Kriminalisierung und Knast sichtbar machen – Hanna Poddig

4. Mai 2012
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Hanna geht in den Knast

Hanna Poddig, 26, ist Vollzeitaktivistin. Ihr 2009 erschienenes BuchRadikal mutig - Meine Anleitung zum Anderssein(Rotbuch Verlag) brachte sie in die Medien. Hanna saß fünf Wochen im Gefängnis, weil sie 2008 einen Rüstungstransport aufgehalten hat, indem sie sich an den Gleisen ankettete.

Was sollte es bewirken, dass Du die Strafe von 90 Tagessätzen à 15 EUR nicht gezahlt, sondern die „Ersatzfreiheitsstrafe gewählt hast?

Ich war nicht scharf darauf, in den Knast zu gehen und habe ja auch möglichst lange dagegen gekämpft. Nach der Verurteilung hatte ich allerdings nur noch die Wahl zwischen Pest und Cholera. Da habe ich mich bewusst dafür entschieden, die Repression sichtbar zu machen und mich nicht zu beugen. Die Strafe wäre ja nicht weniger vorhanden gewesen, wenn ich das Geld bezahlt hätte.

Inwiefern ist deine Entscheidung, ins Gefängnis zu gehen, mehr eine freie Entscheidung, also eher eine politische Aktion und weniger ungerechtfertigte staatliche Repression?

Natürlich ist meine Haft auch eine politische Aktion. Dadurch handelt es sich

dabei aber nicht weniger um staatliche Repression. Es würde mich grundsätzlich freuen, wenn sich mehr Leute dafür entscheiden würden, vor Gericht widerständig zu agieren und ihre Geldstrafe nicht zahlen. Das würde Signale an die Gerichte und die Gesellschaft geben und die massenhafte Strafverfolgung deutlich erschweren. Die Kriminalisierung von Menschen, die sonst nur im Verborgenen statt findet, würde endlich sichtbarer. Mit dem Geldstrafsystem ist es schön leicht für den Staat: Der verdient an uns und wir sind ständig damit beschäftigt, Solipartys zu machen, um Leute rauszuhauen!

Hat Dich, die Du ja schon vorher viel Kritik am Knastsystem hattest, etwas am Gefängnisalltag überrascht?

Womit ich nicht gerechnet hätte ist die subtil zerstörerische Kraft im Alltag, die die InsassInnen kaputt macht. Es klingt nicht nach einer klugen Erkenntnis, aber auch wenn es von außen ganz schön aussieht im offenen Vollzug, mit hellen Möbeln und ohne Gittern an den Fenstern, ist es doch eine von Gewalt, Denunziantentum und Strafandrohung geprägte Welt. Man merkt schnell, man wird wie Scheiße behandelt.

War Deine Situation vergleichbar mit der anderer Gefangener?

Für mich war es natürlich schon ein großes Privileg, dass ich mich jederzeit hätte freikaufen lassen können. Natürlich macht es auch einen Unterschied, ob man selbstbewusst mit dem System da umgeht, schon auf einiges vorbereitet ist und um seine Rechte weiß.

Warum hast Du nicht die ganze Zeit abgesessen was war der Punkt, an dem Du gesagt hast, jetzt reicht es, jetzt will ich doch bezahlen?

Wenn ich da länger geblieben wäre, hätte ich für mich selber eine anspruchsvollere Aufgabe gebraucht, Arbeit, ein Projekt, etwas, was den Kopf anstrengt. So ging es gerade noch, ich habe Texte, Briefe, Rezensionen geschrieben, viel gelesen, die Mitgefangenen kennengelernt. Die Entscheidung, nach fünf Wochen zu gehen, war aber auch eine pragmatische: Für einen Einblick in die Knastrealität hat es ausgereicht, aber es gibt hier draußen jede Menge Kämpfe, die es zu führen -und natürlich zu gewinnen- gilt. Wie für alle Gefangenen galt meiner Einschätzung nach eben auch für mich, dass ich dieser Welt draußen mehr bringe als hinter Gittern.

Wie ist der Knastalltag?

Er ist sehr verregelt und von zahllosen, teils offensichtlich unlogischen  Verboten geprägt. Es gibt Welten zwischen U-Haft, geschlossenem und offenem Vollzug. Aus Erzählungen von Frauen, die aus dem Geschlossenen in den Offenen verlegt wurden, habe ich gehört, dass alle den Moment des Abschließens dieser schweren Zellentüren und noch mehr das Geräusch des Schlüsselumdrehens als traumatisch empfunden hätten.

Aber auch im offenen Vollzug gibt es absurde Regelungen und Verbote, von der Pflicht immer mit geschlossenen Schuhen herumzulaufen bis zum Verbot die Balkone zu betreten oder gepolsterte Briefumschläge zu besitzen ist auch hier das Leben von Schikane und Strafandrohungen geprägt.

Und Dein Alltag?

Um halb sieben ist Zählung, da müssen sich alle Leute an der Außenpforte melden. Wer Arbeit hat, als Hausmädchen die Gänge zu putzen oder zu gärtnern, geht dahin, die anderen müssen wieder bis 10:30Uhr auf ihre Zelle, dann gibt es Mittagessen. Nicht nur zu Krankenhauszeiten, auch vom Geschmack her ist das Essen so öde wie Krankenhausfraß. Vieles läuft unprofessionell ab, im offenen weiß keiner, was erlaubt oder verboten ist und man ist von der Willkür der WächterInnen abhängig. In der geschlossenen gibt es eine Hausordnung, im freien Vollzug gibt es die zwar gerüchteweise auch, aber kennen tut sie keiner.

Wie bist Du mit den WächterInnen klar gekommen?

Es gibt „gute Bullen“ und „böse Bullen“. Manche gehen total in ihrer Uniform auf, sind ganz stolz auf die fünf Sterne auf ihrer Uniform, achten sehr darauf, in der Hierarchie aufzusteigen. Es gibt auch Wärterinnen, die stolz darauf sind, ein gutes Verhältnis zu den Gefangenen zu haben. Die anbieten, für sie zu kochen oder stundenlang mit denen reden. Da hatte ich natürlich gar keinen Bock drauf. Die finde ich fast noch schlimmer, weil es die Grundakzeptanz eines unmenschlichen Systems verschleiert.

Was für Menschen sitzen überwiegend im Knast?

Von den ca. 40 Frauen, die ich im offenen Vollzug erlebt habe, hatten fast alle ein sehr niedriges Bildungs- und Einkommensniveau. Viele  sitzen da wegen Kleinigkeiten, wegen Schwarzfahrens oder kleinen Betrügereien. Die Aufforderungen, Geldstrafen zu bezahlen oder wo zu erscheinen hatten sie schlicht nicht ernst genommen. Die werden dann irgendwann mal auf ihrer Arbeit verhaftet und abgeführt. Sie wissen nicht um die Möglichkeit, Widerspruch einzulegen. Einen Anspruch auf Pflichtverteidigung gibt es erst bei komplexeren Fällen, hoher Strafandrohung oder wenn die Angeklagten ohnehin schon mehr als ein halbes Jahr im Knast sind. Daran sieht man, wie ekelhaft dieses verschachtelte, komplizierte Rechtssystem ist viele werden einfach abgehängt, verstehen gar nicht, was mit ihnen da passiert!

Wie wurdest Du von anderen Gefangenen und Wärtern wahrgenommen?

Ich hatte da mein Standing. Die Leute haben darüber geredet, dass ich nicht aus Eigennutz gehandelt habe, haben sich auch interessiert für die Ankettaktion wegen der ich im Knast saß, haben mein Buch gelsen und weitergereicht. Leider gibt es unter den meisten Frauen eine Grundakzeptanz, inhaftiert zu sein, dabei wünsche ich allen Gefangenen die sofortige Freiheit. Knast fördert Duckmäusertum bei sehr guter Führung kommt man schneller raus. Da ist es einfacher, wenn man das System auch mental akzeptiert und das tun leider die allermeisten.

Wie stellst Du Dir eine Gesellschaft vor ohne Gefängnisse. Gebe es da Strafen?

Ich glaube, wenn es keinen Polizei- und Justizapparat gebe, wären die Leute gezwungen, die Konflikte selbst zu lösen anstatt sie auf die Polizei abzuschieben, die ja auch nicht wirklich hilft. Das macht den Lösungsweg klarer: hinschauen, schon im Vorfeld einmischen! In keinem Fall ist ein schematischer Umgang eine Lösung.

Das Interview führte Sigrid Lehmann-Wacker

Am 6.Mai (Sonntag) erscheint ein Portrait von Hanna Poddig auf TV-ORANGE in der Rubrik “Unsere VIP’s”.

Empfehlenswert auch das Interview mit Walter Sittler, ebenso in dieser Rubrik.
Walter Sittler ein gesellschaftlich engagierter Schauspieler und Künstler.


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One Response to Kriminalisierung und Knast sichtbar machen – Hanna Poddig

  1. 30. Mai 2012 at 12:24

    Klasse Hanna, klasse Artikel. Macht weiter so !! LG GK

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