Wut! Aber auf wen?

Eine kleine Nachwahlwutbetrachtung. In Hessen waren am 27. März Kommunalwahlen. Die Wahlbeteiligung war nicht mäßig oder gering – sie war mit 40% katastrophal niedrig.

Auf einer Wahlveranstaltung sagte ein recht betagter Kandidat „In anderen Ländern gehen die Menschen auf die Straße, um Wahlrecht zu bekommen, um mitbestimmen zu dürfen. Es wird demonstriert und gekämpft für dieses Recht, man nimmt sogar Gefahr für Leib und Leben dafür auf sich.“ Recht hat der Mann, Applaus hat er gekriegt.

Ich möchte ergänzen, dass bekanntermaßen besonders die jungen Menschen in den nordafrikanischen Ländern sich vehement für ihre demokratischen Rechte und insbesondere für freie und geheime Wahlen einsetzen. Aber Hessen ist nicht Nordafrika. Während man in den Kundenrezensionen von Amazon, die schwierigsten Abhandlungen zu 10-Euro-China-Produkten von jung und alt lesen kann, sieht man sich quer durch alle Altersschichten zu fast Zweidrittel zum Wählen nicht in der Lage. Während eifrig Bonuspunkte, Kundenkarten und Aktionen wahrgenommen werden, während man für „Deutschland sucht den Superstar“ eifrig Kandidaten wählt und ganze Medienkonzerne mit den kostenpflichtigen Anrufen reich macht, ist die Beschäftigung mit unserem Wahlsystem, den Kandidaten aus der Region zu viel verlangt. Was ist los mit den Leuten?

„Der Wahlzettel – kaum zu verstehen, wie der auszufüllen ist“ hörte ich an vielen Stellen. Aber mal ehrlich, wenn man ein neues Handy bekommt, weiß man auch nicht gleich, wie das funktioniert und muss sich jedes mal wieder in die Tiefen der Menüstrukturen einarbeiten, bis man die grundlegenden Funktionen kennt. Meist in Mikroschrift schlecht aus dem chinesischen übersetzt wird das Handbuch studiert, bis man endlich den Klingelton seiner Wahl ertönen hört. Und wenn man´s nicht hinkriegt, holt man sich den kleinen Bruder oder die Tochter. Auf jeden Fall kriegt man seinen Klingelton auf das Ding drauf. Man studiert die Spielegeln bei Aral und Rewe, um an kostenlose Musik-CDs oder verbilligte Markenmessersets zu kommen.
Nur wem man sein Steuergeld anvertraut, wen man wirtschaften lässt, wen man über die Gestaltung seines Wohnortes und Landkreises bestimmen und entscheiden lässt, darüber machen sich die meisten am liebsten nicht schlau. Das ist zu schwierig.

Drei Zettel mit Namenslisten, auf denen man sich Personen oder ganze Listen seiner Wahl
aussuchen kann, für 60% der Wahlberechtigten uninteressant oder zu schwer. Überhaupt, was heißt Kommunalwahlen eigentlich und was sind Kommunen? Ich habe mal ein paar
jüngere Leute gefragt. Die Antworten waren haarsträubend. Kommunal – scheissegal.

Aber wenn dann vor der Haustüre ein Atommüllendlager entstehen soll, wenn Windräder ein paar Meter vorm Wochenendhäuschen gebaut werden, wenn unsere weisen Vordenker E10 zu unserem neuen Lieblingstreibstoff küren, dann ist die Wut groß. Wut auf wen eigentlich? Auf das Ergebnis von Wahlen, an denen man nicht teilgenommen hat? Auf eine Clique von Entscheidern, die nur von einem Prozentsatz derer, die noch zur Wahl gehen gewählt wurden? Auf das elitäre Gehabe einer exklusiven Parallelgesellschaft, auf die man weder direkt noch durch Wahlen Einfluss nehmen kann?

Über eines könnte man nachdenken. Wenn die Wahlbeteiligung noch weiter sinkt, könnten wir genauso gut wieder die Monarchie einführen und eine Kaste Industrieller, Adliger und Landgrafen ohne Wahlen könnten Deutschland regieren. Erbrecht statt Wahlen. Dann wüssten die Untertanen wieder, wo sie hingehören und könnten sich in ihr Schicksal ergeben. Plötzlich wäre die Kirche wieder im Dorf und jeder wüsste, was seine Kommune ist und wer da das Sagen hat. Vielleicht würden nach wenigen Jahren dann auch die jungen Menschen in Deutschland unter Lebensgefahr für Wahlrecht kämpfen. Aber egal, bisweilen ist das erst mal alles Schnuppe. Die nächsten Wahlen sind ja erst in 5 Jahren und unser Landkreis ist schon atomfrei. Und manche Mandate werden auch schon vererbt.

Hans-Udo Sattler

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