Hanna Poddig – klein aber gewaltig

Hanna Poddig Eine 1,56m große Frau gegen tausende Tonnen Militärraketen-Züge

Hanna Poddig, 26, ist Vollzeitaktivistin“. Ihr 2009 erschienenes BuchRadikal mutig Meine Anleitung zum Anderssein(Rotbuch Verlag) brachte sie in die Medien. Hanna saß fünf Wochen im Gefängnis, weil sie einen Rüstungstransport der deutschen Bahn aufgehalten hat, indem sie sich an den Gleisen kettete.

Ihre Geschichte ist ein Beispiel für Zivilcourage. Hanna Poddig wirkt hübsch und verschmitzt mit ihren langen blonden Haaren und den vielen Lachfältchen. Nicht wie eine, die sich verbittert in ein Märtyrerinnen-Dasein eingerichtet haben könnte. Sie lebt, wie viele freie Aktivistinnen, vom so genannten „Containern“, das heißt, sie ernährt sich von weggeworfenen Lebensmitteln aus Containern hinter Supermärkten. Diese Lebensmittel sind aber keinesfalls mit „Abfall“ gleich zu setzen, sondern häufig einwandfreie Ware, die nur z.B. wegen einer beschädigten Verpackung, einer neu eingetroffenen Sortimentlieferung oder, weil eine Gurke nicht ordnungsgemäß gekrümmt ist, im Müll landen. „Ich habe versucht, viele Bereiche meines Lebens ohne Geld zu organisieren und das klappt in den meisten. Ich bin damit ganz glücklich.“ Das wenige Geld, das sie zum Leben braucht, bezieht sie über Referentinnen-Jobs z.B. bei Workshops. Ansonsten tauscht sie, geht in Umsonst-Läden und trampt. Geld vom Staat möchte sie nicht annehmen, Die ganz normale, ungeheure Verschwendung von Lebensmitteln und anderen Ressourcen empört sie. In ihrem Buch erklärt sie in einfachen Worten, wie sie die Welt sieht und dokumentiert ihre Aktionen u.a. gegen Atom- und Kohleenergie, Gentechnik und die Ausbeutung von Tieren.

Nach Erscheinen von „Radikal Mutig“ wird die damals 23-Jährige häufig in Talkshows eingeladen und immer wieder in vielen unterschiedlichen Medien vorgestellt. Sehnt sich die Öffentlichkeit vielleicht nach einer jungen Heldin, die die Verantwortungslosigkeit der Politik und Gesellschaft anprangert und Möglichkeiten, anders zu leben, aufzeigt? Andererseits fallen in Talkshows bei Maybrit Illner, Günther Jauch und Markus Lanz dann doch regelmäßig alle Beteiligten und Publikum über Hanna her. Ob sie sich denn nur durchschmarotzen und keine Verantwortung übernehmen wolle ist eine der üblichen weniger harmlosen Anfeindungen. Poddig bleibt ruhig und argumentiert sachlich, lächelt viel. „Ich bin nicht harmoniesüchtig“, sagt sie über sich. „Ich bekomme oft Anfragen, weil irgendein Sender mich dabei [beim Containern] filmen will. Obwohl alles andere, was ich mache, viel interessanter ist.“ So sieht ihr Alltag aus: Pressemitteilungen verfassen, Flyer in der Fußgängerzone verteilen und mit Passantinnen über Zuständen, die sie einfach nicht hinnehmen kann, diskutieren. Sie besteigt einen Tag vor dem Klimagipfel 2006 das Brandenburger Tor, um es mit einem „Kohle killt Klima“-Banner zu schmücken, oder fragt als Vertreterin der Kritischen Aktionäre auf den Aktionärsversammlungen des Energiekonzerns Eon unbequeme Fragen. Die Aktionen von ihr und Mitstreiterinnen sind eingängig und oft auch von einem bestimmten Spaßfaktor bestimmt. Oft trägt sie Strafprozessordnung, Strafgesetzbuch und anderes juristisches Material bei sich. Denn wer lebt wie sie, muss sich auch immer wieder mit dem Justizapparat auseinandersetzen.

Eine Frau von 1,56m stellt sich einem tausende Tonnen schweren Zug entgegen

Februar 2008. Sonntag um drei Uhr morgens kettet sich die damals 22-jährige Poddig an ein Bahngleis in Nordfriesland, um gegen Waffen- und Materialtransporte für den Afghanistaneinsatz zu protestieren. Hanna legt sich für Stunden auf die Bahnschienen, ihre Hände sind in einem Metallrohr um die Schienen gekettet. Vier andere Aktivistinnen kümmern sich um die Versorgung der Angeketteten. Die Polizisten stehen genauso ratlos wie die Feuerwehr oder das Technische Hilfswerk vor der jungen Frau. Wie soll man sie dort weg bekommen? Die Bahnstrecke ist gesperrt und der Zug mit dem Kriegsmaterial muss seine Fahrt für mehrere Stunden unterbrechen. 1,56m ist die junge Frau, Sie wirkt zart und hält doch tausende Tonnen schwere Militärraketen-Züge auf. Nach Stunden gelingt es Experten vom Technischen Hilfswerk, die Gleise aufzuschneiden und Poddig „herauszufädeln“. Hanna: „Ein kleines Restrisiko bleibt trotz Stoppergruppen und Sicherheitsvorkehrungen immer. Wenn der Zug nicht rechtzeitig hält, bist Du Matsch.“ Ihr Ziel ist erreicht: Sand im Getriebe zu sein, „Für mich ist die Existenz von Einrichtungen, die Menschen zum Töten abrichten, einfach unerträglich.“

Einen Monat nach ihrer Ankettaktion erhält Hanna Poddig den „Rückgratpreis“ der Liebe-Lütje-Stiftung dafür, dass sie „spontan für ihre Überzeugung ihr Leben, ihre Gesundheit“ eingesetzt hatte. Die darauffolgenden langwierigen Prozesse wegen „Nötigung“ und „Störung öffentlicher Betriebe“ wurden von Straßentheater und öffentlichen Kundgebungen gegen Militarisierung und gerichtlich geahndetem Widerstand gegen diesen begleitet. Im Juli 2011 wurde mit Ablehnung der Revision das Urteil gegen Hanna Poddig rechtskräftig. 90 Tagessätze à 15 Euro wegen „Nötigung“  und „Störung öffentlicher Betriebe“.

Schon früh mit den Eltern auf Demos

Die Eltern von Hanna – die Mutter ist Krankenschwester, der Vater Professor für Elektrotechnik – leben heute getrennt. Als Kind haben sie Hanna zu jeder Demo mitgenommen. Gegen Müllverbrennungsanlagen, Autobahnen, Kernkraftwerke. Die Gesprächsthemen der meisten Gleichaltrigen interessieren sie nicht.

Der Jugendumweltkongress 2002 bewirkt ein radikales Umdenken bei ihr. Während sie ihre Schulzeit nach eigenen Aussagen „im Halbschlaf“ verbracht hat, ist sie hier unendlich aufnahmefähig, was Informationen über globale Zusammenhänge betrifft: Die materielle Verschwendung im reichen Norden mit der Verknappung der Ressourcen anderswo, die Entwicklung von Genpflanzen mit der Not der Bauern in ärmeren Ländern. Mit 18 Jahren wird sie Vorstand der Umweltorganisation „Robin Wood“. Sie arbeitet bei diversen politischen Kampagnen und beginnt 2006 eine Artistik-Ausbildung in Berlin. „Das habe ich aber schnell wieder sein lassen, deren Vorstellung von Kunst war mir zu eng“, erzählt sie.

Der Castortransport nach Gorleben 2003: Die damals 17-Jährige verfasst einen offenen Brief und heftet ihn ans Schwarze Brett ihrer Schule. Darauf steht, dass sie wohl wisse, dass sie schulrechtlich belangbar sei, aber höchstens mit einem Verweis. Und sie erklärt, warum ihr Protest gegen Castor-Transporte wichtiger als die Schulpflicht sei. In den Jahren darauf erscheint derselbe Brief jeweils mit aktuellen Ergänzungen am Schwarzen Brett.

Derartige Brüche mit der Normalität prägen seither ihr Leben. Ab dem 15.März 2012 saß Hanna ihre Ersatzfreiheitsstrafe in der JVA Frankfurt III ab. Obwohl sie sich schnell mit Hilfe von Freunden und Unterstützern hätte freikaufen können, möchte sie diesem Staat, soweit möglich, kein Geld geben. Außerdem sah Hanna es als politische Chance, aus ihrer Situation heraus auf die Behandlung von widerständigen und oft auch armen Menschen hinzuweisen. Viele Menschen säßen in Justizvollzugsanstalten, weil sie Geldstrafen, wie z.B. die, welche vom Schwarzfahren oder leichten Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz resultierten, nicht bezahlen können, so Hanna.

Sie schreibt aus ihrer Haft: „Manchmal verschlägt es mir die Worte, wie hier mit Schicksalen umgegangen wird. Eine Neue kommt. Morgens um 8 kommt sie in die Eingangszelle im Offenen. Gegen halb 12 wird sie zu uns in die Eingangsstation verlegt. Wir könnten ihr, sagen die Beamten, ja schon mal erklären, wie es hier so liefe. Zwei Jahre und vier Monate muss sie rein, ist ziemlich fertig, ist erfreut, dass wir „normale Menschen“ seien (Es scheint sie zu überraschen) und dass sie im offenen Vollzug sei. Sie räumt nach einem Gespräch mit uns ihre Zelle ein, wirkt langsam etwas stabiler. Eine Stunde später wird sie verlegt – in den Geschlossenen.“

Christof Neubauer und Sigrid Lehmann-Wacker

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