2012 New York erlebt ein neues Hoch-Gefühl!

Das findet Michael Musto (1), Kolumnist der unabhängigen „New-York-Village-Voice“ und blickt zurück auf 2011. Nicht ohne Selbstironie beschreibt er, wie dank einer globalen Wirtschaftskrise, eine in der Luft liegenden Verzweiflung immer mehr einer neuen Zuversicht weicht. „New York macht seit 2011 wieder Spass!“ lautet seine Botschaft. Die emotionalen Mauern der Menschen fielen und die New Yorker selbst seien freundlicher und offener als zuvor. Man gäbe sich nicht mehr so elitär, man habe eine – im positiven Sinne – gravierende „Midlife-Crisis“.

Neue Lebendigkeit im Big Apple – Rebellion wie in den Sixties

Noch besser findet er, dass man abrückt von der passiven „all inclusive“ Bedienungsmentalität und diese durch eigene Aktivitäten ersetzt. Eine Basisbewegung gegen Gier und Korrupiton, gegen drastische soziale Ungerechtigkeit und Ungleichheit, Arbeitslosigkeit – und miese Pizza. Die Demonstranten stürmen gegen Finanzinstitute in der ganzen Stadt, schreibt er – und in der Verlängerung in der gesamten Welt. Das „Occupy-Wall-Street“ (OWS) Basis-Camp am Zuccotti Park bescherte der Stadt eine 60er-Jahre-Rebellion, einen Aufschrei in die Gemeinde hinein. Und das komplett mit alten Stil von damals mit Folk-Sängern, mit gesäumten Ponchos und „New-style Stars und Sternchen“, die ihren Auftritt fanden.

Die Wirtschaft sollte anders funktionieren

Wie die rechten Ultras der Tea-Party-Bewegung, vertritt auch die „Occupy-Wall-Street“ (OWS ) Ziele, die eine Veränderung der Ökonomie betreffen, kommt aber zu völlig anderen Bewertungen und Forderungen. Musto meint, sogar die New York Times habe sich Mühe gegeben, darauf hinzuweisen, dass die OWS wenigstens gegen die richtigen Leute aufbegehrt. Das würde mit den gezielten und detaillierten Forderungen deutlich, wie z.B.: „Deckelung des Lohns für Mitglieder des Kongresses“ und „Entfernung und Verhaftung aller CEOs (Vorstandsvorsitzende und Konzernchefs), die Verantwortung für die große Rezession tragen.“ Die Generation, die von den Handlungen anderer in die Hoffnungslosigkeit getrieben wurde, wollte das nicht mehr einfach so hinnehmen – auch wenn Fälle von Polizeibrutalität und Anfeindungen aus der Nachbarschaft die Empörung zu ersticken versuchten.
Man habe gehört, wie die Idioten schrieen „Get a job! – Sucht Euch Arbeit“. Dabei hätten die ganz vergessen, worum es auch bei diesem Aufstand ging: Es gebe eben kaum Jobs in den USA!

Zumindest einen Job wird es in den USA auch weiterhin geben: Den des Präsidenten

Während die Arbeitslosigkeit auf ein beinahe aussichtsloses Niveau stieg, sank Obamas Popularität noch mehr als die meisten Geldmarktfonds. Dennoch gelang es ihm, einige Triumphe durch die Blockaden des US-amerikanischen und beinahe undurchdringlichen parteipolitischen Systems zu pressen. (Anmerkung d. Red.: Die Blockadehaltung der Tea-Party-Anhänger unter den Abgeordneten lähmte politische Entscheidungen – Siehe auch bei TV-O: hier )
Ein weiteres System wurde im September beendet: „Don´t ask, Don´t tell! – Nichts fragen, nichts sagen!“, eines der dunkleren Kapitel in der Militärgeschichte der USA wurde geschlossen. US-Truppen im Irak müssen nicht mehr weiter kämpfen. Obama beordert sie nach Hause bis zum Ende des Jahres. Aber Arbeit hat er keine für sie. Und da sich der 10. Jahrestag des 11.9 näherte, wurde Osama bin Laden zu Hackfleisch verarbeitet. Diese ganze Geschichte beweist auch, dass man in Dubai nicht wirklich alles versucht hatte zu helfen, wirklich nicht. (Anm. der Red. Man erwartete die Hilfe Saudi-Arabiens bei dem Aufspüren des „Al Qaida“-Anführers Bin Laden, fühlte sich in den USA diesbzgl.nicht unterstützt )
Mitten in all diesen „Leben-und-Tod-Themen“, hatte der Präsident Zeit, seine komplette Geburtsurkunde der Weltöffentlichkeit zu zeigen. So konnte er verhindern, dass Donald Trump dies nochmal verlangt. Im Gegenzug verzichtete Obama darauf, dass Trump seine Einwanderungspapiere aus Queens vorzeigt, oder seine Mitgliedschaftsurkunde für den Männer-Haar-Club. (Anmerkung d.Red.: Der Milliardär Donald Trump, über dessen Frisuren und Haarteile gespottet wird, hat versucht, Zweifel an der legitimen Präsidentschaft Obamas zu streuen und verlangte, dass dieser der Öffentlichkeit seine Geburtsurkunde als Amerikaner vorlegt. Dies sollte vermutlich den nationalistischen Kandidaten der Tea-Party Öffentlichkeit verschaffen. Präsident in den USA darf nur werden, wer in den USA geboren ist. Mehr zu dem gesamten Streit (2) )

Die Erde dreht sich weiter –  noch schneller jedoch das Kandidaten-Karussell der Konservativen

Die Erde drehte sich indes weiter und die Republikaner waren gezwungen, aus einer Schar intoleranten Spinner Kandidaten auszuwählen, führt Musto in seinem Jahresrückblick weiter aus. Schliesslich wollen die Konservativen ins Weisse Haus einziehen. Dies wollten aber auch möglichst alles wieder rückgängig machen, was auch immer an Fortschritten in den Bürger- und Menschenrechten in den letzten drei Jahren erreicht wurde.  (Anm.: Und das gilt bis heute) Die Überbelichtete Sarah Palin entschied weise, ihre Karriere im Fernsehen fortzuführen. Eine überraschende frohe Kunde.

Michele Bachmann will Homosexualität wegbeten

Währenddessen sah die bibeltreue, erzkonservative Michele Bachmann ihre Chance auf dem Höhepunkt. (4) Gleichzeitig häufen sich Berichte, dass sie und ihr Ehemann Marcus Bachmann Menschen (in ihrer eigenen Beratungs-Klinik) aufgefordert hätten, Homosexualität wegzubeten. (Wobei man sich gleichzeitig fragte, ob der schillernde Marcus das nicht für sich selbst tun müsse…). „Wegbeten“ konnte man all diese Leute nicht, meint Musto: Herman Cain, scheinbarer Witz-Kandidat samt seines unerbittlichen 9-9-9 Steuer-Reform-Plans (mehr dazu unter (3) ), direkt daneben Mitt Romney, Rick Perry, Newt Gingrich, und all die anderen Albträume.
Cain will sich zunächst nicht so leicht von dannen schleichen, noch nicht einmal nachdem alte Verurteilungen wegen sexueller Belästigung auftauchten. (Etwa zur gleichen Zeit soll sein Manager während einer schlecht konzipierten Kampagne auch noch öffentlich geraucht haben!) Wenn auch noch Ehebruch-Anschuldigungen Cains der Presse zutreffen, gibt es doch noch Hoffnung für Obama, alles in Allem. Doch dann entschied Cain sich. Die schlechte Presse, der er vermutlich ausgesetzt sein könnte, konnte seine wunderbare Familie in Mitleidenschaft ziehen. So fiel er kurzerhand aus und zog zurück. Nicht seine wirklichen Taten, wohlgemerkt – sondern, was man ihm zuschrieb, war ausschlaggebend! Familien-Werte sind eben so verletzlich – wenn darüber berichtet wird. (Anm. d. Red: Cain stand im öffentlichen Kreuzfeuer,  wegen seines Steuerplans, sexueller Verfehlungen, und Vorwurf des Ehebruchs. Rückzug seiner Kandidatur – siehe auch: http://www.tagesschau.de/ausland/cain104.html)

Für fremde Bettgenossen gemachte Politiker…

Aber diese schrillen Hoffnungsträger waren Verhaltensikonen im Vergleich zum einem Jahr, in dem sich die Politik der Affairen aufrichtig abmühte, sich selbst zu zerstören – dank des pausenlosen Telefonhackens von Rupert Murdoch erfuhren wir davon. Cains angebliche Mätzchen waren neben denjenigen von Arnold Schwarzenegger blass, der vor 14 Jahren ein Kind mit seiner heissen Haushälterin zeugte. In dem Moment, in dem diese Nachrichten herauströpfelten, sagte Maria Shriver: „Hasta la vista, Baby!“ Arnies Sohn, Patrick änderte seinen Namen in Patrick Shriver…

2011 – Gut für New York – aber auch ein gutes Jahr für Klatsch und Tratsch.

Kommentare und Übersetzungen
von Hans-Udo Sattler

In Anlehung an den Artikel „Musto Occupies 2011 : http://www.villagevoice.com/2011-12-28/news/musto-dress-up-occupies-2011/

(1) Herr Musto schreibt seit 25Jahren in Village Voice. Hier eine kurze filmische Selbstdarstellung des homosexuellen Autors http://stylelikeu.com/closets/michael-musto/

Und hier eine Biographie: http://en.wikipedia.org/wiki/Michael_Musto

(2) Zum Thema Trump, Obama und die Geburtsurkunde, Artikel der Welt-Online: http://www.welt.de/politik/ausland/article13282925/Trump-spinnt-die-naechste-Verschwoerungstheorie.html)

(3) Zum Thema Cain: 9-9-9 Steuer Plan von Herman Cain, ehemaliger CEO der „Godfather of Pizza -Kette“ Artikel dazu hier: http://www.usatoday.com/money/perfi/taxes/story/2011-10-10/herman-cain-9-9-9-tax-plan/50723976/1)

(4) Mehr über Michele Bachmann in den Artikeln auf TV-O hier:  http://www.tv-orange.de/?s=Michele+Bachmann

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