Brauchen wir noch die Kirchen ?

10. Mai 2012
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Sind engagierte Christen für den Frieden in der Kirche noch erwünscht ?

Sind engagierte Christen für den Frieden in der Kirche noch erwünscht ?

Unternehmen zur Verrichtung religöser Dienstleistungen?

Die Kirchen haben sich selbst zu „Unternehmen zur Verrichtung religöser Dienstleistungen“ degradiert. Ein entseeltes, starres System so spirituell wie eine Behörde. Dass diese gefühlte Außenwirkung so ist, haben die Staatskirchen sich größtenteils selbst zuzuschreiben. In den Gemeinden wird mehr Energie darauf verwendet, darüber zu diskutieren, ob die Kirchenglocken geläutet werden sollen, wenn ein aus der Kirche ausgetretener Mensch beerdigt wird, als sich damit zu beschäftigen, welche Sorgen und Zukunftsängste die Familien und Singles heute haben.Das „Angebot Kirche“ ist nicht mehr gefragt. Hilfe- und Lebensberatung-Suchende wandern mit steigenden Umsatzzahlen in die Esoterik-Branche aus. Dort zahlen die Menschen Milliarden aus eigener Tasche und mit steigender Tendenz. Und 20% aller gedruckten Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt sind “Esoterika” schreibt die Seite Eso-Watch. (7) 

Ehtik oder Monetik?

An manchen Stellen handeln von christlicher Ethik separierte kirchliche Unternehmen kälter und unsozialer als mancher ganz weltliche Konzern. Man schliesst beispielsweise aus rein finanzstrategischen Gründen gut funktionierende, verlustfreie Kliniken, um sie mit Großkrankenhäusern zu fusionieren. Unbelastet von einem Verantwortungsgefühl dahingehend, was das für die Menschen einer strukturschwachen Region und die vielen kleinen Jobs, die daran hängen bedeuten kann.

Ethik – Outsourcing. Trotz erheblicher Bürgerproteste und Bemühungen engagierter Personen und Kommunalpolitiker, wurde zum Beispiel die Schliessung einer rennommierten Lungenklinik betrieben, die von Wald und sauberer Luft umgeben ist. Sie wurde mit dem Universitäts-Klinikum in einer benachbarten größeren Stadt fusioniert. Diese ist gut mit Apparaten ausgestattet, doch auch ein Paradebeispiel für Großklinikbetrieb, Smog-Wetterlagen und ungesundes Klima. Zig Mini-Jobber können nicht mit umziehen, kleine an die Klinik gekoppelte Firmen machen dicht. „Von der Ethik zur Monetik“ heisst eine Verdi-Krankenhaus-Info, die sich mit diesen und ähnlichen kirchlichen Abwegen befasst hat. (1)

Kirchengemeinden seltsam abgekoppelt

Die Kirchenzirkel scheinen häufig merkwürdig von der Außenwelt abgekoppelt, vom Leben der Menschen entfernt zu sein. So wird von Vertretern der Generation 60Plus darüber diskutiert, wie man eine 3-tägige 50-Jahr-Feier für ein schlecht besuchtes Versammlungshäuschen organisiert und wer den Kuchen dafür backt. Oder wie man beim Gottesdienst etwas für die Frauenrechte in Malaysia sammelt. Es scheint schwierig zu sein sich mit dem hier und heute zu befassen und so kommt es einem vor, als sei die Beschäftigung mit der Vergangenheit oder mit weit entfernten Problemen leichter anzugehen, als das Gegewärtige und Greifbare vor der eigenen Haustüre . Dabei gibt es Themenfelder zu besetzen und zu beackern, die sowohl bei den Jungen als auch in der älteren Generation neue Ansätze im Zusammenleben und Wohnen erfordern: Demographischer Wandel und Auseinanderbrechen der Familien, wie wird unser Leben aussehen, wenn wir älter sind? Könnte es alternativ zur Abschiebeverwahrung ein Leben in neuer Freiheit – und einen Weg aus der Armut für ältere Menschen – bedeuten, wenn man sich solidarisch organisiert? Doch darüber erfährt man eher etwas von der Wüstenrot-Stiftung als von den Kirchen. (2) Für den Alltag der jungen Menschen bieten die Kirchen kaum Antworten.

Taufe, Konfirmation bzw. Kommunion, Geschenke- und Geldmitnahmen, dann Austritt? Oder vielleicht erst noch kirchliche Heirat, weils so schön feierlich ist und die Frau es gerne möchte. Aber spielt Kirche im Alltag überhaupt noch eine Rolle? Bei den Demonstrationen der letzten Monate fand man keine offiziellen Kirchenvertreter auf den Straßen mit den besorgten jungen Menschen. Wortmeldungen in den Medien – kaum wahrnehmbar. Die Kirchen als gesellschaftsprägende Kraft sind abgeschrieben. Deswegen fällt es kaum auf und es wundert auch niemanden, wenn man deren „Offizielle“ auf der Straße nicht antrifft. Ganz anders ist das in den USA. (5)

Die Kirchen sind nicht bei den Menschen.

So können viele mit ihrer Kirchengemeinde in der Stadt, am Ort nichts mehr anfangen. Was die jungen Menschen heute auf die Straßen treibt, ist in den Kirchengemeinden überwiegend überhaupt kein Thema. Ein konfessionsübergreifendes Phänomen bei dem die wie Beamte bezahlten Pfarrer – die Vertreter der Kirchen vor Ort – seltsam neben ihrer Berufung stehen. Das traurige Bild, dass sich außerhalb der christlichen Hauptfeiertage, Weihnachten und Ostern bei den Gottesdiensten in der Kirche zeigt, läßt die Frage berechtigt erscheinen, ob das Interesse an der staatlich durch Steuern finanzierten Institution Kirche nur noch ein Relikt aus einer vergangenen Epoche ist.

Müssen die Menschen auf die Kirche zugehen?

Müssen die Menschen auf die Kirche zugehen? Oder braucht Kirche nur zu warten, bis die Not die Menschen zurück in die Gotteshäuser treibt, wie früher? Man kann beinahe den Eindruck haben, als stünden Mensch und Kirche sich beide gekränkt gegenüber:Die Menschen, weil die Kirche keinen seelischen Beistand im Alltag mehr bietet, keine lebendige Gemeinschaft und keine Postion in der veränderten Welt bezieht – in reaktionärem Altersstarrsinn verharrt; und die Kirche, weil immer mehr Menschen sich von ihr abwenden und das Kirchensteuer-Abo kündigen. Dabei gibt es natürlich auch viele Gegenbeispiele von engagierten, basisnahen christlichen Kirchengemeinden, durchsetzt mit Jung und Alt, nur sind die in der Masse des passiven Mainstreams eine Ausnahme, in der absoluten Minderheit und werden in der Öffentlichkeit wenig wahrgenommen. Es scheint, als seien sie außerdem von den Kirchen nicht wirklich gewollt.

Unabhänige Menschen und Strömungen haben es in der Kirche schwer.

Unabhängige Menschen und Strömungen in den Staatskirchen, haben es genau wie Minderheiten schwer. Ein repressiver Apparat scheint sich gleichsam automatisch in Bewegung zu setzen, wenn katholische Priester “Befreiung” lehren (4) und sich mit den Armen und Unterdrückten in Lateinamerika und anderswo verbrüdern.
Und das war die Reaktion der katholischen Kirche auf die Befreiungstheologen: Priester erhielten Maulkörbe und Lehrverbot, man exkommunizierte, der Einsatz für Arme wurde wieder spirituell und karitativ. Bloß nicht  solidarisch an der Seite der Armen, Amen.

Ähnliche Probleme tauchen auf, wenn Frauen kirchliche Ämter anstreben, wenn eine offene Diskussion über Zölibat und Priesterkinder gefordert wird und ein neuer Umgang mit gleichgeschlechtlichen Beziehungen oder schwulen Priestern.  Gleichzeitig werden schlimme Fehler, wie der sexuelle Mißbrauch Schutzbefohlener durch Pfarrer und Priester, die Mißhandlung von Kindern und Jugendlichen in kirchlichen Schulen und Einrichtungen jahrzehntelang verschwiegen und verdrängt, die Schuldigen kaum ernsthaft verfolgt.

Sind die Kirchen teuer finanzierte Museen christlichen Kultur-Erbes?

Warum leisten wir uns die staatlichen Kirchen noch? Warum leisten sich die „Kirchen“ diesen ganzen Aufwand? Und gleich zwei riesige weltliche Verwaltungsapparate, kirchliche Hierarchien oder Räte, Kirchenstaaten im Staate, die völlig ohne Ethik, Glauben und Bibel auskommen können, aber Geld, Computer-, Finanz- und Verwaltungs-Fachspezialisten für ihr Firmenimperium benötigen.
Findet evangelische und katholische Kirche deshalb statt, weil sonst die Kulturdenkmäler, die Götteshäuser, kirchliche Krankenhäuser, Wohnanlagen und Kindergärten, die Kunstwerke, die Kirchenkultur verkämen, keine Renovierungen mehr stattfänden, Pfarrämter unbesetzt blieben, das Leben insgesamt verarmen würde? Doch was würde wirklich geschehen, wenn unser Staat und die Kirche sich endlich voneinander trennten, wenn anstelle dessen freiwillige Zahlungen der an ihrer Kirche und ihrer Gemeinde interessierten Gläubigen flössen, wenn Glaube und Kirche wirklich wie in den USA “privatisiert” wären. Die Verbindung von Staat und Kirche ist ein Überbleibsel spätmittelalterlicher Macht- und Herrschaftssysteme. (6)

Die Kirchensteuer sollte abgeschafft werden.

Religionsfreiheit bedeutet, dass wir unseren Glauben frei wählen dürfen. Und wir sollten unsere Kirchen endlich selbst und eigenverantwortlich gestalten. Die staatlich verordnete Zwangskirche mit eigenen Wirtschaftsunternehmen, Gerichtsbarkeit, die einen Staat im Staate bildet – und damit irgendwo auch in einem nicht tolerablen “rechtsfreien Raum” agiert, von dieser sollten wir uns endlich befreien.

Eine einfache und klare Forderung, die vor 500 Jahren Joß Fritz aus dem Breisgau für den „Bundschuh“ (3) vortrug war:
„Verteilung überflüssigen Kirchengutes an Arme“ 

Wäre das nicht auch eine Idee für das 21. Jahrhundert?

 

Hans-Udo Sattler

 

(1) Verdi: Von der Ethik zur Monetik – PDF: http://bit.ly/K9nuL1
(2) „Älter werden im Quartier“ – Neue Netzwerke..: http://bit.ly/J3SuLt
(3) Bundschuh-Bewegung: http://tv-orange.de/2012/04/der-bundschuh-vor-500-jahren-ein-brandaktuelles-thema/
(4) Uni Protokolle: Befreiungstheologie http://www.uni-protokolle.de/Lexikon/Befreiungstheologie.html
(5) USA: Die Kirche ist mit Occupy auf der Straße: http://bit.ly/IPpmZY
(6) Kirche und Staat: http://de.wikipedia.org/wiki/Kirche_und_Staat
(7) Eso Watch: http://esowatch.com/ge/index.php?title=Esoterikmarkt


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