der 1990er Jahre liegen die Grenzgebiete Israels unter Dauerbeschuss durch Raketen. In normalen, ‚ruhigen‘ Zeiten sind es viele Hundert pro Jahr. Der Beschuss ist so normal, dass man in den Medien nur dann etwas davon erfährt, wenn Israelis zu Tode kommen, genügend viele, versteht sich. In Krisensituationen ist es ein Vielfaches. Und wenn sich Israel wehrt und militärisch und strategisch wichtige Ziele, wie jetzt im Gazastreifen, angreift – unter Vorwarnung der palästinensischen Bevölkerung via abgeworfener Flugblätter, sich von militärischen Einrichtungen fernzuhalten –, sind es Tausende.
Die israelische Armee (Israel Defense Forces: IDF) hat sich nach dem letzten Gaza-krieg Ende 2008, Anfang 2009, dessen Zweck es war, möglichst viele Angriffswaffen und militärische Einrichtungen der Hamas und anderer palästinensischer Terrorgruppen zu zerstören, aus dem Gazastreifen zurückgezogen. Die Raketenbeschüsse gingen wei-ter. Israel hat die Grenzen zum Gazastreifen dichtgemacht. Die Raketenbeschüsse gin-gen weiter. Israel hat schließlich den gesamten Gazastreifen unter Blockade gestellt, auch von See her, um die Anlieferung weiteren Kriegsgerätes und vor allem weiterer Raketen zu unterbinden. Die Raketenbeschüsse gingen weiter. Man stelle sich vor, Schleswig-Holstein würde seit Jahren aus Dänemark mit Raketen beschossen werden. Wie wohl die Deutschen auf die Dänen zu sprechen wären – und wie sie sich wohl ver-halten würden, politisch und militärisch?
Die IDF gehen möglichst gezielt gegen militärische Einrichtungen der Hamas und anderer palästinensischer Terrororganisationen vor. Sie töten gezielt hohe palästinensi-sche Militärs, die sie für Anschläge und Raketenbeschuss verantwortlich machen – mit einer Präzision, die staunen ließe, ginge es nicht um den Mord an Menschen. Trifft es unschuldige Zivilisten, sprechen die israelischen Verantwortlichen ihr Bedauern aus. Die Hamas und andere palästinensische Terrororganisationen hingegen schießen wahl-los Raketen auf israelische Städte, um möglichst wahllos möglichst viele Juden zu tö-ten. Die palästinensischen islamistischen Extremisten nehmen die gesamte palästinensi-
sche Bevölkerung in Geiselhaft. Wer von der Linie abweicht und auch nur die Möglich-keit eines Friedensschlusses mit Israel andeutet, ist Kollaborateur und lebt nicht mehr lange. Abweichende Palästinensergruppen werden mit Waffengewalt bekämpft und ver-trieben – wie die Fata aus dem Gazastreifen.
Wer ist schuld an dem, was gerade im Gazastreifen passiert? Die palästinensischen Terrorgruppen, die seit Jahren und ohne Unterlass Israel mit Raketen beschießen – oder die Verantwortlichen in Israel, die in größeren Abständen immer wieder versuchen, das mit militärischen Mitteln zu unterbinden?
Im Bus nach Jerusalem saß rechts von mir auf der anderen Seite des Ganges eine sehr schöne, sehr junge Israelin in Uniform – es gibt sehr viele sehr schöne Frauen in Israel. Wie die anderen jungen Militärs im Bus legte sie ihre Maschinenpistole mal auf den Schoß, mal stellte sie sie senkrecht zwischen die Beine. Der Lauf der – natürlich gesicherten und womöglich gar nicht geladenen Waffe – war so gelegentlich auch auf mich gerichtet. Sollte ich mich bedroht fühlen – oder gesichert? Ich fühlte mich gesi-chert. Denn die ganze Fahrt über gingen mir die vielen, vielen Selbstmordanschläge pa-lästinensischer, in der Regel sehr junger Terroristen auf israelische Linienbusse durch den Kopf, die sich in den 1990er Jahren und auch nach dem Jahr 2000 im Zuge der Ers-ten und Zweiten Intifada ereigneten. Seitdem Israel die Sicherheitsvorkehrungen im eigenen Lande extrem verschärft und die palästinensischen Gebiete im Westjordanland und im Gazastreifen, abgesehen von strengstens kontrollierten Grenzübergängen, her-metisch abgeriegelt hat, ist Schluss mit diesem Terror. Und wieder ist die palästinensi-sche Bevölkerung der Hauptleidtragende, wieder ist sie in Geiselhaft ihrer extremisti-schen Führer. Zwei Völker im Ausnahmezustand. Zwei Völker in der Geiselhaft extre-mistischer Terroristen. Die Palästinenser direkt, die Israelis indirekt.

Was mir in Jerusalem gleich auffiel, war der weit, weit höhere Anteil orthodox geklei-deter Juden. Jerusalem ist insgesamt weitaus konservativer und betulicher als Tel Aviv. Ansonsten aber auch hier das gleiche Bild, was die Sicherheitsvorkehrungen betrifft, und sogar noch etwas heftiger als in Tel Aviv – nicht nur deswegen, weil Jerusalem is-raelischer Regierungssitz ist und sich Heerscharen von Touristen aus aller Welt durch seine Gassen und die heiligen Stätten zwängen und damit in den Fokus der Weltge-meinschaft stellen, sondern auch und vor allem natürlich deswegen, weil hier auf engs-tem Raum, größtenteils getrennt in eigenen Stadtteilen, Muslime, Juden, Christen und viele Anhänger anderer Religionen auf engstem Raum neben-, aber auch miteinander leben. Und in der Regel friedlich neben- und miteinander leben! Muslimische Israelis! Israelische Muslime! Fast ein Viertel der israelischen Bevölkerung sind ethnische Ara-ber, darunter viele ethnische Palästinenser. Wenn palästinensische Extremisten aus dem Gazastreifen Raketen in Richtung Israel schießen, treffen sie mit einer Wahrscheinlich-keit von 25 Prozent Ihresgleichen! ‚Ihresgleichen‘…
Die palästinensischen Gebiete sind so klein und so zerstückelt, dass ein Staat, der nur aus ihnen entstünde, ökonomisch nicht lebensfähig wäre. Wenn es eine Lösung des Konfliktes zwischen Palästinensern und Israelis geben kann und geben wird, dann wird es ein Staat namens Israel-Palästina, Palästina-Israel oder nur namens Palästina sein, so-zusagen ein Jerusalem großgezogen auf ganz Israel und Palästina, ein Land, in dem Muslime, Juden, Christen und Anhänger anderer Religionen, aber auch Weltliche und Atheisten (in Tel Aviv sieht man optisch kaum andere) friedlich neben- und miteinander leben. So wie in der Schweiz vier Sprachgebiete ein Ganzes bilden oder in Manhattan Chinatown und Little Italy und alle anderen, ethnisch oft hochgradig verschiedenen Stadtteile. Hat man je davon gehört, dass verschiedensprachige Schweizer Kantone übereinander hergefallen sind? Oder Chinatown mit Little Italy im Kriegszustand war? Was diese Lösung verhindert, sind die religiösen und völkischen Extremisten. Und die gibt es vor allem auf der Seite jener, die Ungläubige mit dem Tode bestrafen wollen – und es immer wieder tun. Und die sogar die ‚Eigenen‘ umbringen, sollten sie anderer politischer Meinung sein oder gar vom Glauben abfallen. Selbstverständlich gibt es auch auf israelischer Seite religiöse und völkische Extremisten. Aber die rufen nicht zum Mord an Andersgläubigen auf. Und vor allem tun sie es nicht.

Noch als ich in Tel Aviv war – einmal sogar kurz nach einem Fliegeralarm und einer nachfolgenden heftigen Detonation – las ich E-Mails politischer Gruppierungen in Deutschland (ich bin als Politologe im Verteiler sehr vieler solcher Gruppierungen und auch von Parteien, um auf dem Laufenden zu sein und zu bleiben), in denen zu politi-schen Protesten gegen Israel aufgerufen wurde. Von den inzwischen über tausend Rake-ten, die palästinensische Terroristen allein seit Mitte letzter Woche auf Israel abge-schossen haben – kein Wort. In einer dieser Mails war sogar davon die Rede, Israel sei ein Apartheidsstaat wie damals Südafrika. Weil sie von einer Gruppe ausgewiesener antiimperialistischer Vollidioten stammte, für die Israel nur ein Brückenkopf, ein stein-gewordener Flugzeugträger der Amerikaner ist, der den amerikanischen Zugriff auf das Erdöl des arabischen Raumes sichern soll, hatte ich nichts anderes erwartet.
Vorab: Als politisch hochgradig interessierter Mensch und Politologe verfolge ich die Geschehnisse in Nahen Osten seit über dreißig Jahren. Deswegen sind mir die ethni-schen, religiösen und politischen Verhältnisse dortselbst sehr genau bekannt – und vor allem auch, dass Israel ein multireligiöser Vielvölker- und Multikultistaat par excellence ist. Man muss wohl sogar von dem multireligiösen Vielvölker- und Multikultistaat auf Erden sprechen! Nach der zweitausendjährigen Verfolgung der Juden weltweit und nach dem Holocaust als dem unfassbaren Höhepunkt dieser Verfolgung war die Grün-dung Israels ja gerade der Versuch, den Juden dieser Welt eine sichere Heimstatt zu ge-ben – zumindest etwas sicherer als ihre Situation in jenen Staaten, in denen sie immer wieder verfolgt und aus denen sie immer wieder vertrieben worden sind. Deswegen fin-den sich in Israel Juden aus Deutschland und aus Russland, aus Spanien oder Armenien, aus den USA oder Südamerika, aus nordafrikanischen Ländern und Äthiopien – und so-gar aus Asien.
Als ich, nachdem ich schon zwei Tage davor den Multikulturalismus Tel Avis erlebt hatte, Stunde um Stunde durch Jerusalem ging – ich war das erste Mal in Israel und da-mit in Tel Aviv und Jerusalem –, offenbarte sich mir aber sozusagen live, in welchen Ausmaßen die besagte Gruppierung ausgewiesener antiimperialistischer Vollidioten eine Gruppierung uninformierter antiimperialistischer Vollidioten ist: Viele, wie gesagt, orthodox gekleidete Juden kamen mir entgegen, auch sittsam gekleidete jüdische oder muslimische Frauen – aber auch in Massen aufgedonnerte israelische Schönheiten, lo-cker gekleidete junge Mädels aller Couleurs, studentische Typen, wie man sie in Ham-burg oder New York optisch nicht anders erwarten würde, Bankertypen oder andere ‚westlich‘ Aussehende – und desto jünger, desto ‚westlicher‘. Vor allem in den Gruppen bewaffneter Militärs, die, wie schon beschrieben, überall zu sehen waren – sich unter-haltend und lachend, ernst oder gelangweilt – repräsentierten die Multikulturalität Is-raels wie keine andere Gruppe, weil in Israel die wohl strengste allgemeine Wehrpflicht weltweit existiert: Junge Frauen standen neben jungen Männern – buntscheckig in sämt-lichen Hautfarben. Sonnengebräuntes ‚Weiß‘ dominierte, aber ‚Braun‘, ‚Gelb‘ und ‚Schwarz‘ machten mindestens ein Viertel aus. Was ich real erlebte, war exakt das, was mir statistisch, also theoretisch schon bekannt war.
Selbstverständlich findet sich in Israel Rassismus. Je niedriger die Arbeiten – desto dunkler die Hautfarbe. Auch das sieht man, wenn nicht auf dem ersten, spätestens je-doch auf dem zweiten Blick. Aber in welchem westlichen, östlichen, südlichen oder nördlichen Staat fände sich dieser Rassismus nicht?
Um die genannten Exempel des israelischen Multikulturalismus mit einem für mich besonders prägenden Beispiel abzuschließen: Ich lag, wenn ich nicht Tel Aviv oder Je-rusalem erkundete und wenn ich zumindest für eine Stunde in der Sonne liegen oder im Meer planschen wollte, in der Regel am südlichsten Ende des langen, langen Strandes von Tel Aviv – keine 50 Meter entfernt von jener Strandbar, in der am 1. Juni 2001 der Anschlag eines Selbstmordattentäters 21 Menschen in den Tod riss. Das flache Gebäude wurde seitdem in diesem Zustand belassen – als Mahnmal. Von der Seite sieht es aus wie ein Totenschädel im Profil, dem von der Seite die Augenpartie weggeschossen wurde – ein schwarzes Loch, einen schwarzen Sehschlitz hinterlassend.
Am ersten Tag, als ich dort lag, tauchte plötzlich eine muslimische Großfamilie auf – ohne Männer. Es gab nur eine durchaus korpulente, deutlich als Anführerin wahrnehm-bare Mutter, mit Kopftuch und knöchellangem Gewand bekleidet, und vier, fünf ju-gendliche Frauen, ebenso mit Kopftuch, aber ansonsten in ‚Burkinis‘ gehüllt, die vom Hals bis zu den Füßen reichten. Mit denen gingen sie auch – so ungefähr bis zum Po – ins Wasser (man läuft am Strand von Tel Aviv wohl zwanzig Meter, bis einem das Wasser auch nur bis zum Bauchnabel reicht). Schließlich gehörte zur Gruppe auch eine lärmende Horde älterer und kleinerer Jungs – ganz normal in der Badehose und ordent-lich im Wasser und die Mädels nass spritzend. Der Dreikäsehoch war sogar splitter-nackt. Links und rechts und gelegentlich auch mittendrin fanden sich junge israelische Mädels und Touristinnen in Bikinis, die sich vom Nichts nur unwesentlich unterschie-den. Keiner störte sich am anderen. Nur die Jungs äugten oft zu den Nichtsen – aber ganz offensichtlich nicht, weil sie sich daran störten.
Rechts von der Gruppe saß ein kleiner, schneeweißer Mann. Man könnte fast von einem Kalkeimer sprechen. Neben ihm saß seine kleine, schneeweiße Frau oder Freun-din. Man könnte fast von einer Kalkeimerin sprechen. Beide sahen sehr englisch aus. Wahrscheinlich waren es Engländer. Der kleine Mann stand plötzlich auf und rannte wie ein Berserker in Richtung der Felsensteine des Wellenbrechers links, vielleicht 60 Meter hin und zurück. Ich sah, wie seine Partnerin auf eine Uhr guckte. Kaum war er zurück, rannte sie los, die gleiche Strecke. Nun guckte er auf die Uhr. Wahrscheinlich ging es um eine Wette. Als seine Frau oder Freundin zurück war, guckte er entsetzt auf die Uhr. Er gab sie seiner Frau oder Freundin und rannte erneut los – und als er auf der Höhe der muslimischen, durchaus korpulenten Mutter war, rannte die parallel zu ihm mit. Und sie war, trotz ihres langen Gewandes und höheren Alters, fast genauso schnell wie der kleine Mann! Das lag aber vor allem daran, dass er sich durch knöcheltiefen Puderzuckersand pflügen musste und sie auf dem fast brettharten nassen feinen Sand di-rekt am Wasser rannte. Die Leute links und rechts und in der Mitte im Wasser amüsier-ten sich köstlich. Und mit ihnen ein Deutscher aus Hamburg, der, erstmalig und ganz frisch in Israel, aus dem Staunen und Lachen kaum herauskam.
Multikulturalismus live. Leben, wie es sein könnte. Immer. Überall. Vor allem im Nahen Osten. In Israel. In Palästina. In Israel-Palästina.

Der eingangs beschriebene Fliegeralarm war der zweite, den ich in Tel Aviv erlebte. Ich stellte seine Schilderung an den Anfang, weil er mich am meisten berührt hat – womög-lich wegen der Kinder. Und weil ich das erste Mal Angst hatte – womöglich auch we-gen der Kinder. Sie spürten intuitiv den Schrecken, der sich ereignete. Ich sah fast im-mer nur die Kinder an, ich sah in ihre Gesichter, ihre Augen. Ihr Schrecken übertrug sich auch auf mich.
Am Tag davor, als ich den ersten Fliegeralarm erlebte – es soll, wie ich später las, der erste in Tel Aviv seit 1991 gewesen sein –, reagierte ich ganz anders. Der Alarm er-folgte am Donnerstag, den 15. November, also noch am Tag meiner Reise nach Jerusa-lem. Sie hatte sich insgesamt als sehr kurz erwiesen. An der Klagemauer – auch dort ein unglaubliches multikulturelles und touristisches Gewusel – erfuhr ich, dass der Felsen-dom und der gesamte Tempelberg, neben der Klagemauer das zentrale Ziel meiner Rei-se, gesperrt waren. Warum auch immer. Die beiden Polizisten, die ich fragte, konnten es mir in ihrem schwer gebrochenen Englisch nicht erklären. Nur bei meinem Abstieg vom Herzlberg, auf dem sich in Jerusalem der zentrale Busbahnhof für die Überlandbusse befindet, in die Altstadt im Tal konnte ich von einigen Stellen aus auf den Tempelberg sehen und ein paar Fotos schießen.
Also warf ich mich erst mal ausgiebig ins Gewusel vor der Klagemauer. Was ich dort erlebte, hatte eher Kirmescharakter als den einer Andacht – und zwar nicht aufgrund der anwesenden Touristen, sondern wegen der anwesenden Juden. Es wurde gesungen und getanzt – und natürlich auch gebetet. Gruppen orthodoxer Juden feierten mit ihren Kin-dern Feste und Riten, deren Sinn ich nicht verstand. Alle, bis auf die Betenden, waren frohgemut. Und alle, die festlich wie einfach Gekleideten, trugen eine Kopfbedeckung. Das macht man so vor der Klagemauer und vor oder in anderen jüdischen Heiligtümern. Für die Touristen gab es einfache weiße Kippas umsonst. Ich trug zum ersten Mal in meinem Leben eine Kippa. Ich musste sofort an den Rab-bi denken, der vor ein paar Monaten in Berlin, seine kleine Tochter an der Hand, zu-sammengeschlagen wurde, nur weil er eine Kippa trug.

Was hat eine Jude in Berlin mit dem zu tun, was die Verantwortlichen in Israel tun? Gibt es Berichte, dass in Deutschland Russen angegriffen wurden wegen dem, was in Tschetschenien geschah und geschieht? Hat es in Deutschland Angriffe auf Amerikaner gegeben wegen dem, was die amerikanischen Verantwortlichen im Irak oder in Afgha-nistan zu verantworten haben? Nein. Aber in Deutschland können sich Juden optisch nicht mehr als solche offenbaren. Und Synagogen stehen unter Polizeischutz. Warum also auf die Juden in Deutschland und auf alle anderen nicht? Weil nach zweitausend Jahren der Verfolgung der Juden und dem von Deutschen verursachten Holocaust der Antisemitismus sich so tief in die Windungen kranker Gehirne gefressen hat wie keine andere Geisteskrankheit. Der ewige Jude, das ewige Opfer. An allem schuld, die jüdi-schen Weltverschwörer – zumindest in kranken Gehirnen.
Nachdem ich mich im riesigen arabischen Basar, der unweit der Klagemauer beginnt, fast verlaufen hatte, kam ich ganz unverhofft an einer Stelle heraus, die nicht weit von der Jaffa Street entfernt war, die direkt auf den Herzlberg führt. Also beschloss ich spontan, den nächsten Bus zurück nach Tel Aviv zu nehmen. So konnte ich noch kurz an den Strand gehen und ins Wasser springen – und danach in der naheliegenden süd-lichsten Strandbar beim einen oder anderen Feierabendbier den Sonnenuntergang ge-nießen.

Es war schon dunkel, als ich – den größten Teil der Strecke am Strand entlang und vor-bei an Tel Avis imposanter Skyline vorbei – zurück zu meinem Hostel ging. Ich war ge-rade an der Ecke der Ben Yehuda Street. Links gegenüber lag mein Quartier. Da began-nen die Sirenen zu heulen. Fast alle Menschen, die Straßen waren noch recht belebt, hielten inne und überlegten kurz. Der letzte Fliegeralarm in Tel Aviv war, wie gesagt, schon über zwanzig Jahre her. Ich dachte erst an eine Übung. Aber als nach nur weni-gen Sekunden viele Menschen zu rennen begannen, um in die Häuser zu kommen, war mir klar, dass das keine Übung, kein Film, keine Inszenierung war.
Gleichwohl ertappte ich mich in einer Beobachterrolle. Ich hatte keine Angst. Ich war der distanzierte Beobachter, der analytische Politologe. Ich gehörte nicht dazu – dachte ich zwar nicht, aber so fühlte ich. In Situationen existenzieller Bedrohung reagie-re ich fast immer so. Distanziert und rational. Das Kniezittern, das Herzklopfen und die feuchten Hände kommen bei mir fast immer erst später, wenn die Gefahr fast schon vorbei ist. Ich musste das lange Jahre erlernen – warum, das interessiert hier nicht. Ge-heult wird ordnungsgemäß im Stillen. Unter der Bettdecke. Wenn die Gefühle verarbei-ten, was der kühle Verstand davor wahrnahm und analysierte – bis hin zu Berechnungen der Wahrscheinlichkeit, von einer Rakete getroffen zu werden, oder Kalkülen über die Flugbahn und die Flugrichtung solcher Geschosse. Sie kamen direkt aus dem Süden. In dieser Richtung stand vor mir ein großes, hohes Haus. Logischerweise würde es getrof-fen werden, nicht ich, auch dann nicht, wenn die Flugbahn der Rakete zufälligerweise genau auf mich gerichtet sein würde. Wahrscheinlich zumindest.
Ich ging ruhig über die Straße und gleich in mein Hostel. Im kleinen Foyer waren etwa zehn, zwölf junge Menschen in großem Aufruhr. Viele griffen zum Handy, um ir-gendwelche Informationen zu erhalten oder die Liebsten anzurufen. Noch immer heul-ten die Sirenen. Dann hörte man zwei laut krachende Explosionen, direkt hintereinander und fast ineinander übergehend. Die Fensterscheiben zitterten. Viele junge Frauen schrien auf. Kurz darauf hörte man noch einen entfernteren Knall. Dann erlosch das schrille Heulen der Sirenen.
Später erfuhr man, dass eine israelische Abwehrrakete kurz vor Tel Aviv eine von palästinensischen Extremisten abgefeuerte Rakete abgeschossen hatte. Daher der erste Doppelknall. Eine zweite Rakete schlug irgendwo jenseits der Stadt ein. Sie verursachte den zweiten, entfernteren Donner. Eine dritte Rakete soll ins Meer getaucht sein.

Das war der erste Fliegeralarm, den ich in Tel Aviv erlebte, drei Tage nach meiner An-kunft. Am nächsten Tag erfolgte der einleitend beschriebene in Jaffa. Und auch an allen darauf folgenden Tagen gab es mindestens einen Alarm und mindestens eine gleich da-rauf folgende Detonation. Die Medien berichteten kaum von etwas anderem. Die Men-schen diskutierten auf den Straßen, in den Cafés, in den Foyers der Hotels. Ich lernte viele Menschen kennen, Israelis – übrigens, von einem brummeligen Busfahrer abgese-hen, einer freundlicher als der andere –, deutsche Touristen, einen jungen Amerikaner, der halb in den USA und halb in Israel lebte, und eine sehr gut Deutsch sprechende Is-raelin – sie hieß Jaela –, die zwölf Jahre, von der Liebe zu einem Mann getrieben, in Deutschland lebte, nahe Essen. Ich diskutierte mit dem überaus netten und hilfsbereiten jungen Personal des Hostels. Viele Freunde in Deutschland schickten mir E-Mails oder SMS und erkundigten sich nach meinem Befinden.
Ich war plötzlich in einem anderen Film. Ich machte Urlaub im Krieg – der aber nur minutenweise über Tel Aviv hereinbrach. Es dauerte keine drei Minuten nach dem je-weiligen Ende des Sirenengeheuls, als wieder das ganz normale Leben in Tel Aviv einkehrte – mondän, cool, locker. Wie anders!? Jahrzehnte der Bedrohung – es gibt kaum eine israelische Familie, in der nicht mindestens ein Familienmitglied Kriegserfahrun-gen hat – haben die Gedanken und die Seelen geprägt. Leben, wie es kommt. Das Beste daraus machen. Mit Galgenhumor. Einen jungen Israeli, der sich auf Englisch mit einem anderen jungen Mann im Foyer meines Hostels unterhielt, hörte ich Stunden nach einem Angriff sagen: „Die sind zum Treffen doch viel zu blöd!“

Fliegeralarme – das war etwas, was ich bis zu meiner Reise nach Tel Aviv nur aus den lebhaften Erzählungen meiner Eltern kannte, von nüchternen Schilderungen in Büchern abgesehen. Meine längst verstorbenen Eltern – mein Vater wurde 1904 geboren, meine Mutter 1918 – erlebten den Zweiten Weltkrieg und die Bombennächte in Berlin. In den Kellern. Was ich in Tel Aviv erlebte, ist ein lächerlicher Firlefanz im Vergleich zu dem, was sie erlebten – oder was die Menschen im Gazastreifen derzeit erleben müssen, weil sie von ihren extremistischen Führern in Geiselhaft genommen wurden. Gleichwohl hängen beide Ereignisse, der Zweite Weltkrieg und der Holocaust und der derzeitige Krieg zwischen Israel und den palästinensischen Extremisten im Gazastreifen, zusam-men. Ohne den von deutschen Nazis verübten Mord an sechs Millionen Juden wäre es wohl nie zur Gründung Israels gekommen – zumal die Idee, einen eigenen Staat zu gründen, selbst unter den Zionisten und noch viel mehr unter den nicht zionistischen, in der weltweiten Diaspora lebenden, weithin in die jeweilige Kultur, in der sie lebten, in-tegrierten und assimilierten Juden stark umstritten war. Der größte Massenmord in der Geschichte der Menschheit änderte alles. Eine seiner Spätfolgen habe ich Tel Aviv er-lebt.

Ich denke an die Kinder und die Erwachsenen in Tel Aviv und in ganz Israel – und ich denke an die noch viel mehr leidenden unschuldigen Menschen im Gazastreifen. Zwei Völker in der Geiselhaft von religiösen, fanatischen, antisemitischen Extremisten. Die Palästinenser im Gazastreifen direkt, die Israelis indirekt. Leben im Ausnahmezustand, in permanenter Bedrohung. Aber womöglich wird der kleine Junge, der sich in Jaffa an die Beine seines Vaters klammerte, sich in zwanzig Jahren mit einem palästinensischen Jungen aus dem Gazastreifen ein kleines Wettrennen am südlichen Ende des Strandes von Tel Aviv liefern. Bis zum letzten Wellenbrecher und wieder zurück. In einem Staate Israel-Palästina, in dem jeder glauben oder nicht glauben kann, was er will, ohne er-mordet zu werden. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

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