Der Bundschuh vor 500 Jahren – ein brandaktuelles Thema

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Bewegungen für mehr Gerechtigkeit gab es bereits im Mittelalter. Der Zusammenschluss aufständischer Bauern in der Zeitvon 1493 bis 1517 in Südwestdeutschland, dem Fürstbistum Speyer und dem heutigen Elsaß wird allgemein als die “Bundschuh-Bewegung” bezeichnet.

Ihr Symbol war der Bundschuh, ein für Bauern typischer Lederschuh, der mit einem langen Riemen geschnürt wurde. Im Mittelalter war er ein typisches Merkmal bäuerlicher Kleidung. Der Bundschuh stand als Feldzeichen der aufständischen Bauern im Kontrast zu den sporenklirrenden Ritterstiefeln der Herren und sollte sinnbildlich ausdrücken, dass die Bauern gemeinsam aufgestanden waren und gegen ihre Herren vorrückten. (1)

In der Literatur wurden die Anführer häufig als Verschwörer und Rädelsführer bezeichnet. Aber was wollten die hart arbeitenden Menschen, die den Reichtum für ihre Herren mit ihrem Schweiss ermöglichten?

Der Bundschuh im Wappen des ehem. Landkreises Bruchsal

Der Bundschuh im Wappen des ehem. Landkreises Bruchsal

Sie forderten die Abschaffung der Leibeigenschaft, die Verteilung der Kirchengüter an das Volk und keinen Herrn außer dem Kaiser und dem Papst. Nach einem halben Jahr des Werbens waren 7.000 Männer und 400 Frauen im Bundschuh. (1)
Das ereignete sich in den Zeiten der Kleinstaaterei, der zahlreichen Grafen und hohen Herren, der Zeit, an der an jeder Brücke Zölle fällig wurden, Abgaben für Einlass in Städte, den Zugang zu den Marktplätzen und vieles andere an der Tagesordnung waren. Selbst für das Seelenheil wurde in Form von Ablasshandel Geld verlangt. (2) Die Forderungen der Aufbegehrenden rüttelten an Machtstrukturen, den Besitzständen derer, die das Sagen hatten . Eine Zeit, die nach Gerechtigkeit und Erneuerung schrie.

In den Geschichtswerken wird der “Bundschuh” als Wurzel der Bauernkriege gewertet, auch wenn deren Anführer und Redner nach kurzer Zeit qualvoll zu Tode kamen, auf dem Scheiterhaufen, gevierteilt oder durch andere drastische Methoden hingerichtet.  (2)  Die kirchlichen Würdenträger als “Kinder ihrer Zeit” vergnügten sich in recht weltlicher Manier, mit dem was damals zur Verfügung stand. Kirchliche Ämter waren Versorgungs- und Machtmittel zugleich. Sie waren stets mit weltlichen “Gütern” verbunden. Ein altes Sprichwort spottet: “Hüte dich vor dem Hinterteil des Maultiers, vor dem Vorderteil des Weibes, vor den Seiten des Wagens und vor allen Seiten des Pfaffen.” Selbst einfache Dorfpriester, wird geschrieben, lebten auf ihrem Pfarrgut mit einer festen Frau und eigenen Kindern wie selbstverständlich zusammen und -so sagt man ihnen nach- verfielen nicht selten der Trunksucht.

Joß Fritz aus dem Breisgau, einer der Anführer, der zum Leidwesen der Obrigkeit immer wieder vor seinen Verfolgern fliehen konnte, fasste nach drei Mißernten in Folge die Forderungen des Bundschuh im Jahre 1513 beispielhaft zusammen:

  • Kein Herr als Kaiser, Gott und Papst
  • kein Gericht soll gelten als das am Wohnort
  • geistliche Gerichte seien auf Geistliches beschränkt
  • sowie die Zinsen die Höhe des verliehenen Kapitals erreichen, ist der Schuldner frei
  • Fisch-, Vogelfang, Holz, Wald und Weide sollen frei sein
  • jeder Geistliche soll nur eine Pfründe haben (3)
  • Verteilung des überflüssigen Kirchengutes an Arme; ein Teil in die Kriegskasse
  • unbillige Steuern und Zölle gelten nicht
  • ewiger Friede in der Christenheit; die Kriegslüsternen schickt man gegen die Heiden
  • Mitglieder des Bundschuhs sollen gesichert und geschätzt sein, Gegner bestraft
Bundschuhfahne – Holzschnitt von 1539, aus: Petrarcas, Trostspiegel

Bundschuhfahne – Holzschnitt von 1539, aus: Petrarcas, Trostspiegel

Kurz darauf in der Zeit des Kirchen-Reformators Luther, nachdem im Sommer 1524 die Schwarzwaldbauern als erste gegen die Abgaben an kirchliche Grundherren aufbegehrten, wird diese Auflehnung  bald in ganz in Deutschland zahlreich nachgeahmt. Luther spricht sich in seiner Weihnachtspredigt 1524 zwar gegen Gewalt und für die Obrigkeit aus, gerät aber in einen Konflikt zwischen notwendigen Veränderungen und weiterer Kritik an gottgegebenen Verhältnissen. (4)  Er verfasst eine Schrift:  “Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern” (5), die ihm noch bis in die heutige Zeit übel genommen wird.

Am 15. Mai 1525 wird in der Schlacht bei Frankenhausen das aufständische Bauernheer unter Führung von Thomas Müntzer fast vollständig aufgerieben. Müntzer selbst überlebt die Schlacht, wird verhaftet, wie üblich gefoltert und am 27. Mai in Mühlhausen enthauptet. Damit wurde halbwegs Ruhe im Land geschaffen. Zu welchem Preis? Knapp 100.000 Bauern sind tot und die überlebenden Anführer bekommen den ganzen Katalog der Strafmaßnahmen und Folter zu spüren, der im Mittelalter denkbar war.

Die Forderungen aus der Zeit des Bundschuhs, blieben überliefert.

Und sie sind heute, 500 Jahre später brandaktuell.

In diesem Zusammenhang sei die musikalische und literarische Darstellung der Geschichte der Freiheits- und Demokratiebewegungen empfohlen – die PROLETENPASSION. Text von Heinz R.Unger (6), Musik: Schmetterlinge, entstanden 1977. Auch die Bewegung der freien Bauern, des Bundschuh samt ihrer prominenten Vertreter wie Thomas Münzer werden darin gewürdigt. Der Text in PDF ist hier zu finden: www.gbw-wien.at/documents/lieder/Gbw_Proletenpassion.pdf

Und hier ein Leckerbissen: Wer schreibt die Geschichte ? Klick hier !

 

Von Hans-Udo Sattler und Wolfgang Theophil

 

Quellen:

(1) Stadtwiki Karlsruhe: http://ka.stadtwiki.net/Bundschuh-Bewegung
Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Bundschuh-Bewegung

(2) Über Ablass- Seelenhandel
http://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Tetzel
http://de.wikipedia.org/wiki/Ablass

(3) Über Pfründe    http://de.wikipedia.org/wiki/Pfr%C3%BCnde

(4) Die Bauernkriege, Martin Schlu
http://www.martinschlu.de/kulturgeschichte/renaissance/frueh/luther/1525.htm

(5) Luthers Schrift im Original:  http://www.zeno.org/nid/2000534736X

(6) Schriftsteller Dichter und Dramatiker Heinz R.Unger
http://www.heinz-rudolf-unger.at/

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