Vera Lengsfeld Bürgerrechtlerin der DDR im Gespräch mit TV-ORANGE

11. Januar 2012
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Vera Lengsfeld, Bürgerrechtlerin der DDR und heute Abgeordnete im Bundestag

In einem sehr interessanten Interview gab uns Frau Vera Lengsfeld Einblick in die jüngste Geschichte unseres ehemals geteilten Landes. Als Bürgerrechtlerin in der DDR gibt und frühere Bundestagsabgeordnete Aufschluß darüber, worin die Ursachen rechten Gedankengutes gerade in der ehemaligen DDR liegen und warum heute im Ältestenrat der Linken ein ehemaliges NSDAP-Mitglied sitzt. Als Frau, die immer auf der Seite des Menschenrechtes steht, sieht auch sie heute im vereinten Deutschland die Notwendigkeit einer demokratische Reformierung. So unterstützt sie auch den Wunsch nach Direktwahl des Bundespräsidenten durch das Volk.

TV-ORANGE: Sehr geehrte Frau Lengsfeld. 1989 ist ja fast schon als historisch, als Geschichte zu bezeichnen. Aufbau, Ausgleich zwischen West und Ost. Viel hat sich mittlerweile getan. Wie empfinden Sie heute den sozialen, gesellschaftlichen Zusammenhalt im vereinten Deutschland ?

Vera Lengsfeld: Besser, als er in den Medien beschrieben wird. Die Mauer ist gründlich verschwunden, die Mauer in den Köpfen ist eher eine Behauptung derer, die niemals die Vereinigung gewollt haben, als Realität. Die junge Generation kann nicht mal mehr in Berlin sagen, wo die Mauer verlief, welche Stadtbezirke zu Ost oder West gehörten. Das ist auch gut so.

Auf dem Gebiet der ehemaligen DDR hat es einen dramatischen Wohlstandszuwachs gegeben, der viel zu wenig gewürdigt wird. Die verbleibenden Unterschiede sind marginal. Schließlich unterscheiden sich die Lebens-, und Einkommensverhältnisse zwischen Bayern und Schleswig-Holstein auch ziemlich, ohne dass sich jemand darüber aufregt.  Es ist also eine eher künstliche Diskussion, wenn die Unterschiede zwischen Ost und West immer noch thematisiert werden.

Gern verschwiegen wird auch, dass der Osten längst über die modernere Infrastruktur verfügt. Man muss heute nach NRW fahren, um zu wissen, wie die Schlaglochpisten der DDR ausgesehen haben. Es wird Zeit, den Solidarpakt auf neue Füße zu stellen. Das Geld muss nicht mehr nach Himmelsrichtung, sondern nach Bedürftigkeit verteilt werden.

 

TV-ORANGE: Die Bürgerrechtsbewegung der DDR,  die riesigen, friedlichen Demonstrationen – all das verbinden wir heute mit dem modernen demokratischen Deutschland. Aber diese demokratische Energie scheint im Sande verlaufen zu sein. Wo sehen sie die Fortsetzung dieser selbstbewußten Haltung der Menschen heute?

Vera Lengsfeld: In den vielen Bürgerinitiativen, Vereinen und Zusammenschlüssen, die sich um jedes nur denkbare Problem kümmern. In den sozialen Netzwerken, wo Tausende inzwischen ihre Stimme zur Geltung bringen. Ich beobachte mit Spannung, wie in Facebook zum Beispiel Anteil am politischen Geschehen genommen wird. Kürzlich gab es eine Demo vor dem Schloß Bellevue, um die Unzufriedenheit mit dem Bundespräsidenten sichtbar zu machen. Das hat es noch nie zuvor gegeben.

 

TV-ORANGE: Können sie unseren Lesern erklären, warum besonders im Osten Deutschlands, der ehemaligen DDR rechtspopulistische Gruppen soviel Zulauf haben? Die gesellschaftliche Aufklärung in der DDR hätte doch gerade das Gegenteil bewirken sollen, glauben wir einmal zumindest Herrn Krentz oder Herrn Modrow.

Vera Lengsfeld: Das hat historische Gründe. In der DDR gab es eine aktive Neonaziszene, zum Teil mit Verbindungen zur Staatsicherheit. Neonazis wurden ab 1986 eingesetzt, um Veranstaltungen der Opposition zu stören oder zu verhindern. Nicht wenige Neonazis waren Funktionärskinder, oder gingen als Offiziere oder Fallschirmjäger in die Nationale Volksarmee.

Antifaschismus war das Tarnmäntelchen der DDR, unter dem es jede Menge ehemalige Nazifunktionäre in Schlüsselstellungen gab. Um ein bezeichnendes Beispiel zu nennen: Der Philosophieprofessor Hermann Klenner, Mitglied der Akademie der Wissenschaften der DDR, heute im Ältestenrat der Linken, war Mitglied der NSDAP Breslau, in der DDR bald SED-Mitglied und mutmaßlich Stasimitarbeiter, was er natürlich bestreitet.

1989 - die demokratische Revolution in Deutschland

 

TV-ORANGE:  Wie können wir den Wert der Freiheit heute auffrischen? Welche Rolle spielt hierbei die Behörde für Stasi-Unterlagen?

Vera Lengsfeld: Die Öffnung der Stasiunterlagen war der größte Triumph der Bürgerrechtsbewegung der DDR. Aus den Akten starrt uns eine Fratze des Realsozialismus an, die beweist, dass es von diesem Regime kein menschliches Antlitz geben kann. Ich meine die Maßnahme-, und Zersetzungspläne der Stasioffiziere, die systematisch die Zerstörung von Persönlichkeiten, Berufskarrieren, Familien und Freundeskreisen betrieben haben. Die Planungen gingen in Einzelfällen bis hin zum Mord. Wer jemals mit solchen Akten zu tun hatte, wird nie vergessen, dass der höchste Wert Freiheit ist.

Es gab eine Novellierungs-Gesetz zur Entlassung ehemaliger Stasi-Mitarbeiter. Herr Gauck meinte, wenn ich ihn richtig verstehe, das seien Personen gewesen, die von der Bürgerrechtsbewegung zumindest nicht als DDR-Hardliner betrachtet wurden. Wo diese Stasimitarbeiter zu DDR-Zeiten standen, kann ich nicht beurteilen, ebenso wenig, ob es tatsächlich nötig war, sie zur Erschließung des Aktenbestandes heranzuziehen. Es war jedenfalls ein Fehler, sie fest anzustellen und ich finde ihre Versetzung richtig.

 

TV-ORANGE: Zum Bundespräsidenten. Wäre es nicht an der Zeit, jetzt, da es wohl zur Gewohnheit geworden ist, nicht mehr „Haltung“ zu wahren, wie uns das Beispiel eines angetrunkenen Herrn Schröder in der Talk-Show, oder die Plagiate von Herrn zu Guttenberg, oder die aktuelle Affäre vor Augenführen, wenigstens das Amt des Bundespräsidenten direkt vom Volk wählen zu lassen? Eine parteilose Person, die neutral und unabhängig zum Wohle des Volkes sein Amt versieht?

Vera Lengsfeld: Ich bin sehr für die Direktwahl des Bundespräsidenten. Es ist hohe Zeit, dass dieses Amt der parteipolitischen Instrumentalisierung entzogen wird.Das wird aber nur gelingen, wenn sich genügend Menschen dafür stark machen. Außerdem wird es Zeit, die verrutschten Maßstäbe wieder gerade zu rücken.

Das jämmerlichste Argument zur Verteidigung von Wulff lautet, Außenminister Fischer hätte mit Steinen auf Polizisten geschmissen, Johannes Rau die Flugbereitschaft seiner Landesbank missbraucht, da müßten die Verfehlungen von Wulff doch tolerieret  werden. Falsch!

In unserm Land wird einer Kassiererin wegen „Vorteilsnahme“ gekündigt, weil sie sich Pfandgeld von ein paar Cent angeeignet hat. Da darf man einem Bundespräsidenten die vermutliche Vorteilsnahme in Höhe von mehreren tausend Euro nicht durchgehen lassen. Die Antikorruptionsrichtlinien des Landes Niedersachsen sagen klar, dass der „böse Anschein“ zu vermeiden sei. Das muss auch für den ehemaligen Ministerpräsidenten dieses Landes gelten.

Die richtige Reaktion der CDU wäre gewesen: Wir setzen ein Zeichen gegen die Verlotterung der politischen Sitten und setzen die Maßstäbe wieder ein, die für alle gelten. „Gleichheit vor dem Gesetz, alles andere ist Knechtschaft!“(Hayek)

TV-ORANGE dankt Ihnen Frau Vera Lengsfeld für dieses aufschlußreiche Interview. Ich bin überzeugt, dass viele Menschen großes Interesse an ihren Erfahrungen und Visionen haben.

Wolfgang Theophil


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