Walter Sittler : Gesellschaftliches Engagement macht frei !

Walter Sittler - Copyright Mathias Bothor

Walter Sittler, geboren in Chicago, lebt seit vielen Jahren in Stuttgart mit seiner Familie. Bekannt und beliebt von Theater, Film, Fernsehen und gleichzeitig engagiert im Tagesgeschehen zusammen mit der Bevölkerung. Aktiv mit in der ersten Reihe gegen das Milliardenprojekt Stuttgart 21. Auch deshalb gewinnt er das Vertrauen und die Sympathie der Menschen. Noch vor Ostern, trotz Dreharbeiten und Filmstress – so mal zwischendrin – war er zu einem Interview mit TV-ORANGE bereit.

TV-ORANGE:Sie wurden bekannt als der Schauspieler und Produzent. Sie wuchsen in finanziellguten Verhältnissen auf, besuchten das Internat Schloß Salem, waren Zeitsoldat und gingen dann nach Peru. Was brachte sie dazu, sich in Bürgerbewegungen wie S21 zu engagieren.

Walter Sittler: Finanziell gute Verhältnisse – ist gänzlich falsch. Geld war immer knapp, weil meine Vater oft, auch wegen seiner Vergangenheit, seine Arbeitsstellen verlor, oder erst gar keine bekam. Wir waren immer auf Hilfe und Glück angewiesen, bis mein Vater die erste richtige Stelle an der Universität in Regensburg bekam, Ende der sechziger Jahre. Jetzt sind meine finanziellen Verhältnisse recht gut. In Salem war ich als Vollstipendiat, weil wir uns die Gebühr nicht hätten leisten können. Zum Engagement gegen S21 bin ich gekommen, weil das Maß der falschen und nicht einlösbaren Versprechungen den Bürgern gegenüber durch die Politik und die Bahn voll war. Die Bürgerinnen und Bürger dürfen sich nicht weiterhin für dumm verkaufen lassen, damit einige wenige ihr Süppchen kochen und den Steuersäckel der Stadt, der Region und des Landes als Goldesel betrachten und dafür keine entsprechende Gegenleistung liefern.

TV-ORANGE: Es gibt nicht viele Prominente, trotz oder gerade wegen ihrer Bekanntheit sich auf die Strasse begeben, oder sich wie früher Heinrich Böll an Strassenbesetzungen gegen den Krieg beteiligen. Ich meine, das sollten noch viele mehr tun. Entstehen für Sie dadurch persönliche Benachteiligung. Erleben sie beruflich da Gegenwind?

Walter Sittler: Benachteiligungen gab es bis jetzt nicht wirklich und Gegenwind im Beruf ebenfalls nicht, höchstens sind einige irritiert darüber, aber ebenso viele sind erstaunt und beurteilen mich jetzt mit anderen Augen. Jeder muss für sich selbst entscheiden, ob er, bzw. sie, sich engagieren will und auch in welchem Maße. Als in der Öffentlichkeit bekannt Person bin ich der Meinung, dass man genau beobachtet wird und auch eine Art Vorbild ist. Mit dem Einfluss, der einem dadurch zuwächst, sollte jeder sehr sorgfältig umgehen, denn das Vertrauen ist schnell verspielt. Ich würde es begrüßen, wenn sich mehr bekannte Menschen in die Belange der Bürgerschaft in unserem Lande engagieren würden – es macht auf gewisse Weise frei.

TV-ORANGE: Als sie bei Herrn Plasberg in „Hart aber Fair“ am Abend der Wahl von Gauck ganz ruhig ihre Meinung sagten, „…Gerechtigkeit bedeutet für mich, dass alle gesellschaftlichen Gruppen bei einer Entscheidung berücksichtigt werden.“  , da reagierten Herr Müntefehring (SPD) und Herr Lindner (FDP) wie von der Tarantel gestochen, weil sie dies als Angriff auf Parteiendemokratie und somit auf ihre persönliche Machstellung in der Gesellschaft empfanden. Wie sind Ihre Erfahrungen mit den Gewählten? Haben sie Politiker kennen gelernt, die sich nicht nur in Worten sondern auch in der Tat einsetzen für Bürgerbewegung, für Bürgerentscheide.

Walter Sittler: Auf Landes- und Bundesebene gibt es davon sicherlich nur wenige, die mit Taten ihre Worte untermauern – vielleicht ist das auch zu viel verlangt. Aber auf Regional- und Kommunalebene gibt es viele, viele Abstufungen und es lohnt sich da nachzuforschen. Dann kann man auch sehen, dass die Bürgerbeteiligung sehr sinnvoll und bereichernd ist. Die Einwände, man könne doch nicht wegen jedem Gesetz die Bürger des ganzen Landes fragen, zielen ins Leere, denn unsere Vertreter werden ja dazu gewählt zu regieren, oder die Regierung zu kontrollieren. Aber bei einigen Fragen, die die Zukunft einer ganzen Region oder gar des ganzen Landes betreffen, die wenigen wichtigen Gelegenheiten, die sollte man nicht auslassen. Sei es jetzt das Ende der Atomkraft, ökologische Landwirtschaft, artegerechte Tierhaltung, da sollten die reinen ökonomischen Interessen nicht ausschließlich den Weg bestimmen dürfen.

TV-ORANGE: Die Menschen in Deutschland fühlen ihre Lebensinteressen und ihre gesellschaftlichen Interessen zu einem großem Teil nicht mehr vertreten durch Parteien in Bundestag und Bundesrat. Sie sind nicht nur wütend, enttäuscht und frustriert, sondern befinden sich auch in einer Ohnmachtsposition, die oft durch mannigfaltige Ablenkung in der Freizeit, durch Konsum von Tabletten, Alkohol oder andere Drogen kaschiert wird. Es passt fatal zusammen, ein Volk, das keine andere Regierung verdient. Welche Möglichkeiten sehen sie für einen lebendigen Aufbruch des Miteinander und einer wirklich lebendigen Demokratie?

Walter Sittler - Copyright Mathias Bothor

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Walter Sittler: Erst einmal dürfen wir unsere gewählten Vertreterinnen und Vertreter nicht mit uneinlösbaren Erwartungen erdrücken. Dann sollten wir dafür sorgen, dass das Volk wieder der Souverän wird, dass die gewählten Politikerinnen und Politiker die Diener des Volkes sind und nicht ihre Beherrscher. Wir können auf allen Ebenen der Politik abfordern, dass sie ermöglichen soll, bürgerschaftliches Engagement, soziales Engagement, Ehrenämter usw. zuzulassen und zu fördern und dies nicht als Konkurrenz zu empfinden. Wir benötigen eine größere Lässigkeit im Umgang mit abweichenden Meinungen, Rechthaberei, die so weit verbreitet ist, ist kontraproduktiv. Wir erleben hier in Stuttgart, dass ein Teil der Stadt ohne Not zerstört wird, weil die Verantwortlichen Recht behalten wollen, obwohl reichlich Fakten dagegen sprechen.

TV-ORANGE: Besonders junge Menschen, die ihre Zukunft bedroht sehen, aber auch viele mittelaltrige und ältere Menschen, die nicht nur das 4 Jahres-Wahlabo nutzen, sehen sich von den Parteiapparaten im Stich gelassen. Bewegungen gegen staatliche Bevormundung und Überwachung, ACtA, CISPA entstehen, Occupy-Initiativen und Bürgerinitiativen, die sich selbstständig und auch parteiunabhängig vernetzen. Ein großartiges Beispiel war da die gegenseitige Unterstützung der S21-Demonstrartionen in Stuttgart durch Atomgegner aus Gorleben, die sogar mit Traktoren auf Tiefladern nach Stuttgart anreissten. Bestimmt wäre es wunderbar, wenn wir lebendige politische Strukturen schaffen könnten, die in Form von Bürgerräten, nicht nur den Bundespräsident, sondern auch direkt wichtige politische Entscheidungen zu Innen- und Außenpolitik entscheiden könnten. Halten sie das für eine Illusion?

Walter Sittler: Die Mühlen in der Politik mahlen langsam. Auf allen Ebenen sollten wir mit großer Ruhe und Übersicht auf sinnvolle Veränderungen drängen, orientiert daran, dass die Lösungen eine mögliche breite Akzeptanz haben müssen um beständig zu sein. Dazu gehört natürlich auch, dass Wahlsiege auch die Verpflichtung beinhalten die Unterlegenen oder die Minderheiten weiterhin zu berücksichtigen. Es wird uns nur gut gehen, wenn es möglichst Vielen gut geht und wir uns um die bemühen, die an den Rändern stehen.

TV-ORANGE: Mir ist bekannt, dass sie das Wirken von Erich Kästner sehr schätzen. Aus seiner Rede „zum Schulbeginn“, prägten sich mir folgende Sätze ein: “Lasst euch die Kindheit nicht austreiben! Schaut, die meisten Menschen legen ihre Kindheit ab wie einen alten Hut. Sie vergessen sie wie eine Telefonnummer, die nicht mehr gilt. ihr Leben kommt ihnen vor wie eine Dauerwurst, die sie allmählich aufessen, und was gegessen worden ist, existiert nicht mehr … Nur wer erwachsen wird und Kind bleibt, ist ein Mensch. ” Herr Sittler teilen auch sie dieses Lebensgefühl?

Walter Sittler: Ich teile das durchaus. Die kindliche Unvoreingenommenheit, diese manchmal mitleidlose Klarheit ist ein Blickwinkel, der sehr bereichernd ist. Für die Lösung eines Problems ist die Sicht aus vielen Blickwinkeln nötig, dann wird sich das Richtige schon herausschälen.

TV-ORANGE:  Ich danke Ihnen sehr für dieses Gespräch und wünsche Ihnen viel Freude bei den nächsten Folgen und Dreharbeiten von „Der Kommissar und das Meer“.

Das Interview führte Wolfgang Theophil

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