Von der Vorhaut zur Vorhut

In einem kürzlich in der neuen Rheinischen Zeitung erschienenen Artikel schrieb Evelyn Hecht-Galinski zum Urteil des Kölner Landgerichts über die Beschneidung kleiner jüdischer Jungen in Deutschland. (1) Ihr nachfolgender Artikel befasst sich mit der Stimmungslage und ethischen und moralischen Grundhaltung verschiedener Lager zu brisanten politischen Themen.

Es waren Sätze des deutschen Verteidigungsministers De Maizière wie: „Auslandseinsätze der Bundeswehr sind prinzipiell überall möglich. Grundsätzlich gibt es keine Regionen, in denen deutsche Soldaten nichts zu suchen hätten“. Als ich diese Sätze morgens früh, noch im Bett liegend hörte, dachte ich, woran erinnert mich das wohl? Aber es sollte noch schlimmer kommen! Es folgten Sätze wie: „Allerdings könne Deutschland nicht bei jeder Menschenrechtsverletzung Soldaten in ein fremdes Land schicken (merke gute Soldaten kommen in den Himmel, böse überall hin!) und weiter: “ Ein wesentlicher Teil unseres Wohlstands beruht auf den Umgang mit der Welt“.

Ja fragte ich mich, was meint er wohl damit? Unsere Waffen-lieferungen unserer starken Rüstungsindustrie? Unsere U-Boote, nach Israel unsere Panzer nach Saudi Arabien, unsere Militär und Polizei-ausbilder und Experten auch in „nicht gerade unseren Demo- kratie Verständnis“ angehören- den Staaten? Menschenrechte, was scheren uns die? Doch nicht wenn sie im Jüdischen Staat gegen Palästinenser oder Flüchtlinge verletzt werden. Wir sind nur die Hüter dieser Menschenrechte wenn es um uns nicht genehme Regime geht, wie, Syrien unter Assad, oder Libyen unter Gaddafi, oder der Iran unter den Mullahs, oder, oder, oder…. unter anderem. Das kann sich allerdings schnell ändern, heute noch Freund, morgen schon Feind. Gestern lieferten wir selbst noch Waffen an diese „Regime“, heute wollen wir Waffenlieferungen an diese sofort unterbinden. De Maizière sprach sich auch für eine stärkere gesellschaftspolitische Debatte, über die Ausweitung der Bundeswehreinsätze aus. Klar, dass er dem Bundespräsidenten Gauck sehr dankbar war, dass er dafür jetzt einen Anstoß gegeben hatte. Interessanterweise waren beide vor kürzerer Zeit in Israel, welch harmonische Dualität.

Wir liefern U-Boote, Atomwaffen-tauglich, kaufen Drohnen vom jüdischen Staat und erheben Israels Sicherheit zur deutschen Staatsräson. Haben wir jemals eine gesellschaftliche Debatte über die Politik gegenüber Israel geführt? Hat man uns jemals über Auslandseinsätze der Bundeswehr abstimmen lassen? Hat man uns um unsere Meinung über Bankenstützungen, Fiskal-Pakt und Rettungsschirm, oder ähnlichem gefragt? Hat man uns im Kampf gegen die „Finanz-Terroristen“ einbezogen? Nein natürlich nicht, denn die Politiker wissen ganz genau, dass sie schon lange nicht mehr „Volkes Meinung“ vertreten. Wenn die deutsche Mehrheit hinter Günter Grass  und seinem Gedicht steht und stand, dann wird das negiert, d.h. schlimmer noch, wir Befürworter werden alle zu Antisemiten gemacht. Auch deshalb sind De Maizière, Gauck und die vielen anderen, quer durch die Parteien auch so unglaubwürdig und unwählbar geworden. Da gibt es Achsen und Portale (da wird Gilad Atzmon diffamiert), die es sofort in die Hand nehmen die Deutungshoheit über Begrifflichkeiten an sich zu reißen.
Der Pornoverfasser und Publizist H.M. Broder begann eine Schmutzkampagne gegen den Jenaer Oberbürgermeister Jürgen Schröter, nur weil dieser die Pax Christi Kampagne „Besatzung schmeckt bitter“ unterstützt (hat Broder nicht schon genug mit jüdischen Antisemiten und Selbsthassern zu tun?). Gleiches war auch schon Hermann Dierkes vor drei Jahren in Duisburg passiert, oder Walter Herrmann und Klaus Franke, meine Freunde von der Kölner Klagemauer oder jetzt traf es auch Bodo Ramelow, dieser schien mir auch mehr über die Tatsache, dass gerade er ein „Anti-Zionist“ sei, entsetzt ( er war mir auch noch nie als großer Unterstützer in der Linken gegen israelische Menschenrechtsverletzungen aufgefallen, ganz im Gegenteil!) .

 

Dieser BDS-Aufruf unterstützt die Kampagne Waren aus israelischen Siedlungen in Palästina zu kennzeichnen. Warum also diese Aufregung? Auch die Schweizer Migros beteiligt sich und lässt die Kunden entscheiden, ob sie diese Produkte wollen. Wo doch die EU selbst schon einig ist, dass diese „Siedlungs-Produkte“ gekennzeichnet sein müssten. Warum regen sich Broder und seine „Helfer“ also so auf, weil sie ganz genau wissen, dass sie im Unrecht sind und weil dieser Boykott das einzig wirksame Mittel ist, um Israel zu treffen und einige der wenigen Möglichkeiten ist, um Falsch Deklarierungen zu ahnden. Ich persönlich gehe aber viel weiter, ich sage genau wie die BDS-Kampagne, solange Israel die Menschenrechte und das Völkerrecht verletzt, dürfen wir überhaupt keine Waren aus Israel kaufen. Genug der vergossenen Krokodils Tränen und automatischen Empörung der Israel-„Versteher“.

 

Gleiches gilt auch für die Empörung über das Kölner Gerichtsurteil gegen Beschneidung. Endlich hat ein Gericht ein Urteil gesprochen, dass die Rechte des wehrlosen Kindes berücksichtigt. Dieser unmenschlichen Körperverletzung muss endlich per Gesetz ein Ende gesetzt werden. Ich sehe nur sehr schwarz in dieser Sache, da sich auch hier die israelische Politik in deutsche Belange einzumischen scheint, so bat der israelische Knesset (Parlament) Sprecher, Reuven Rivlin schon anlässlich seines Berlin Besuches seinen deutschen Amtskollegen Norbert Lammert, dass „Problem“ durch eine Gesetzgebung im Bundestag zu lösen. Sind das die gemeinsamen „christlich-jüdischen“ Werte, von denen immer gesprochen wird? Werden wir demnächst außer Staatsräson für Israel auch „Gesetzesräson“ mit dem jüdischen Staat haben? Wer kritisierte am heftigsten? Natürlich, Zentralrats Präsident Dieter Graumann (Dieter mir graut vor dir), Michel Friedman, (Paolo Pinkel, Kokain und Zwangsprostituierte), argumentierte,  auch seine Vorhaut sei weg und seine zwei Söhne seien auch beschnitten, wen interessiert das eigentlich, außer Bärbel Schäfer. Oder natürlich an vorderster Front Außenminister  Guido Westerwelle, natürlich in der Bild Zeitung, der Richterspruch habe im Ausland „Irritationen“ ausgelöst, meinte er damit speziell seinen Freund und ehemaligen Türsteher, Israels Außenminister Lieberman? Auch Grünen-Chefin Claudia Roth, reihte sich in den Kreis der „Beschneidungs“ Kritiker/Innen (sie hat ja auch nichts zu verlieren). Dazu kamen katholische Kardinäle ( suchten diese nicht noch bis ins 20. Jahrhundert nach der Vorhaut von Jesus die der heiligen Agnes öfter erschien?), evangelische Landesbischöfe, der türkische Außenminister Egemen Bagis, der Uno-Sonderberichterstatter für Religions- und Glaubensfreiheit, Heiner Bielefeldt, Reinhold Robbe, von der deutsch-israelischen Gesellschaft, also die Religionshüter und Politiker treu vereint. So sieht also de facto die Trennung von Kirche und Staat aus! Der Druck auf die Justiz wird so zunehmen, dass alles „wieder beschnitten“ wird, es eher neue Gesetze gegen das Wohl des Kindes geben wird, dass ist meine Befürchtung.

 

Da lobe ich mir den Vorstandsvorsitzenden der Kinderhilfe, Georg Ehrmann, der nun nach dem wegweisenden Urteil an die besondere Verantwortung des Zentralrats der Juden, der muslimischen Verbände und der christlichen Kirchen appellierte, in einen Dialog mit Medizinern und Fachleuten aus Jugendhilfe und Kinderschutz zu treten. Dies wird wohl ein frommer Wunsch bleiben!
So wird uns weiter ein verlogenes Bild von Israel und dem jüdischen Staat vermittelt. Nicht wird uns hier in den Medien vermittelt, dass Rabbi Ovadia Yosef Mitte Mai während einer Zeremonie in Jerusalem sagte: „Die Thora erlaubt es nicht den Schabbat zu schänden für einen Nichtjuden (Goy)“. Es ging um medizinische Hilfe am Wochenende! Außerdem sprach, lt. einem palästinensischen Report der Rabbi und orthodoxe Haredi-Richter Aaron Leib Steinman während eines Schavuot Gottesdienstes über Nichtjuden als „Mörder, Diebe, hirnlos und böse“.  Was will man von einem Staat in dem solche Rabbis Vorsitzende des Roten Davidstern (Kreuz) werden? Da wird man besser als Palästinenser oder „Goy“ nicht mehr krank. (1)

 

„Ich möchte, dass das Israel-Bild nicht nur von den Konflikten geprägt wird“ heißt ein Zitat, mit dem die BZ der Springer Presse hingegen das Israel-Bild einleitet, das uns der israelische Botschafter Hadas-Handelsman vermittelt. Und die Bild-Zeitung beglückt uns mit Netanjahu-„Homestories“.
60 Jahre Bild sind genug!
Die Jahre unserer Auslandseineinsätze sind genug!
45 Jahre Besatzung durch den jüdischen Staat sind genug!
64 Jahre Vertreibung und Landraub durch den jüdischen Staat sind  genug!
5 Jahre Besatzung und Blockade vom Freiluftgefängnis Gaza sind genug!  (PK)

 

(1) http://www.haaretz.com/blogs/diplomania/palestinians-strike-back-with-reports-on-israeli-incitement-1.447931

(2) Die NRhZ zur Beschneidung kleiner Kinder http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=17954

Evelyn Hecht-Galinski ist Publizistin und Tochter des 1992 verstorbenen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Heinz Galinski.

1 comment for “Von der Vorhaut zur Vorhut

  1. 5. Juli 2012 at 12:04

    Der Artikel mit dem Abstellen des Kölner Urteils auf das Beschneiden jüdischer Jungen greift zu kurz.
    Denn auch die muslimischen Jungen werden beschnitten.
    Ich empfinde dieses Urteil ebenfalls als falsch, weil in religiöse Sitten und Gebräuche der anderen beiden westlichen Religionen eingegriffen wird, was einem säkularen Staat nicht zusteht.
    Ich sehe hier vielmehr den Versuch, die christliche NICHT-Beschneidung per Gesetz (wie in einem Gottes-Staat) durchzusetzen.

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