Was tun gegen Gewaltkultur – eine Krankheit der Jugend, der Gesellschaft ?

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In Bayern, in Memmingen sind die Menschen fassungslos. Amoklauf eines Schülers. 2009 das Gewaltinferno in Winnenden an der Schule, 2002 in einer Erfurt, auch an einer Schule. Es scheint wie ein Virus der Gewalt und des Mordens, der in den USA bereits Alltag an Universitäten und Schulen geworden ist. Warum gerade die Schüler, warum die Jugend, die ihre Zukunft, ihr Leben doch noch vor sich hat?

Es ist sehr bedrückend diese Frage, denn Sie wirft sogleich die nächste Frage auf: empfindet die Jugend noch eine Zukunft? Welche Perspektive, welche Zukunft, welche Art von Leben haben wir, die Elterngenerationen seit dem 2. Weltkrieg unseren Kindern vermittelt?

Jane Goodall sagte einmal: Es stimmt nicht, dass wir die Welt und die Erde von unseren Kindern geliehen haben. Nein, wir haben unseren Kindern etwas gestohlen und wir müssen unbedingt etwas dagegen tun!

Dr. Albert Wunsch (1), bekannt durch viele Sachbücher, Vorträgen zu Gewaltprävention und für gesunde soziale Beziehungen in Gesellschaft und Familie, gab TV-ORANGE auf eine Reihe drängender Fragen zu Jugend und Gewalt wichtige Antworten.

In der norwegischen Hauptstadt Oslo haben rund 40.000 Menschen gemeinsam gesungen, um so ihrem Abscheu gegenüber dem Massenmörder und Rechtsextremisten Anders Behring Breivik Ausdruck zu verleihen. Auch in anderen Städten des Landes beteiligten sich zahlreiche Menschen an der Aktion. sie sangen das Lied "Kinder des Regenbogens", in dem zu einer multikulturellen Gesellschaft aufgefordert wird. Breivik hatte es während seines Prozesses als "marxistische Propaganda" bezeichnet. Im Gerichtssaal wurden erstmals Überlebende der Anschläge Breiviks vernommen. Der geständige Attentäter hatte am 22. Juli vergangenen Jahres eine 950 Kilogramm schwere Autobombe aus Kunstdünger in der Osloer Innenstadt gezündet. Dabei wurden acht Menschen getötet und mehr als 200 verletzt. Anschließend erschoss Breivik auf der Insel Utoya weitere 69 vornehmlich Jugendliche, die sich dort zu einem multikulturellen Sommerlager der Sozialdemokraten versammelt hatten. Der 33-Jährige muss sich wegen Terrorismus und vorsätzlichen Mordes verantworten. Film von euronews auf youtube am Ende des Artikels.

Konflikte unter Jugendlichen und Kindern eskalieren immer mehr.  Wir sehen in den Gewaltauseinandersetzungen masslosen Hass. Menschliche Beziehung und Rücksicht, Mitleid scheint es da nicht mehr zu geben ?

Im Wort „Beziehung“ liegt der Schlüssel, weil der Umfang von guten und sicheren emotionalen Erfahrungen in der Kindheit – die prägendsten erfolgen im Elternhaus oder auch nicht – darüber entscheidet, ob sich ein Mensch in andere hineinversetzen kann. Konkret: Erfahren Kinder zu wenig Zuwendung, Liebe, Anerkennung und Bindung von Mutter und Vater, kann sich bei ihnen keine Selbst-Sicherheit entwickeln. Wird ihnen nichts oder zuwenig zugetraut, trauen sie auch anderen nicht oder zuwenig. Menschen mit großen emotionalen Mangel-Erfahrungen können wiederum keine Anpassungsleistungen im Sinne eines sozialen Verhaltens erbringen bzw. Begrenzungen oder Zurückweisungen nicht ertragen, wie sie im Leben immer wieder passieren oder notwendig sind. Der kanadische Entwicklungs-Psychologe und Neurologe Gordon Neufeld hat im Rahmen seiner langjährigen Arbeit mit Gewalttätern bei diesen ein restlos unterwickeltes emotionales Hirn-Zentrum diagnostiziert. Das limbische System aber ist ‚die’ Funktionseinheit des Gehirns, welche der Verarbeitung von Emotionen und der Regulation von Triebverhalten dient. Mit einfachen Worten: Wer sich Kindern gegenüber zu wenig empathisch verhält, sie sich zu stark selbst oder anderen überlässt, sollte bei Jugendlichen oder Erwachsenen kein Mitgefühl erwarten.

 

Sozialwissenschaftler, Psychologen und der gesunde Menschenverstand warnen viele Jahre schon vor einer Medienkultur in Film, Video, Computerspiel, die wie im Film „Chico“ auch brutalste Mittel als akzeptabel und „gesellschaftsfähig“ darstellt. Wie wirkt das auf Jugendliche?

Alle Menschen wollen irgendwie einen anerkannten Platz in der Gemeinschaft haben. Dies fand vor ca. 90 Jahren der österreichische Arzt und Psychotherapeut Alfred Adler heraus. Reicht es nicht für eine sozial akzeptierte Position, weil dafür positive Leistungen zu erbringen wären, entscheidet sich der Mensch alternativ für einen destruktiven Platz. Und da alle Menschen für ihren Lebensweg Vorbilder brauchen, bietet sich für eine kriminelle Karriere ein Film wie  „Chico“ geradezu an. Außerdem schafft er reichlich Ansatzpunkte, sich für die nicht erhaltene Zuwendung und Beachtung zu rächen.

 

Bei den Amokläufen in den Schulen waren es meisst Einzeltäter. Was passiert, wenn Gewalt  in Gruppen eskaliert?

‚Gemeinsam sind wir stark’, dies ist eine uralte Gruppen-Erfahrung. Geht es um Gewalt, so geben die anheizenden Blicke der Beteiligten den Handelnden den nötigen Zusatz-Kick und stoppen gleichzeitig evtl. einsetzende Reste von Mitgefühl. Die Gruppe gibt demnach ‚die’ sozial-emotionale Bestätigung, an welcher es ihnen als Kinder mangelte. Außerdem haben sie in Gruppen häufig die Erfahrung gemacht, aus Konfliktvermeidungs-Verhalten oder Angst nicht gestoppt worden zu sein. Das fängt häufig schon in Kindergarten und Schule an.

 

Manche sagen, wir erhielten durch die weltweiten und häufigen Nachrichten heute viel mehr Informationen über solche Gewaltereignisse. Aber alleine die Tatsache, dass zwischen 2002 und heute mehrere Amokläufe an deutschen Schulen – also bei uns – passiert sind, spricht doch eine andere Sprache. Wie ist das zu erklären?

Da kommen viele Faktoren zusammen. Zu einem großen Teil ist sie auch Ausdruck einer nicht zu tolerierenden Erziehungspraxis, in welcher Missstände nicht als solche bezeichnet und frühzeitig gestoppt werden. Wurde vor ca. 40 Jahren unflätiges bzw. asoziales Benehmen oder aggressives Verhalten noch als solches bezeichnet, wird die Sprache immer schwammiger. So wurde die Umschreibung ‚verhaltensgestört’ bald durch die nichtssagende Umschreibung ‚verhaltensauffällig’ abgelöst. Wenn also Unerzogene die Norm sind, fallen Höfliche und Hilfsbereite aus dem Rahmen, werden somit verhaltens-auffällig. Aber auch diese Sprachregelung ist schon von gestern, wie Michael Winterhoff in einem Interview feststellte und durch den Begriff ‚verhaltens-originell’ ersetzt worden. Auf die Praxis übertragen heißt das: Wenn also jemand Ihre Hauswand mit Farbe versaut, sehen Sie nicht das Wirken eines Täters sondern das ‚Werk eines originellen Künstlers’. Der Irrsinn ist bald nicht mehr steigerungsfähig.

 

Ist eine Resozialisierung überhaupt möglich in den Gefängnissen und Anstalten?

Ja, viele Therapeuten und Sozialarbeiter können belegen, dass es eine Möglichkeit der Resozialisierung gibt. Diese ist aber meist nicht per Gefängnisaufenthalt erreichbar. Hier sind nur sehr langfristige und äußerst kostenintensive Therapien erfolgreich, weil in mühseliger Kleinarbeit versucht werden muss, das unterentwickelte oder brach liegende emotionale Zentrum zu fördern. Der klassische Knast kann in der Regel nur ein Wegschließen im Sinne einer Schutzfunktion gegenüber der Gemeinschaft ermöglichen.

 

Oftmals hat man den Eindruck, dass man viel zu viel über die Täter berichtet, aber wie können die Opfer einen Weg ins ’normale Leben‘ finden ?

Auch das ist ein sehr langfristiger und mühevoller Weg. Oft wirkt ein solches Trauma so stark, dass es nicht aufgelöst werden kann. Die Betroffen müssen lernen damit umzugehen, indem sie evtl. bestimmte angst-auslösende Situationen oder Orte meiden. Ergänzend steht noch das Akzeptieren und langsame Abbauen ihrer Trauer und Wut an. Dies wird oft erschwert, wenn die Opfer die Straf-Festsetzung als zu milde empfinden, die Täter in keiner Weise Reue und Ansätze zur Wiedergutmachung zeigen oder sich die Täter selbst als Opfer präsentieren.

TV-ORANGE dankt Ihnen für dieses Interview.

(1) Dr. Albert Wunsch, 41470 Neuss, Im Hawisch 17 http://www.albert-wunsch.de/

eingebunden mit Embedded Video

YouTube Direkt

 

1 comment for “Was tun gegen Gewaltkultur – eine Krankheit der Jugend, der Gesellschaft ?

  1. 21. Juni 2012 at 15:37

    Wahrscheinlich hört sich das übertrieben an: Aber wer drei Monate auf Fleisch und alle tierischen Produkte verzichtet, wird eine deutliche Veränderung bei sich feststellen: Ich habe es ausprobiert. Mehr Gelassenheit und mehr Toleranz stellen sich ein. Es wird viel einfacher im Umgang mit Menschen, selbst mit denen, die man noch nie mochte.

    Der heute übertriebene Fleischverzehr und tierische Eiweiße in unserer Ernährung tragen sehr viel zur Gewaltbereitschaft bei. Ich meine, hierrin liegt die Hauptursache, der sich immer weiter um sich greifenden Gewalt.

    Sehen Sie sich Dokumentarfilme über Tiere an und vegleichen Sie das Verhalten von Fleischfressern und Pflanzenfressern. Dann vergleichen Sie Gebiss und Verdauungsorgane beider Tierarten mit denen des Menschen. Dann werden Sie feststellen, dass der Mensch nicht zum Fleischverzehr geschaffen ist:

    Das Gebiss hat keine lengen Reißzähne um andere Tiere aufzureißen. Das Gebiss kann Planzenteile durch horizontale Bewegung zermahlen.
    Beides sind Eigenschaften des Gebisses von Pflanzenfressern.

    Der menschliche Darm ist zum Verdauen von Fleisch viel zu lang und trägt mehr zur Vergiftung des Körpers bei, als zur Resorption der Nährstoffe. Nur der Darm eines Pflanzenfressers ist lang, der eines Fleischfressers dagegen sehr kurz.

    Nur weil der Mensch die falsche Gewohnheit angenommen hat, Fleisch zu essen, welches er nur in denaturierter erhitzter Form und zusätzlichem Salz genießen kann, ist er noch lange kein Fleisch- oder Allesfresser.

    Es haben beim Menschen in den letzten 100 Jahren nicht nur die allgemein bekannten ernährungsbedingten Zivilisationskrankheiten enorm zugenommen, sondern auch die Gewalttätigkeiten haben in gleichem Ausmaß zugenommen.

    Früher haben sich Menschen auch geprügelt, aber wenn einer am Boden lag war Schluss. Heute wird weiterhin auf den Kopf eingetreten und der Tod in Kauf genommen. Oder diese sinnlosen Amokläufe oder Kindstötungen sind in meinen Augen auf den vermehrten Fleischkonsum zurückzuführen. Diese Verhalten kann nicht mehr als normal angesehen und hingenommen werden.

    Lesen Sie dazu auch meinen Artikel „Warum tiereiweißfrei“
    http://www.mein-idealgewicht.at/eiweis/warum-tiereiweissfrei.html

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