Das Märchen vom Unheil der starken Währung

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Gastkommentar von Ramin Peymani:  Die Krise spitzt sich weiter zu und die Diskussion um die Zukunft der Euro-Zone nimmt wieder Fahrt auf. Nun hat das Bundesverfassungsgericht heute zwar die Klage der Euro-Gegner abgewiesen, dem Parlament aber mehr Mitsprache an künftigen Entscheidungen eingeräumt, um im Vorfeld neuer Hilfszusagen eingebunden zu werden, anstatt sie anschließend lediglich abzunicken. Dies ist eine gute Gelegenheit, um etwas Grundsätzliches festzuhalten, denn es wird Zeit, einmal mit dem Unfug aufzuräumen, den weite Teile der Politik, Bankökonomen und Wirtschaftsjournalisten verbreiten. Die beiden Ersteren aus Eigeninteresse, Letztere aus Unkenntnis. Es geht um das Mantra vom Nutzen des Euro und von der Gefahr einer starken Währung.

Wir sehen derzeit in der Schweiz, wie erdrückend die scheinbare Last einer starken Währung für die eigene Volkswirtschaft eingestuft wird. Die Schweizer Nationalbank sah sich nun gar gezwungen, zu verkünden, dass ein Wechselkurs von unter 1,20 zum Euro künftig nicht mehr toleriert und durch Interventionen am Devisenmarkt (sprich Fremdwährungskäufe in Milliardenhöhe) unterbunden werden wird, damit der Franken sich abschwächt. Man wird sehen, ob und wie sehr dies von Erfolg gekrönt sein kann. Die Maßnahme scheint für das Credo der Euro-Prediger zu sprechen, die vor einem Austritt aus der Euro-Zone und einer Rückkehr zur nationalen Währung warnen. Doch so einfach ist das nicht und es ist schon sinnvoll, die Dinge etwas differenzierter zu betrachten.

Warum stemmt sich die Schweiz gegen einen starken Franken? Es ist die große Sorge vor einer sinkenden internationalen Wettbewerbsfähigkeit. Ein starker Franken bedeutet im Umkehrschluss, dass ein Schweizer Produkt z.B. in Deutschland zu einem höheren Euro-Kurs angeboten werden müsste, um die bisherige Gewinnspanne für das Unternehmen beizubehalten. Oder das Schweizer Unternehmen muss mit dem Preis runtergehen und verdient weniger. So weit die Theorie. Für viele „Fachleute“ überraschend hat der erstarkte Franken aber in den letzten Monaten in der Schweiz nicht zu dem theoretisch zwangsläufigen volkswirtschaftlichen Effekt geführt. Der Exportertrag der Schweiz war zwar rückläufig, im gleichen Maße jedoch auch der Import. Und das ist der Teil der Gleichung, den die interessengesteuerten Meinungsmacher gerne ausblenden: mit der starken eigenen Währung sinkt die (importierte) Inflation – Unternehmen können Vorprodukte und Energie günstiger einkaufen.

Eine weitere Dimension der starken Währung wird uns derzeit im Meinungsfernsehen von ARD, ZDF und RTL vor Augen geführt: die scheinbare Dramatik für die heimischen Unternehmen illustrieren die Nachrichtensender fast täglich aufs Neue, indem sie ganze Heerscharen von Schweizern zeigen, die den Vorteil nutzen, im Grenzgebiet zu Deutschland zu wohnen und bei uns günstig einzukaufen. Die TV-Bilder sollen hierzulande ganz bewusst den Eindruck erwecken, als fahre die gesamte Schweiz zum Einkaufen nur noch ins Ausland und als stünden die großen Schweizer Lebensmittelkonzerne vor dem Aus, wenn nicht schnelle Rettung naht. Dass es dabei nur um Umsätze im Promillebereich geht, wird natürlich verschwiegen.

Um die Gründe zu verstehen, muss man sich nur die Frage stellen, wer außer den Herstellern von Waren und Dienstleistungen am Export verdient. Es sind natürlich vor allem die Banken, die sich mit Beratungsdienstleistungen, Garantien, Avalen, Sicherungsgeschäften und Finanztransaktionen ihren Teil am Kuchen abschneiden. Von dort, von den Chefvolkswirten der Banken, kommen denn auch die immer wiederkehrenden Mahnungen, der Export dürfe um keinen Preis gefährdet werden – sekundiert von ahnungslosen Politikern und verängstigten Unternehmern, die sich vor der Strafe des (von den Banken gesteuerten) Kapitalmarktes fürchten. So hat sich über Jahrzehnte aufgrund der sich selbst erfüllenden Prophezeiung durch die Macht der Banken heute ein scheinbares Standardfachwissen etabliert, das eine unbeeinflussbare Korrelation zwischen dem hohen Außenwert einer Währung und einem einbrechenden Export herstellt. Nur wenige unabhängige Ökonomen wagen den Widerspruch, doch angesichts der Dauerbeschallung durch die Interessenvertreter finden sie kaum Gehör.

Das eigentliche Problem ist nicht eine starke eigene Währung, sondern eine zu geringe Produktivität der Unternehmen. Dies ist auch der Hauptgrund für die aktuelle Sorge der Schweizer Nationalbank. Die Produktivität der Schweizer Firmen ist im internationalen Vergleich bestenfalls mittelmäßig. Man misst sie in der Wertschöpfung pro Mitarbeiter. Eine starke Eigenwährung, die Exporte verteuert, zwingt Unternehmen, ihre Produktivität zu steigern. Aufgrund ihres „Inseldaseins“ konnten sich die Schweizer über einen langen Zeitraum hohe Löhne und hohe Preise leisten. Die enorme Kaufkraft, die daraus folgt, ermöglicht es ausländischen Unternehmen, für ihre Lieferungen in die Schweiz hohe Preise zu verlangen. Die hohen Importpreise, zusammen mit dem hohen Lohnniveau, sind also das eigentliche Schweizer Problem.

In Deutschland haben die Unternehmen ihre Produktivität um die Jahrtausendwende vor allem durch politische Reformen enorm verbessert. Sie konnten dadurch ihre Arbeitskosten erheblich senken und Konzernstrukturen optimieren oder Produktionsstätten in Billiglohnländer verlagern. Seither hat man sich allerdings vielerorts auf den Lorbeeren ausgeruht und Optimierungen von Arbeitsabläufen oder die Nutzung effizienterer Herstellungsverfahren zu wenig forciert. Zwar steht man im internationalen Vergleich immer noch sehr gut da – weit besser als etwa die Schweiz – doch wissen die deutschen Konzernlenker, dass die Bequemlichkeit des zurückliegenden Jahrzehnts nun allmählich ihren Preis fordert. Die Arbeitsproduktivität der deutschen Großunternehmen, weit überwiegend international operierende Industriekonzerne, ist in den letzten zehn Jahren deutlich geringer gestiegen als deren Gewinnwachstum.

Wenn also heute die wenigen Wissenschaftler angegriffen werden, die einen Austritt Deutschlands aus der Währungsunion in die Diskussion einbringen, liegt das nicht nur am aufdringlich artikulierten Willen der Politik zur europäischen Integration. Es geht für Industrie und Banken in allererster Linie um Wirtschaftsinteressen und um das Bewahren des eigenen bequemen Status Quo. Interessierte sollten sich daher einmal die Zahlen aus den Zeiten der starken DM ins Gedächtnis rufen. Hohe, fortlaufend ansteigende Exportüberschüsse und eine beherrschbare (ganz anders als heute ehrlich gemessene) Arbeitslosenquote, begleiteten uns über weite Strecken des Schlussdrittels des letzten Jahrhunderts. Ist uns dies schlecht bekommen? Ganz sicher nicht.

Der Austritt Deutschlands aus dem Euro darf kein Tabu mehr sein. Es gibt viele gute Gründe anzunehmen, dass dies ein Teil der Lösung einer Krise sein kann, die sich mit den derzeitigen Maßnahmen täglich weiter verschärft.

Gastkommentar  von   © Ramin Peymani

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