Zwischen der Zukunft leben

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Nachtrag nach dem erneuten Fiasko einer Umweltkonferenz, nun auch in Durban – von Bernhard Trautvetter.

Heute ist Kanada aus dem ohnehin schon lächerlichen Kyoto-Protokoll ausgetreten. Das Kyoto-Protokoll war – wie Kanada kritisiert – nie wirklich geeignet, die Klima-Katastrophe abzuwenden. Es war mehr ein Feigenblatt, ein Alibi, eine Beschwichtigung. Doch war es bis zu Kanadas Austritt ein letzter Hoffnungszweig, die Staaten finden vielleicht doch noch zusammen, etwas zu tun, solange die Prozesse nicht gänzlich außer Kontrolle geraten sind. Diese Hoffnung wird nun gemeinsam mit der stärker werdenden Erwartung, dass wir nichts mehr verhindern, weiterleben.

Das Sprachrohr der kapitalen Klasse, die FAZ schrieb heute (13.12.11): Die Entscheidung zeigt, dass Umweltschutz Kosten verursacht, die im Interesse von Arbeitsplätzen nicht jeder bereit ist zu tragen um so mehr, wenn wichtige Länder sich als Trittbrettfahrer Umweltschutz-abkommen entziehen. Der Regierung in Ottawa gebührt deshalb Lob. Schonungslos legt sie offen, dass der Kyoto-Kaiser gar keine Kleider anhat.“  Diese Denke prägt die einflussreichsten Entscheidungsträger weltweit, wenn man durch ihre Propagandablasen hindurch hört.

Und diese Denke offenbart, einen Tunnel-/oder Fließbandblick, den wir schon kennengelernt haben: Man sieht nur, was man sehen will. Man blendet aus, dass hier Feuer mit der eigenen Zukunft gespielt wird. Denn wenn die Folgen der Klimakatastrophe den Bereich der Kontrollierbarkeit verlassen, ist überhaupt nicht abzuschätzen, welche konkreten Auswirkungen das für welchen Teil der Erde und die Menschheit insgesamt haben wird. Die nicht nur in Kanada beobachtbare, mal mehr, mal weniger ausgeprägte Blindheit, die diesem Tunnelblick innewohnt, droht zur Vorentscheidung über das Überleben ganzer Staaten – beginnend mit den Inselstaaten – zu werden, mit unabsehbaren Folgen für die gesamte Menschheit.

Ich halte es kaum aus, wenn ich lese, was Tafue Molu Lusama von der evangelischen Kirche der Inselgruppe Tuvalu sagt: Wir werden untergehen. (waz 10. 12. 2011) – Lusama weiter: Das eindringende Salzwasser hat unsere Trinkwasser-Reserven erreicht. Zugleich erleben wirdie schlimmste Trockenheit seit Menschengedenken. – Und: Die Wissenschaftler sagen uns, dass es für eine Rettung zu spät ist.“  Lusama endet mit dem Versuch, trotzdem Mut spendenden Trost der Verzweiflung zu vermitteln: Wenn wir der Beginn des Problems sind, dann können wir hoffentlich der Anfang einer Lösung sein.

Es drohen Kriege, nicht nur um Wasser, Nahrung, Rohstoffe und Land, sondern auch eskalierende Abwehrgefechte gegen Klima Flüchtlingsströme… Ein Krieg kann heute jederzeit zum Inferno überkippen, wie jede atypische Zelle im Körper sich plötzlich in Krebs mutieren kann. Die Übergänge sind wie unmerklich, die Auswirkungen werden absolut immer ‚demokratischer‘ in dem Sinne, dass sie letztlich uns alle gleichermaßen in Mitleidenschaft ziehen können.
Nirgendwo schmelzen die Gletscher schneller als in den Anden, dem Wasserspeicher Südamerikas. In Lima, der Hauptstadt von Peru, ist die Wasserversorgung in Gefahr. Befürchtet werden erst Überschwemmungen, dann Trockenheit, Lawinen und Seuchen zuletzt ein Bürgerkrieg um Wasser. Ganz Südamerika brennt die Urwälder des Amazonas.“  (ZDF, Machtfaktor Erde, Zugriff 16. 12. 2011)

In Lima wohnen acht Millionen, wo sollen sie hin? Wo soll die Bevölkerung von Tuvalu hin? Die Europäische Flüchtlingsabwehr-Gesellschaft Frontex würde sie jedenfalls als Illegale abweisen. Wohin sollen bald vielleicht schon wir Menschen? Das Wasser auf dem Mars wird kaum reichen … Die drohende Katastrophe – und das Wort ist eine Verharmlosung –  erfolgt mit Ansage. Wir hatten schon oft solche angekündigten Tragödien, sei es in Afrika oder Bangladesh usw …

Wie die so genannte Elite der Welt verhandelt, zeigt die UNO-Klimakonferenz in Durban im November/Dezember 2011: In der erzielten Vereinbarung steht, dass das nächste Abkommen ein ‚verbindliches Instrument‘ oder ein anderes bindendes Ergebnis sein wird. Die Wortakrobatik offenbart den schwach spürbaren Willen zur Umkehr und die starken Widerstände der realen Machtverhältnisse und der sie durchsetzenden ‚Eliten‘. Der Beschluss, bald etwas zu beschließen und in ca. 9 Jahren (2020) dann aber wirklich mit der Umsetzung zu beginnen, ist Selbst-Betrug, Heuchelei und oder Ohnmacht, die man nicht eingestehen möchte, um die eigene ‚Macht‘ nicht zu gefährden.

Man hat in Durban einen Klimafonds für Klimaopfer beschlossen, der spätestens ab 2020 jährlich einhundert Mrd. $ umfasst, dessen Finanzierung aber ungeregelt ist. Die Bewertung des Durban-Ergebnisses durch die meisten Verantwortungsträger weltweit verweist darauf, dass am Schluss ein Ergebnis zustande kam, das aber in Wirklichkeit eine bittere Niederlage für die Klimaschutzpolitik ist. Greenpeace ging so weit, zu kommentieren, da wäre kein Ergebnis besser gewesen.

Der nächste Klimagipfel – dann in Katar – soll alles Weitere konkretisieren. Katar, so die Bundeszentrale für politische Bildung, hat mit den Vereinigten Arabischen Emiraten den weltweit höchsten Energieverbrauch pro Kopf. Der Zynismus, Ökologiepolitik von dort aus zu machen, erweist sich schnell als scheinheilig: Katar wird auch 2022 die Fußball-WM aushalten. Der Staat mit der Einwohnerzahl Hamburgs wird Stadien im Abstand von wenigen Kilometern benötigen – und er wird diese mit aufwendiger Kühltechnik inmitten des Wüstenklimas bespielbar halten. Dass von dort ein ökologisches Wachrütteln ausgeht, ist naiv zu erwarten. Wir werden weiter eingelullt. Katar ist ein weiteres Symbol für die Weigerung der Entscheidungsträger der Menschheit, in ökologischen Überlebensfragen etwas entscheiden zu wollen. Die Doppelzüngigkeit geht weiter, und sie hat Tradition, wie sich mit Afrikas Delegationsleiter Tosi Mpanu-Mpanu zeigen lässt.

Er sagte im Neuen Deutschland vom 23. 09. 2011 vor der Konferenz von Durban:
Die geschichtliche Verantwortung für die Erderwärmung liegt bei den Industrieländern. Deren Forderung, dass alle großen Volkswirtschaften, einschließlich einiger Entwicklungsländer, bindende Vereinbarungen schließen, ist nicht Teil der Roadmap des Klimagipfels von Bali (beschlossen 2007). Wo kommen wir hin, wenn wir uns nicht einmal daran mehr halten?“  Ja, wo kommen wir hin? Um dieser beklemmenden Frage vielleicht doch aus dem Weg gehen zu können, hilft nur, dass wir den Beschwichtigern, den Realpolitikpropagandisten und ihren Helferslakeien nichts mehr abnehmen.

Es ist nicht wahr, dass der Weg der tödlichen, der rüstungsabgesicherten Wachstumskrankheit alternativlos ist. Schauen wir z.B. nur auf die zweite Umweltkonferenz der UNO, die kurz nach dem Club-of-Rome-Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ 1974 im mexikanischen Cocoyoc stattfand. – Dort heißt es: Die Lösung dieser Probleme kann nicht den automatischen Mechanismen des Marktes überlassen werden.Unser erstes Anliegen ist die Rückbesinnung auf das letztliche Ziel von Entwicklung. Dies sollte darin bestehen, nicht Dinge zu entwickeln, sondern den Menschen. Menschliche Wesen haben Grundbedürfnisse: Nahrung, Unterkunft, Kleidung, Gesundheit, Bildung. Jedes Wachstum, das nicht zu der Erfüllung dieser Bedürfnisse führtoder, schlimmer noch, ihnen entgegenwirkt –  ist eine Verzerrung der Idee von Entwicklung. …  In diesem Prozess spielen Bildung für soziales Bewusstsein und für aktive Teilhabe eine grundlegende Rolle … Auf der Annahme einer gleichgewichtigeren internationalen Ordnung können einige Probleme der ungleichen Verteilung von Ressourcen und Raum dadurch angegangen werden, dass die industrielle Geographie der Erde gewandelt wird. Der Weg zum Erfolg liegt weder in der Verzweiflung im Angesicht der Dämmerung, noch im einfachen Optimismus des Glaubens an den technischen Fortschritt. Er liegt im umsichtigen und rückhaltlosen Zurkenntnisnehmen deräußeren Grenzendurch eine kooperative Suche, um die inneren Grenzen grundlegender Menschenrechte zu finden, indem wir soziale Strukturen aufbauen, die diese Rechte respektieren…

Dieser sehr allgemein formulierte UNO-Text zielt auf Alternativen zum sozial-ökologisch blinden Markt. Die Betonung der Rolle der Bildung erinnert an Kant, dem es in seinen Texten über die Aufklärung darum geht, dass die Menschen sich ihrer Vernunft bedienen: Der Offizier sagt: Räsoniert nicht, sondern exerziert! Der Finanzrat: Räsoniert nicht, sondern bezahlt! Der Geistliche: Räsoniert nicht, sondern glaubt!… Ich antworte: Der öffentliche Gebrauch seiner Vernunft muß jederzeit frei sein…“  (aus: Was ist Aufklärung?) Ich glaube keinem Vertreter der offiziellen Marktpolitik mehr irgendeinen schönen Satz der Umweltpolitik.

Wir müssen unbeirrt alles versuchen –  auf dem langsamen Weg der technischen Verbesserung, auf dem radikalen Weg der Durchsetzung eines Ausstiegs aus dem Atom, der Kohle, dem Öl … hin zu erneuerbaren Energien, die durch gut gebildete Menschen genutzt werden, denn nur wer die Informationen durch entsprechende Umweltbildung kennt, wird sich nicht damit abfinden, Täter und Opfer der Klimakatastrophe zu sein, er/sie wird die Beschützerrolle immer bewusster auf alle Tätigkeitsfelder ausdehnen und so glücklicher werden. Er/Sie weiß: Solange es Menschen gibt, ist Menschlichkeit die bessere Idee.

Und deswegen handeln wir ökologisch, nicht alleine um den erwünschten Erfolg zu verbuchen, sondern weil das Sinn macht, wie es einst Vaclac Havel so schön sagte.* 

*Seinen Gedanken schön finden heißt für mich auch bei ihm nicht, all sein Tun gutzuheißen: Er führte sein Land an der Seite Buschs in den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen den Irak. Auch hier gilt, wir werden den Menschen und der Welt nur dann wenigstens annähernd gerecht, wenn wir differenzieren und nicht blind folgen. So sagte auch schon Marx, er sei kein Marxist. Nur mit dieser Haltung des unabhängigen Geistes bleiben wir heute handlungsfähig in dieser verrückten Welt…

Ein Kommentar von Bernhard Trautvetter

Veröffentlichungen und Reden des Autors:

Homepage von Bernhard Trautvetter  http://www.fotolyrikart.eu/

Rede auf dem Essener Friedensforum am 19.11.2011 http://essener-friedensforum.de/19-11-11leoBT.pdf

Redebeitrag für den Ostermarsch Ruhr 2008 http://www.friedenskooperative.de/netzwerk/om08-050.htm

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