Containern ist nicht illegal oder: Gerichte sind zum Essen da

Wer noch gut genießbare Lebensmittel aus Müllcontainer der Supermärkte fischt handelt oft aus Überzeugung. Kann das illegal sein?

containern-Doeblin

Döblin. Der Prozess wegen angeblichen „Diebstahls“ von weggeworfenen Lebensmitteln wurde am Mittwoch, den 21.09.im Amtsgericht Döbeln wieder neu aufgerollt. Was bisher geschah: Christof N. (25) und Frederik V. (33) waren in der Nacht zum 13.April 2010 auf dem Parkplatz eines Supermarktes in eine Polizeikontrolle geraten. Sie führten abgelaufene Lebensmittel in einem Anhänger mit sich.

Später erreichten sie Strafbefehle über 10 bzw. 20 Tagessätze wegen Diebstahls, obwohl der Discounter selbst auf einen Strafantrag verzichtet und auch sonst niemand geklagt hatte.

Die Staatsanwaltschaft wollte wohl erstmalig ein Exempel in Sachen „Mülltauchen“ statuieren und sah ein „besonderes öffentliches Interesse“ in diesem Fall. Bisher vergleichbare Fälle waren bisher wegen des „geringen oder nicht vorhandenen Warenwertes“ immer eingestellt worden. Container-Aktivisten nehmen abgelaufene, aber noch gut erhaltene und oft auch noch eingeschweißte Lebensmitteln aus den Müllcontainern hinter Supermärkten.

Als „besonders schwer“ bewertete die Chemnitzer Staatsanwaltschaft diesen Fall, weil die Angeklagten über einen Zaun geklettert sein sollen, um an das Essen zu gelangen.

Im Oktober 2010 wurde das Verfahren wieder aufgenommen und von Protestaktionen von Containeraktivisten begleitet. Frederik V. ging auf das Einstellungsangebot der Richterin „aus pragmatischen Gründen“ ein.

Der studierte Molekularbiologe hatte keine Lust mehr, noch Zeit in diesen für ihn „lächerlichen Prozess“ zu verschwenden und leistete deshalb die 10 Arbeitsstunden in einer gemeinnützigen Organisation seiner Wahl ab. Christof N. kämpfte weiter. Der überzeugte Mülltaucher verteidigte sich, wie auch letztes Jahr selber und versuchte, in dem Verfahren auch auf die politische Komponente der vorgeworfenen Tat und der Strafverfolgung einzugehen. Wer Containern geht, ist nicht unbedingt bedürftig sondern handelt meist aus weltanschaulichen Gründen. Es geht dann um Schadenbegrenzung in einer Überflussgesellschaft, in der ein Drittel bis die Hälfte der aufwändig produzierten und ebenso aufwändig verpackten Lebensmittel nach langen Transporten letztendlich wieder in der Tonne landen. Lebensmittel, deren Verpackung manchmal nur geringfügig beschädigt ist oder die weggeschmissen werden, um die Marktpreise stabil zu halten.

„Angesichts zunehmender Ressourcenknappheit, Klimawandel und Flächenverbrauch durch Landwirtschaft sollte das besondere öffentliche Interesse eigentlich darin liegen, diesen Missstand zu beseitigen!“, so der Angeklagte. „Stattdessen wird von staatlicher Seite alles getan, um Menschen zu bestrafen, die versuchen, ihren Teil gegen diesen verschwenderischen Umgang mit Ressourcen beizutragen, indem sie sich bewusst dafür entscheiden, soweit möglich, keine weitere Nachfrage innerhalb dieses Systems zu schaffen.“

Gegen Lebensmittelvernichtung – TellerStattTonne -TasteTheWaste

Aktivisten hatten sich wie schon letztes Jahr in der Döbliner Innenstadt, die mit Flugblättern und Transparenten auf den folgenden Prozess aufmerksam gemacht. Freispruch „aus tatsächlichen Gründen“ bedeutet, dass dem Angeklagten nicht nachgewiesen werden konnte, dass die Lebensmittel wirklich aus den Marktkauf-Containern stammten. Nach Meinung von Christof N. ging es Richter Ehrlich darum, möglichst schnell den Prozess zu beenden ohne sich weiter mit dem Thema Containern, das juristisch in eine Grauzone fällt, auseinandersetzen zu müssen. „Lieber wäre mir gewesen, wenn das Gericht festgestellt hätte, dass die Lebensmittel aus dem Container stammten, es sich beim Containern aber um eine nicht strafbare Handlung handelt“, sagt Christof N.

Wer sich weiter informieren möchte: Seit Anfang September läuft der Film „Taste the Waste“ in deutschen Kinos, der sich mitdem Thema „Lebensmittelverschwendung“ auseinandersetzt. Unter dem Motto „Teller statt Tonne“ werden bundesweit Aktionstage gegen Lebensmittelverschwendung und für eine nachhaltigere lebensweise stattfinden.

von Sigrid Lehmann-Wacker

 

 

Weiterführende Informationen:

http://deu.anarchopedia.org/Projekte:Lebensmittelvernichtung_stoppen

http://www.tastethewaste.com/

Taste The Waste Film in den Kinos ab September 2011:

Hier finden sie die Kinotermine bundesweit:

http://tastethewaste.com/article/20110804-ALLE-KINOTERMINE-IM-BERBLICK-

eingebunden mit Embedded Video

vimeo Direkt

 

1 comment for “Containern ist nicht illegal oder: Gerichte sind zum Essen da

  1. Hans-Udo Sattler
    25. September 2011 at 23:10

    Wie leere Flaschen Deutschen helfen, um über die Runden zu kommen

    http://www.dw-world.de/dw/article/0,,15408472,00.html

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