Wer sind die geistigen Brandstifter, was sind die Ursachen blutiger Exzesse – Norwegen, Juli 2011 und anderswo

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Nach zwei Wochen verschwindet die grauenvolle Tat in Norwegen allmählich aus den Schlagzeilen. Das ist leider normal in unserer Zeit! Jeden Tag erreichen uns neue Hiobsbotschaften, positive Nachrichten sind in der Minderzahl. Aber dieses Vergessen wird auch dadurch befördert, wenn weder Tiefe noch Ursachen dieser Untaten ausreichend herausgearbeitet werden. Die meisten Kommentare und Erklärungsversuche sind oberflächlich und viele politische Statements sind peinlich unpassend.

Reduzieren die Einen das Problem auf die Frage der staatlichen Sicherheit – „warum kam die Polizei zu spät…?“ – instrumentalisieren Andere dies für Reklame ihrer Parteipolitik: „Schlag gegen die Sozialdemokratie“ (SPD) oder „Anschlag gegen die Arbeiterjugend“ (linke Presse).

Doch der Schock sitzt tief. Die Frage nach dem Warum besteht weiter. Eine solche Tat, gerade in einem Land wie Norwegen, das für die skandinavische frohe Menschheitsseele bekannt ist, ist absolut nicht nachvollziehbar. Und die Menschen spüren: Solche Taten können überall passieren.  Sie sind schon passiert!  Blutige Mord-Exzesse von Schülern an Mitschülern und Lehrern in Deutschland und den USA. Haben wir das alles schon verdrängt?

Sehen wir nur Teilaspekte oder das Ganze?

Zur Betrachtung einer Tat gehört auch, die Welt des Täters zu erfassen. In Gesprächen mit Vertretern für Familienpolitik und beim Lesen eines Artikel mit Zitaten des Psychotherapeuten Schmidbauer von n-tv (1) ergeben sich wichtige Aspekte. Sie weisen darauf hin, dass der Attentäter B. keine väterliche Vorbildfigur hatte. Durch das allmähliche Verschwinden aber auch durch die Verdrängung der väterlichen Rolle sei allgemein in der Familie ein wichtiges Korrektiv verloren gegangen. Weiter wird im Fall B. festgestellt: „Das fehlende Mitleid sei typisch […] Bei den Planungen zu einer Bluttat legten die Menschen ihre Empathie ab – ihre Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Diese Empathie entwickelt sich in der Kindheit. Diese Täter kommen fast immer aus zerbrochenen Familien und hatten oft Eltern, die mit ihrem Streit so beschäftigt waren, dass sie keine Möglichkeit hatten, sich in das Kind einzufühlen. Es fehle meist an einem Vater als Vorbildfigur.“ (1)

Viele Leser empfinden solch eine Darstellung als den Versuch einer Inschutznahme und Rechtfertigung des Täters. Wie die Verteidigung durch einen Rechtsanwalt, der nur die Interessen zum Vorteil seines Klienten wahrnimmt, nicht aber die Tat in seiner Gesamtheit würdigt. Doch die Betrachtung auf der Ebene der Schuldzuweisung verstellt uns den Blick auf die Ursachen.

Allerdings fehlt bei diesen Einschätzungen der Bezug zu einem ganz wesentlichen Gesichtspunkt. Es ist die Hemmschwelle jedes Lebewesens, jedes Menschen, vor dem Auslöschen von Leben. Das Gefühl der Demut und Achtung vor dem Leben geht nicht automatisch verloren mit dem Wegfall väterlicher oder mütterlicher Rollen.

Müssen wir nicht dringend einhalten und uns die Frage nach dem Sinn des Lebens stellen?  „So, wie der Mensch bereits in seinem Inneren auf eine tiefe Lebensbejahung gestoßen ist, so muss er, wenn er diese Lebensbejahung zu Ende denkt, an den Ausgangspunkt dieser Ethik gelangen“ (2): “ Die unmittelbare Gegebenheit unseres Bewußtseins, auf die wir jedesmal wieder zurückgeleitet werden, wenn wir zu einem Verständnis unserer selbst und unserer Situation in der Welt vordringen wollen, ist: Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ (3).

Darf oder will man die Ursachen nicht sehen?

Auch in einem Artikel des Spiegel 31/2011 (4) versuchen die Autoren die subjektive Seite dieses Täters einzuschätzen. Wertvolle Hinweise aus dessen Leben werden geliefert. Aber leider wird in diesem Artikel zu schnell und zu einseitig die Verbindung zu einer faschistischen, antiislamischen Strömung in den Mittelpunkt gestellt. Die Begründung dafür wird aus dem 1500 Seiten umfassenden Brief des B. abgeleitet. Darin formuliert B. „Multikulti“ und die Einwanderung der Menschen aus fremden Ländern, mit vorwiegend muslimischer Kultur, als Ausgangspunkt seines „Auftrages“. Der aufgebaute Fremdenhass durch „geistige Brandstifter“ sei der Nährboden. So erscheinen die „geistigen Brandstifter“ als von Außen auf  den Attentäter B. einwirkende Kräfte. Aber weder wird bei B. noch bei diesen „geistigen Brandstiftern“ danach gefragt, worin der Nährboden ihres Fremdenhasses besteht.

Außer Betracht bleibt die Möglichkeit, dass nicht das Eindringen fremder Kultur die Unsicherheit verursacht, sondern dass das moralische und ethische Fundament unserer Gesellschaften schon so brüchig ist, dass diese Unsicherheit aus dem Inneren unserer Gesellschaft entstehen könnte. Eine Gesellschaft, die, wie in den 20ern, alle Werte abschafft und Jedermann, Jedefrau käuflich macht. Wir reden zwar manchmal über menschliche Werte, doch gelebt und geübt werden sie höchst selten. Weder in Familie, noch in Ausbildung, oder Schule ist hierfür Platz. Wer kennt denn noch Beispiele von vorbildlichen Persönlichkeiten, geschweige denn Politikern oder sonstigen V.I.P.s?

Ist es nicht so, dass jede Andersartigkeit und Fremde erst dann zur vermeintlichen Gefahr wird, wenn der Boden unseres Lebens unter unseren Füßen verschwindet?

Eine Angst vor „Überfremdung“ entsteht doch erst dann, wenn die Stärke der eigenen Identität verloren geht. Und diese Identität haben uns keine Fremden geraubt. Es sind ganz alleine unsere eigenen Regeln und Normen des Umganges, die uns Tag für Tag einer stabilen seelischen und moralischen Grundlage berauben.

Die dekadenten Römer versuchten auch vom moralisch und seelischen Verfall ihrer eigenen Kultur abzulenken, indem sie die Eindringlinge als Barbaren bezeichneten. Wilde Horten, die angeblich eine zivilisierte Gesellschaft überfielen. In Wirklichkeit hatte Rom selbst alle Weisheiten seiner Philosophen und alle Ideale einer „Res Publica“ gegen das blutige Schauspiel der Gladiatoren, Brot und Spiele, und allgemeiner Dekadenz eingetauscht.

Alle Statements, Artikel und mir bekannte wissenschaftliche und politische Persönlichkeiten schweigen sich im Zusammenhang mit dem Massenmord in Norwegen, den blutigen Attentaten von Schülern an Mitschülern darüber aus, dass die Ursachen der Zerstörung und Selbstzerstörung des Menschen im Inneren unserer Gesellschaft liegen. Sie verweisen auf populistische und faschistoide Strömungen als mögliche Verursachung von außen, obwohl selbst diese „Strömungen“ ihren Ausgangspunkt im Versagen unserer modernen „Zivilisation“ haben. „Das also ist des Pudels Kern“ (Nach Goethes Faust)

Ich frage mich, welche Kreise sind es, die ein Interesse haben, von des Pudels Kern abzulenken ?
Brandstifter sind nicht nur die, die eine verwirrte Gesellschaft für ihre Exzesse nutzen.
Brandstifter sind alle, welche die Voraussetzungen für Brände schaffen.

Wir sind also ALLE gefordert !

Dieser Beitrag wird demnächst fortgesetzt mit der Fragestellung „Darf man Werte nicht mehr leben?“

Wolfgang Theophil

 

(1) n-tv http://www.n-tv.de/politik/dossier/Eine-Annaeherung-an-Anders-Breivik-article3893731.html

(2) Examensarbeit von Hans-Udo Sattler: Die Bedeutung der Ethik Albert Schweitzers für die Friedenserziehung im evangelischen Religionsunterricht

(3) Albert Schweitzer, Die Ehrfurcht, Grundtexte

(4) Spiegel 31/2011 Der Terrorist und die Brandstifter http://www.spiegel.de/spiegel/print/index-2011-31.html

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