Die inszenierte Wirklichkeit

Eine Studie der Universität Freiburg geht davon aus, dass Kinder zwischen 10 und 13 Jahren etwa 100 Minuten pro Tag Fernsehen schauen. Jugendärzte sehen darin einen Zusammenhang zu Hyperaktivität und Bewegungsfaulheit. Erwachsene dürften im Schnitt pro Tag mindestens die doppelte Zeit am TV verbringen.  Medienpädagogen sind der Auffassung, dass Fernsehen in einer Kommunikationsgesellschaft dem Erwerb sozialer Intelligenz diene. Angenommen, die vereinzelte Wahrnehmung am TV, könne auf sozial belehrend sein, so stellt sich zumindest die Frage nach dem Stoff, der über den Äther und das Kabel zu den Kunden gelangt. Selbst die Bild Zeitung sieht sich veranlasst, aufzuzeigen, dass diese “TV-Realität” größtenteils keine Wirklichkeit ist.

So berichtet die Bild: Bei „Bauer sucht Frau“ stinkt’s zum Himmel ! …Bis zu 9 Millionen TV-Zuschauer haben vielleicht an die wahre Liebe bei „Bauer sucht Frau“ geglaubt. Gestern enthüllte BILD dann die Knebel-Verträge der Frauen….Das ist kein Bauer, der macht halt Kutschenfahrten…Mir wurde Tränenflüssigkeit ins Auge gespritzt…Mein Bauer ist eigentlich Busfahrer…Eine Redakteurin übte sogar das Flirten mit mir. Sie sagte Sprüche vor – und die mussten wir dann zum Bauern sagen. So wie: ‚Du hast schöne Augen …‘” (1/2)

Nun ja, diese Heimatidylle dürfte ja noch von einem Großteil durchschaut werden. Aber dann kommt es doch noch viel dicker. Erstaunlicherweise klärt auch hier wieder BILD über die Praktiken von RTL auf. BILD weist nach, wie RTL in der Serie “Mietprellern auf der Spur” fälscht. Mit der Folge, dass Die Medienaufsicht eine Folge der RTL-Reihe „Mietprellern auf der Spur“ beanstandet hat. In der Folge der Sendung vom 4. Juli sei das Fernsehmaterial nachträglich verfälschend bearbeitet worden, befand die Kommission für Zulassung und Aufsicht der Medienanstalten (ZAK) in München. (3)

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YouTube Direkt  http://www.youtube.com/watch?v=45E_2fzt_90&feature=related

Die Anzahl solcher “Reality-Shows” im Fernsehen ist groß. Mit Tricks und Lügen wird beim Zuschauer eine Wahrnehmung über soziale Verhältnisse erzeugt, die letztlich dazu führt, dass das Verständnis in der Gesellschaft für wirklich ernsthaft vom Schicksalsschlag getroffene Menschen untergraben wird. Man nennt diesen Effekt Entsolidarisierung.

Dies ist ein Instrument, um in den Köpfen der Menschen Stigmatisierung von Minderheiten einzupflanzen. Statt sozialer Hilfe und Beistand erhebt sich  dann der “Zeigefinger auf die Faulen”. Und in der Folge dieser Seelenmanipulation folgt die schamhafte Verbergung eigener Nachteile. “Man will ja nicht selbst ausgegrenzt sein”. Es muß schon ernsthaft hinterfragt werden, warum solche manipulierte Wirklichkeit eigentlich erlaubt ist. Ist alles erlaubt, was der Unterhaltung und Ablenkung dient, oder sollte irgendwo doch eine Grenze sein?

Es gibt massenhaft Beispiele, wie Wirklichkeit vermittelt wird, die gar keine ist. So z.B. Vox: “Mieten, kaufen, wohnen” Viele Zuschauer halten dies für Realität. Akteure dieser Sendung versicherten mir:”Nein das ist alles nur Schau. Wir erhalten hierdurch unter anderem auch Publicity…” Und vielleicht doch noch ein bisserl mehr ?

Die Dokumentation auf NDR: mms://ndr.wmod.llnwd.net/a3715/d1/msmedia/2011/0708/TV-20110708-1953-5301.wm.hi.wmv

Medienjournalist Fritz Wolf erklärt zu “Mieten, kaufen, wohnen” gegenüber dem NDR : „Die haben zum Teil angefangen mit ganz realen Geschichten, mit realen Menschen in realen Wohnungen oder an realen Schauplätzen. Bis sich dann herausgestellt hat, dass da das Potenzial nur sehr begrenzt ist und man muss ein bisschen zusetzen. Man muss ein bisschen dramatisieren, man muss ein bisschen zuspitzen. Und dazu reicht das Vorgefundene nicht mehr und man muss etwas Erfinden.“(5)

Das Fernsehen ist mittlerweile die erste Informations- aber auch einseitige Kommunikationsquelle der Bevölkerung. Sie ist einseitig, weil Wirklichkeit frisiert oder falsch widergegeben wird, und sie ist auch einseitig, weil der Zuschauer keine Möglichkeit besitzt, seine Reaktion unmittelbar einzubringen. Diese TV-Wirklichkeit steuert unser Bewusstsein. Sie “verhilft” die absolute Atomkatastrophe Fukushima in den Hintergrund rücken zu lassen, sie verhilft ein Gefühl der Verunsicherung, des Mißtrauens und der sozialen Kälte zu vermitteln.

Natürlich bietet Fernsehen auch viel Positives. Und man könnte dies eigentlich noch weiter verbessern, wenn eine öffentliche Diskussion darüber stattfinden würde mit dem Ergebnis, die TV-Anstalten transparent und demokratisch umzugestalten. Die sozialen Netzwerke wie Facebook sind ein Beispiel, wie Leser zu Schreibern werden, wie Kommunikation beidseitig und lebendig wird.

Wolfgang Theophil

(1) http://www.bild.de/unterhaltung/tv/bauer-sucht-frau/bauer-sucht-frau-20707972.bild.html

(2) Knebelverträge http://www.bild.de/unterhaltung/tv/bauer-sucht-frau/knebelvertraege-fuer-kandidatinnen-20683584.bild.html

(3) http://www.bild.de/unterhaltung/tv/vera-int-veen/rtl-sendung-mietprellern-auf-der-spur-von-medienaufsicht-beanstandet-20534608.bild.html

(4) http://www.vox.de/cms/sendungen/mieten-kaufen-wohnen.html

(5) http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/zapp/film_fernsehen_radio/luegenfernsehen129.html

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