Bachelor – Angst essen Seele auf

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Eine Kritik an den neuen Bachelor- und Masterstudiengängen

Die Protestbewegung, die im Herbst 2009 von Wien ihren Ausgang nahm und Europas Hochschulen aufmischte, ist hierzulande vorerst etwas ruhiger geworden. Weltweit brodelt es an den Hochschulen,ist ein neues Aufflammen der Proteste wahrscheinlich

„Wir sind die Versuchskaninchen des neuen Systems. Einige nehmen Drogen um den Druck auszuhalten“, sagt Martina, Studierende des FH-Programms Pflegewissenschaften. Kein Wunder bei der nicht enden wollenden Flut von Hausaufgaben, Referaten und Prüfungen, die ein Absolvent eines Bachelor-Studienganges leisten muss. Mit der Einführung vergleichbarer Studienstrukturen und -abschlüsse in jedem der beteiligten 46 Staaten soll der Wissenschaftsstandort Europa gestärkt werden. Ein modularer Aufbau und die Bewertung nach dem Kreditpunktesystem sind mittlerweile Standard. Beide Systeme sollen helfen, den Leistungen, die während des Studiums erbracht werden, mehr Gewicht gegenüber dem Examen einräumen. Vermutlich versprechen sich die Wissenschaftsministerien durch die Prüfungswut verbunden mit Repressionen wie erhöhten  Studiengebühren und Streichung des BAfÖGS bei nicht im vorhergesehenen Zeitrahmen erbrachte Leistung eine schnelle Entledigung von „untauglichen“ und Langzeit-Studierenden.

 

In Niedersachsen waren zu Beginn des Sommersemesters 2009 mehr als 94 Prozent aller Programme auf die neuen Studienstrukturen umgestellt. Ab dem Wintersemester 2009/2010 schließen nur noch juristische und medizinische Studiengänge mit einem Examen abschließen. Die Einführung des Bachelors hatte heftige Kontroversen in Gang gesetzt. Befürworter handeln die neuen Studiengänge als Allheilmittel für alle Probleme, die vorher die Hochschulen plagten. Gerade die Wirtschaft drängt auf neue Schwerpunkte in der Bildungsvermittlung: schnell, billig, international und berufsqualifizierend – so sieht das Ideal der Reformer aus. Kritiker sehen die Reformen als einen einschneidenden Angriff auf selbstbestimmte und kritische Bildung.

Bis zu 32 Wochenstunden müssen in einem Bachelorstudium abgesessen werden, das Nachkommen der Anwesenheitspflicht wird meistens mittels Unterschriftenlisten überprüft. Die zeitliche Belastung, die das Bachelorstudium mit sich bringt, führt dazu, dass Studierende meist keine Zeit zu mehr finden als den prüfungsrelevanten Stoff einzupauken. Selbst Seminarinhalte, die Studierende eigentlich spannend finden, werden aus Zeitdruck kaum mehr freiwillig vertieft. Vorlesungen – eigentlich eine wenig effektive Art der Wissensvermittlung – erfahren in den neuen Studiengängen eine enorme Renaissance. An den Hochschulen wird nun mit ständigem Druck, Überwachung und Restriktionen gelehrt, blind an allen modernen lernpädagogischen Erkenntnissen vorbei. Der Leistungsdruck überträgt sich wiederum auf die Studierenden, eine Ellenbogenmentalität macht sich breit. Nur die von den Noten her Besten können nach ihrem Bachelorabschluss weiter auf Master studieren, ein Bachelortitel zählt allerdings nicht viel am Markt.

Anstatt wie bisher in Diplom- und Magisterstudiengängen ein breites Fundament mit spezifischer Methodenkenntnis zu vermitteln, müssen Lehrende Module entwickeln um das Studium praktisch verwertbar zu machen. Dass dies in Fächern, die sich mit einer Kanonisierung von Studieninhalten zu Recht ohnehin schwer tun – wie die der Geistes- und Sozialwissenschaften – kontraproduktiv ist, braucht wohl nicht betont zu werden. Besonders schlimm für die Studierenden ist, dass die Lehrveranstaltungen und Prüfungen nicht wirklich zu einem inhaltlich abgeschlossenen Lernkomplex zusammengefasst worden sind. Viele Dozenten haben die alten Lehrveranstaltungen einfach in Module umbenannt und den Stoff des früheren Diplomstudiums in das viel kürzere Bachelorstudium gepresst. Die Studienbedingungen haben sich dadurch für die meisten Studierenden massiv verschlechtert. „Bulimie-Lernen“ wird das verzweifelte Pauken genannt, bei dem das hastig „angefressene“ Wissen nach der Klausur wieder aus dem Kopf gelöscht wird um Platz für neues, prüfungsrelevantes Wissen zu schaffen. Viele Studierende sind depressiv, das Klima der Konkurrenz bringt Angst und Isolation mit sich.

Dr. Karime Faris-Lewe, Leiterin der Psychosozialen Beratungsstelle (psb) der Osnabrücker Hochschulen stellte 2009 fest: „Seit zwei Jahren kommen deutlich mehr Erstsemester in die Beratung, sie stehen schon von Anfang an unter Druck.“ An der Humboldt-Universität Berlin haben engagierte Studierende erreicht, dass die Anwesenheit während der Lehrveranstaltungen nicht mehr überprüft wird. Diese Kontrolle ist eine Kann-Bestimmung, ein Beispiel dafür, dass jede Universität viel Freiraum bei der Umsetzung der Richtlinien der Politiker hat. Seit den Studierendenprotesten hat es zahlreiche Überarbeitungen und Korrekturen gegeben, um die neuen Bachelor- und Masterprogramme „studierbarer“ zu machen. Das Problem bleibt aber, dass erst einmal ein Konzept der Bildung erarbeitet werden müsste, welches sich nach neuesten lernpädagogischen Erkenntnissen ausrichtet und wieder mehr die Persönlichkeit, die Individualität und die Selbstentwicklung der Studierenden in den Vordergrund stellt. Wer sich dafür einsetzen möchte: die  Bildungsstreikbewegung ist immer noch aktiv!

Tip zum Weiterlesen:
Bernd Lederer: Die Bildung, die sie meinen… Mündiger Mensch oder nützlicher Idiot?
Verlag Pahl Rugenstein

von Sigrid Lehmann-Wacker

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