Gehe hin und jauche

8. Februar 2012
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cc Wikipedia, das Wappen der Familie Jauch http://de.wikipedia.org/wiki/Jauch_(Hamburg)

Über Wert und Problematik von Talkshows

Gesprächsrunden der Kategorie „Talkshow“ sind sehr populär: Der Zuschauer kann sich bisweilen mit der einen oder anderen Person identifizieren oder fühlt sich zumindest zum Teil mit seiner eigenen Meinung vertreten. Und es macht wohl auch Spaß, wenn einmal die eine oder andere Position oder Person aus Sicht des jeweiligen Zuschauers eine deutliche Abreibung erfährt. Aber sind Gesprächsrunden nicht dazu da, um im gemeinsamen Diskutieren über ein Thema den tieferen Inhalt einer Frage herauszuarbeiten? Ein gemeinsamer Prozess des Verstehens, des voneinander Lernens. Manche Moderatoren nutzen hierzu auch Fragen aus dem Publikum oder Fragen der Zuschauer, die diese per Telefon oder E-Mail einbringen. Es liegt an der Kunst des Moderierens mit all diesen Möglichkeiten eine offene und konstruktive Atmosphäre zu schaffen. Dies ist zugegebenermaßen kein Leichtes.

Die Moderation von Talkshows setzt eine gute Fähigkeit der Kommunikation voraus, ein positives Klima zu schaffen, um auch persönliche Konflikte, die der Behandlung des Themas nicht nutzen, zu vermeiden und den Blick immer wieder auf das Thema zurückzulenken. Der Moderator ist somit in der Lage, eine Gesprächsrunde inhaltlich zu lenken. Er hat damit eine nicht zu unterschätzende Macht, die öffentliche Meinung und Einstellung der Gesellschaft zu beeinflussen. Macht er seine Sache gut, zumindest im Sinne der Mehrheit der Zuschauer, dann ist er sehr geachtet. Deshalb verwundert es nicht, dass sich viele Zuschauer Günther Jauch aufgrund seiner Redegewandtheit und seines fairen Verhaltens sogar als Bundespräsidenten vorstellen könnten.(1)

Die Macht des Moderators ist zugleich sein größtes Problem.

Als Beispiel sei hier die Talkshow zum Thema “Jagt der Verfassungsschutz die Falschen?” vom 29.Januar 2012 genannt. Inhalt war die Frage der Verhältnismäßigkeit und Rechtmäßigkeit der Observation der “rechten Szene” und andererseits die Überwachung der 27 Bundestagsabgeordneten der Partei Die Linke.

Schon die Auswahl der Teilnehmer an dieser Talkshow wirft Fragen auf. Die Begründung über die Notwendigkeit des Verfassungsschutzes wurde mehr als schlecht vertreten. Es muss die Frage gestattet sein, warum Herr Jauch Herrn Peter Frisch als ehemaligen Präsidenten des Bundesamts für Verfassungsschutz einlud. Bei aller Fairness war festzustellen, dass Herr Frisch nicht in der Lage war, Sinn und Berechtigung der Tätigkeit des Verfassungsschutzes annähernd zu erklären. Kopfschütteln, Gelächter, Sprachlosigkeit des Publikums waren die Reaktion auf seine Beiträge.

Ebenso steht die Frage an Herrn Jauch, warum ausgerechnet Alexander Dobrindt (Generalsekretär der CSU) als Advokat der Überwachung der Linken eingeladen wurde. Herr Dobrindt hat sich durch seine jüngsten Äußerungen über ein mögliches Verbot der Partei „die Linke.“ in die Nesseln gesetzt. Warum wurde anstelle von Herrn Dobrindt nicht eine Person eingeladen, die mehr zu einer sachlichen Diskussion hätte beitragen können?

So blieb die Aufgabe für eine konstruktive Diskussion an Vera Lengsfeld, Heribert Prantl und Dietmar Bartsch hängen. Viele Fragen blieben denn auch durch die Schieflage der Beiträge von Herrn Frisch und Dobrindt unbeantwortet. Sie wurden teilweise auch gar nicht gestellt. Vera Lengsfeld warf die Frage auf, ob alleine der Umstand, dass eine Partei demokratisch gewählt sei, Grund zu der Annahme sei, dass diese Partei demokratische Ziele verfolge. Das Gegenteil erlebten die Deutschen mit der Machtübernahme der NSDAP durch Wahlen. Die Linke stimme in der Formulierung ihrer Ziele nicht mit dem Erhalt der freiheitlich demokratischen Grundordnung überein.

Herr Prantl und Frau Lengsfeld warfen die Frage nach der Existenzberechtigung des Verfassungsschutzes auf. Stattdessen solle Transparenz und freie Information eine Sensibilisierung der Gesellschaft schaffen: eben nicht durch Geheimhaltung von begangenem Unrecht, sondern durch Öffnung der Archive. In der Konsequenz bedeutet dies, sämtliche Archive und Dokumente über die Verbrechen der zwei Diktaturen in Deutschland der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das betrifft das Bundesarchiv, sämtliche Dokumente der Stasiverbrechen und die Veröffentlichung der “Rosenholz”-Dokumente. (2)

Dietmar Bartsch versuchte sich als Opfer der Bespitzelung. Ihm selbst sei die Frage gestellt, was er als SED Mitglied (seit 1977 !) gegen den Spitzeldienst und Terror der Stasi unternommen hat. Und hierher gehörte auch die Frage, ob nicht einige der Spitzel, die nun auf 27 Bundestagsabgeordnete der Linke angesetzt wurde, nicht ehemalige Spitzel der Stasi sind. Spiegel und BBC berichteten, dass mindestens 17.000 Angehörige der Stasimitarbeiter während der demokratischen Revolution 1989 ganz friedlich und heimlich ihren Arbeitgeber (des Westens) gewechselt haben. (2)

Herr Jauch hat mit der Auswahl der Teilnehmer – vielleicht ohne Absicht – die Diskussion der Talkshow von vornherein gelenkt. Das Diskussionsklima ließ deshalb eine gründliche Bearbeitung des Themas nicht zu und erzeugte beim Zuschauer mehr Unklarheit und Vernebelung des Problems. Eine Neuauflage dieser Diskussion mit guter Vorbereitung ist Herrn Jauch dringend zu empfehlen.

Wolfgang Theophil

(1) http://daserste.ndr.de/guentherjauch/aktuelle_sendung/gaeste2749.html

(2) Spiegel: 17000 Stasi heute http://www.spiegel.de/international/germany/0,1518,635486,00.html Warum erschien dies nur in Spiegel –englische Ausgabe ?

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