Ulrich Roski : Man darf das Alles nicht so verbissen sehn

19. Mai 2011
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Eine Homage an Ulrich Roski

(geb. 1944, verstorben 2003)

In der Mitte der 70er Jahre war er einer meiner „musikalischen Begleiter“ geworden. Es war die Zeit, während der lange Marsch durch die Institutionen bereits gestockt war, die Zeit als zuerst Willi Brandt, dann Helmut Schmidt Kanzler waren und die Zeit, in der man uns in der Schule ein kritisches Bewußtsein beizubringen bemüht war.

Der deutsche Liedermacher Ulrich Roski, geb. 1944 in Prüm in der Eifel, hatte seine größten Erfolge in den 1970er Jahren. Die Häuserfassaden, die Städte waren damals betongrau, die Telefone hatten Wählscheiben und die ersten elektronischen Taschenrechner kosteten ein Schweinegeld. In Mathematik mußte man noch mit Rechenschiebern und Logarithmentafeln fürs spätere Leben lernen. Ein Leben, das so wie geplant nicht stattfand. Genausowenig wie die gesellschafltichen Moralvorstellungen dieser Zeit zu der jungen Generation von damals passten. Einer Generation, die mit Bürokratismus, teilweise etablierten Spätsechzigern, Spießertum und universitärem Geschwafel zu kämpfen hatte und sehr widersprüchliche, höchst gegensätzliche Signale unterschiedlicher Prägung empfing. Ulrich Roski war weder Intellektueller noch Revoluzzer. Er war eher der Liedermacher, der mit seinen leicht verständlichen Texten voller Sprachwitz Begebenheiten, Alltagsirrsin und manchmal politische Machenschaften ins Lächerliche zog.

(Kleiner Tip für den gesteigerten Genuss des Lesers: Mit einem Klick auf eines der Fotos erhalten sie eine Übersicht auf Lieder und Filme von Ulrich Roski, die in Youtube hinterlegt sind.)

Anbei eine Vorrede als Zitat aus dem Jahr 1978 aus einem Life-Auftritt als Einstimmung zu seinem Titel  „Ein Lied für die Beknackten“:

Wir leben ja in einer parlamentarischen Demokratie – das bedeutet frei übersetzt: „Gleiches Unrecht für alle“ (Applaus/Lacher) und das legt die Vermutung nahe, das die Mehrheit des Volkes über ihr eigenes Wohl und Wehe befindet. (Schweigen) Nach den Erfahrungen der letzten Jahrzehnte fragt sich jedoch der mündige Bürger, ob diese Vermutung nicht doch in den Bereich der Fabel verwiesen werden muss, denn neben der großen Mehrheit, gibt es immer noch eine große Zahl einflussreicher Minderheiten, die sich bei wichtigen Entscheidungen lautstark zu Worte melden: Das sind bei uns so die Kaninchenzüchter und die Heimatvertriebenen. Aber auch die großen Industriekonzerne müssen sich von Zeit zu Zeit dagegen zur Wehr setzen, dass sie von der Allgemeinheit schamlos untergebuttert und in ihrer freien Entfaltung gehindert werden. Der Staat hat nun die Aufgabe abzuwägen, auf welcher Seite die besseren Argumente liegen. Wenn also jemand die Absicht hat, noch ein weiteres Chemiewerk an den Rhein zu setzen, dann überlegt man sich, es wird wieder so und so viel Gestank und Rauch produziert, es sterben so und so viel Fische, auf der anderen Seite haben wir wieder so und so viel mehr Waschmittel, das ist ja auch nicht zu verachten (Lacher) Man wägt dann ab, und entscheidet sich meist für das Chemiewerk, weil man so argumentiert: Was nützen uns die toten Fische, wenn wir dreckige Unterhosen haben. (Applaus/Lacher)

Im Sinne einer solchen Logik, ist das folgende Lied einer Minderheit zugeeignet, die eigentlich eine sehr starke Lobby in den Parlamenten haben müsste – „Ein Lied für die Beknackten“…

 

Musikalisch erlebte man in der Zeit Roskis größter Erfolge um 1975 eine Spannweite, die sich von „Lokomotive Breath“ von Jethro Tull, bis zu „Der Letzte Sirtaki“ von Rex Gildo erstreckte. So verwunderte es wohl kaum, dass Ulrich Roski den einen zu wenig intellektuell, den anderen zu wenig unterhaltend war. Für mich war er damals genau richtig und den Geschmack vieler anderer traf er ebenso. Er hatte sein Publikum und war sogar mit manchen seiner Songs in den Hitlisten zu finden. Es war eben ein völlig anderer Stil, eine andere, weniger düstere Art des Liedermachens als die des Franz-Josef Degenhardt und weniger revolutionär aber lebensnaher als die eines Hannes Wader. Die deutschsprachigen Liedermacher fand ich zu dieser Zeit insgesamt großartig. Die österreicher Szene – z.B. Wolfgang Ambros „Es lebe der Zentralfriedhof“ und viele andere nicht zu vergessen.

 

Mit „Des Pudels Kern“, der Geschichte eines Pilze suchenden Spaziergängers, der samt seines Vierbeiners „Tarzan“ in eine Wehrübung gerät, traf Roski den Zeitgeist und strapazierte das Zwerchfell Tausender. Er lieferte dabei ein gekonnt überzeichnetes Abbild des bundesrepublikanischen Alltags und Teil des Lebensgefühls der Zeit.

Seine Stücke waren weder politisch korrekt, noch von verbissener Ernsthaftigkeit geprägt. Seinen Wortwitz mit Heinz Erhard zu vergleichen zu wollen, ist möglicherweise nicht ganz passend, aber ich würde da schon eine gewisse Nähe sehen. Als ein Beleg dafür sei hier als Zitat eine Passage aus: „I’m A Lonesome Rider“ angeführt.

 

„Die Kuh sprang eines Tages über´n Zaun
und ging auf Tour
und lief direkt in den Mercedes
der zum Ernteeinsatz fuhr
Ich sprach damals schon gut englisch
und erklärte meinem Boss
Man die Cow is über´n Fence gejumpt
und hat dann deinen Benz gerammt
Das nahm er mir übel und er donnerte mich an
Pack your things and get away from here
you son of a gun
Ich schwang mich auf das Fahrrad
nahm nur meine Waffe mit
und fuhr ab in Richtung Westen
´s war ein fürchterlicher Ritt „

Mitte der 1970er schafften es einige seiner Lieder bis in die oberen Plätze der Hitparaden. In dieser Zeit trat er vor größerem Publikum z.B. der Hamburger Musikhalle und – seinem Wunschtraum – der Berliner Philharmonie auf. Anfang der Achtziger versucht Roski sich in vielen Rollen. Neben seinen Liedern verfasst er Bühnentexte. Eine Reihe von Sketchen und Kurzhörspielen für Hörfunk und Fernsehen – unter anderem für Diether Krebs – schreibt er. Sogar als Kinderbuchautor wird er tätig. Er experimentiert mit Keyboards, Synthesizern und elektronischen Effekten. Einige Auftritte im und fürs Fernsehen folgen, er wird für Diskussionsrunden verpflichtet.
In dieser Zeit verschwindet Ulrich Roski für viele weitgehend vom Radar. Die letzte Schallplatte, die ich von ihm habe, heisst „Die Kuh muss vom Eis“ von 1980. Von seinen zahlreichen Auftritten in den folgenden Jahren, bekommt man in der Provinz nichts mehr mit. Das Internet gab es noch nicht, überregionale Infos über ihn – Fehlanzeige. Und neuere LPs fand man damals in unseren Plattenläden keine mehr, obwohl er noch einige weitere machte („Aber Bitte nicht so laut“, „Es geht auch anders“ und „Immer in der Mitte“).

 

In seiner Biografie ist von einem vielseitigen künstlerischen Schaffen zu lesen, literarischen Ausflügen und Arbeiten für den Hörfunk, einem sehr erfolgreichen Bühnenprogramm in Berlin und vielen Gastspielen. In den Neunzigern erscheinen neue CDs, z.B. „Auf meiner Geige sitzt ein Huhn“ mit dem Duo Schobert & Black, mit dem er auch gemeinsam auftrat. Ende der Neunziger verlegt er seinen Lebensmittelpunkt dann nach Berlin, wo er im „Charlottchen“ und der „Kalkscheune“ auftritt. 1998 erkrankt Ulrich Roski an Zungenkrebs. Die Krankheit raubt ihm einen Teil seiner Ausdrucksmöglichkeiten. Er widmet sich der Bühnenarbeit und mag auch das Singen nicht lassen. Im Jahre 2002 schliesst er seinen autobiographischen Roman mit dem Titel „In vollen Zügen“ ab. Im Februar 2003 stirbt Ulrich Roski an den Folgen seiner Erkrankung.

Im Radio hört man ihn heute nicht mehr sehr häufig. Schade. Seine Lieder hätten es verdient. Und mit vielem, was er vor mehr als 30 Jahren gesagt und gesungen hat, ist er heute noch topaktuell. Nicht nur mit seinen Kalauern.

„Wenn alles auch im Eimer ist, so bleibt uns doch der Eimer!“
(Ulrich Roski, Der Eimer)

 

Etwas Neues gibt es für alle Roski Fans und solche, die es noch werden wollen: Das Buch „Man darf das alles nicht so verbissen seh´n”, das im August 2010 zusammen mit einer Werkschau CD herauskam. Mehr Infos darüber und Bestellmöglichkeiten kann man hier: http://www.ulrichroski.de/index.html finden.

Hans-Udo Sattler


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