Finanzkrise 1929 Dichtung und Wahrheit

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Im Jahr 1930 erschien in der „Weltbühne“ (1/2) ein Gedicht, das dem linksliberalen deutschen Schriftsteller und Journalisten Kurt Tucholsky fälschlicherweise zugeordnet wird. Dieser Umstand tut dem Gehalt dieses Gedichtes aber keinen Abbruch. Es bestätigt nur, dass unser Land zu allen Zeiten noch viel mehr Dichter und Denker hervorbrachte und hervorbringt, die in der Öffentlichkeit nicht mit Lorbeeren versehen werden. Und es weist darauf hin, dass in vielen, ja vielleicht in jedem Bürger eine Kreativität schlummert, die es zu wecken gilt.

 

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Ein unbekannter Dichter © Wolfgang Theophil

Wenn die Börsenkurse fallen, regt sich Kummer fast bei allen,
aber manche blühen auf: Ihr Rezept heißt Leerverkauf.

Keck verhökern diese Knaben Dinge, die sie gar nicht haben,
treten selbst den Absturz los, den sie brauchen – echt famos!

Leichter noch bei solchen Taten tun sie sich mit Derivaten:
Wenn Papier den Wert frisiert, wird die Wirkung potenziert.

Wenn in Folge Banken krachen, haben Sparer nichts zu lachen,
und die Hypothek aufs Haus heißt, Bewohner müssen raus.

Trifft’s hingegen große Banken, kommt die ganze Welt ins Wanken –
auch die Spekulantenbrut zittert jetzt um Hab und Gut!

 

 

Der unbekannte Zuhörer © Wolfgang Theophil

Soll man das System gefährden? Da muß eingeschritten werden:
Der Gewinn, der bleibt privat, die Verluste kauft der Staat.

Dazu braucht der Staat Kredite, und das bringt erneut Profite,
hat man doch in jenem Land die Regierung in der Hand.

Für die Zechen dieser Frechen hat der Kleine Mann zu blechen
und – das ist das Feine ja – nicht nur in Amerika!

Und wenn Kurse wieder steigen, fängt von vorne an der Reigen –
ist halt Umverteilung pur, stets in eine Richtung nur.

Aber sollten sich die Massen das mal nimmer bieten lassen,
ist der Ausweg längst bedacht: Dann wird bißchen Krieg gemacht.

 

Wolfgang Theophil

 

 

(1) Weltbühne auf  Wikipedia http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Weltb%C3%BChne

(2) Die Weltbühne „Sprache ist eine Waffe, haltet sie scharf“ Kurt Tucholsky
http://www.dieweltbuehne.de/

 

 

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