Die Euro-Lüge

Gleich 50 Großkonzerne aus Deutschland und Frankreich sahen sich in dieser Woche veranlasst, in einer ganzseitigen Anzeige in allen überregionalen Gazetten für den Euro zu werben. Der Euro sei notwendig und habe die Rolle Europas gestärkt. Er habe zu mehr Wohlstand geführt und es sei eine gute Investition in die Zukunft, wenn die kriselnden Staaten Europas nun mit vielen Milliarden Steuergeldern gerettet würden. Insbesondere führen die Manager der Konzerne ins Feld, dass der Euro heute gegenüber dem Dollar und zahlreichen anderen Währungen mehr wert sei als zu Beginn seiner Einführung. Die großformatige Werbebotschaft kann nicht ohne Widerspruch bleiben, denn schon ein kurzer Blick auf die Daten zeigt, dass die Argumentation der Wirtschaftsbosse hinkt. Auch die Tatsache, dass sich unter den 50 Unternehmen zahlreiche französische und deutsche Finanzinstitutionen befinden, lässt erahnen, was die wahre Motivation der Jubelbotschaft ist. Vor allem aber sollte man die Stärke des Euro (hier ist in aller Regel die Entwicklung zur Leitwährung US-Dollar gemeint) nicht überbewerten, denn sie entspringt in erster Linie einer Dollarschwäche.

Das Mantra der Politik und der Wirtschaft, Deutschland habe in besonderer Weise von der Euro-Einführung profitiert, ist unredliche Schönfärberei. Einerseits lässt sich dies an der Entwicklung der Exporte deutscher Unternehmen ablesen. So sind die deutschen Ausfuhren in den Euroraum, also in jene 17 Staaten, die heute den Euro als Währung führen, zwar von 235 Mrd. Euro im Jahr 1999 auf 393 Mrd. Euro im vergangenen Jahr gestiegen, doch legten die Exporte in den Rest der Welt im gleichen Zeitraum von 275 Mrd. Euro auf 566 Mrd. Euro zu. Daraus lässt sich ableiten, dass der Anteil deutscher Exporte in den Euroraum zwischen 1999 und 2010 von 46 % auf 41 % der deutschen Gesamtexporte gesunken ist – und dies, obwohl der boomende asiatische Raum von Wechselkursschwankungen geprägt ist und die dortigen Währungen gegenüber dem Euro zum Teil erheblich abgewertet, also die deutschen Exporte verteuert haben.

Die andere statistische Größe, anhand derer sich die Mär von Deutschland als Hauptbegünstigtem des Euros widerlegen lässt, ist das Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts. Hier belegt Deutschland im Zeitraum 1999 bis 2010 mit einem jährlichen Wachstum von 1,2 % nicht nur den vorletzten Platz der Euro-Länder, sondern es zeigt sich auch, dass dieses Wachstum nur noch halb so groß war wie im Jahrzehnt vor der Euro-Einführung. Besonders auffällig ist dabei, dass Länder, die den Euro nicht übernahmen, insbesondere Schweden, Großbritannien und die Schweiz, mit durchschnittlichen jährlichen Wachstumsraten zwischen 1,8 und 2,5 % Deutschland im ersten Jahrzehnt des Jahrtausends deutlich abgehängt haben.

Wenn heute die deutschen Exporterfolge gerühmt werden, so lohnt ein Blick zurück, um die wahren Ursachen zu erkennen: Die zur Jahrtausendwende stagnierende deutsche Wirtschaft wurde zunächst von der Euro-Einführung hart getroffen, weil er zu einem Kapitalabfluss in die europäische Peripherie und zu einem Rückgang der Investitionen in Kerneuropa führte. Deutsche Produkte waren zu jener Zeit ohnehin weniger wettbewerbsfähig als heute, da einerseits die Löhne in den neunziger Jahren schneller gestiegen waren als die Produktivität, andererseits der Wechselkurs, mit dem Deutschland in die Währungsunion startete (er leitete sich aus dem damals existierenden Währungskorb „Ecu“ ab),
aus Sicht von Volkswirten zu hoch war. In einem schmerzlichen Prozess, den vor allem die Arbeitnehmer über reale Lohneinbußen zu tragen hatten, senkte Deutschland wie kein anderes Land in Europa seine Lohnstückkosten. Nicht die neue Währung, der Euro, sondern die Lohnzurückhaltung der Tarifpartner und die begleitenden Arbeitsmarktreformen der damaligen rot-grünen Bundesregierung sind Hauptgrund für die deutschen Exporterfolge im zurückliegenden Jahrzehnt.

Es gehört zu den Zeichen unserer Zeit, dass Wahrheiten in aller Regel zumindest im politischen Geschäft eher als Randnotiz daherkommen. Es sei daher explizit erwähnt, dass der deutsche Mittelstand sich vehement gegen die Position der Großunternehmen stellt. Richtigerweise wird darauf verwiesen dass die Bedeutung des Euro für die heimische Wirtschaft in der Glorifizierungsanzeige deutlich überhöht dargestellt wird. Eine süffisante, aber deswegen nicht weniger richtige Anregung geben die Mittelständler gleich auch noch: Die Großunternehmen, die so heftig für den Euro werben, sollten doch ihrerseits Staatsanleihen der hoch verschuldeten europäischen Staaten kaufen, um den Euro und das Währungssystem zu stützen. Selbstverständlich werden die Großkonzerne diesen Rat aber keinesfalls befolgen. Für die Übernahme von Risiken sind ja Politik und Gesellschaft zuständig…

Ramin Peymani

Zu empfehlen ist auch die Filmreihe von “kaldewain” auf Youtube http://www.youtube.com/results?search_query=Prof+Dr+Hankel+-+Euro+L%C3%BCge&aq=f

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