Aegyptens Revolution und die zornigen Frauen

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Interview von Sigrid Lehman- Wacker mit Frau Eva Quistorp vom 18.2.2011

Frau Quistorp, der diesjährige Internationale Frauentag feiert sein 100-jähriges Bestehen. Sie regen an, ihn den Frauen, die eine entscheidende Rolle in den Befreiungskämpfen Tunesiens und Ägyptens spielten und der Frauenbewegung des Irans zu widmen.

Ja, es ist bewundernswert, was Frauenrechtsgruppen  aus drei Generationen in den letzten Jahrzehnten der autoritären bis totalitären Regimes im Iran und im Maghreb in den letzten Wochen geleistet haben. Ich finde, der Begriff „Revolution“ wird sehr naiv oder voller Projektionen verwendet. Für mich waren die Vorgänge in Nordafrika großartige gewaltfreie Massenbewegungen, bewegende Weltgeschichte. Doch schon  bei der Siegesfeier auf dem Tahrirplatz bekam die Utopie vom gewaltfreien Miteinander von Männern und Frauen, Muslimen und Kopten einen Knacks, weil Männergruppen zuströmten, die Journalistinnen aus dem Ausland und Frauen bei dem Fest sexuell belästigten und Rufe gegen Juden losliessen.

Ist es  vorstellbar, dass die Frauen in Ägypten und Tunesien wieder abgedrängt werden , wenn es um den Aufbau einer neuen Gesellschaft geht ?

Die Gefahr ist offensichtlich, so wie damals in Algerien nach dem Befreiungskampf oder nach der Revolte im Iran, die maßgeblich von Frauen mitgetragen wurde, anschließend brutal unterdrückt wurde. Die lautstarken Forderungen der Frauen nach einer friedlichen Vereinigung aller waren in Tunis und Kairo wesentlich. Das jetzt im Wahlkampf weiter durchzuhalten wird eine schwere Aufgabe. Die neue gewaltfrei kreative Opposition ist im Unterschied zu den Muslimbrüdern und der alten Elite, die gewiss beide ihre Seilschaften einbringen und Geld haben, kaum organisiert. Daher müssen wir vor allem den Frauenrechtlerinnen den alten und jungen, zur Seite stehen und ihnen zuhören, sie hier in unseren Medien zu Wort kommen lassen,wie Nawal El Saadawi,meine alte Mitstreiterin und die Frauen von Safeem, die den Wahlbetrug schon 2006 aufgedeckt haben wie Polizeigewalt und FOlter, die jungen Frauen vom 6 April und vom 25.1.die über facebook mobilisiert haben.

In dem vom Militär ernannten Komitee, das die Verfassung umschreiben soll, ist keine einzige Frau  beteiligt.

Das ist   ein Rückschritt und Warnzeichen, dass keine Frau und keine Frauenrechtlerin im Verfassugnsrat sitzt.Das kritisiert die arab women rights organisation auch scharf und fürchtet die Stärkung der Scharia und den Islam als Staatsreligion,die Frauenrechte stark einschränken wie Minderheitenrechte.Ich habe im Europäischen Parlament die Anhörung „Women for Transformation”, zu Deutsch: Frauen für den Wandel, angeregt. Die Veranstalterinnen haben diskutiert, wie die Europäische Union Frauenorganisationen vor Ort unterstützen können, um ihnen in den derzeitigen Reformdebatten auch zu der ihnen zustehenden Stimme zu verhelfen, schnell und praktisch einen Frauendialog Europa -Maghreb aufzubauen,der mafiöse Strukturen jetzt bei den neuen Geldflüssen auch verhindert.

Ägypten liegt weltweit an der Spitze, was die Verstümmelung der Genitalien von Frauen angeht. 96 % der damals 10-14 Jahre alten ägyptischen Mädchen hatten nach USAID-Angaben eine Genitalverstümmelung erlitten, auch solche aus gebildeten Kreisen.

Wir müssen wohl zum Thema Frauengesundheit, reproduktive Rechte und gegen Genitalverstümmelung schnell ein Kooperations-Projekt auf die Beine stellen, damit diese Gewalt gegen Mädchen, deren Folgen sie bis an ihr Lebensende belastet, endlich auch als ein Thema der Revolution gesehen werden, als ein elementares Thema der Menschenrechte. Es ist zu hoffen, dass das Europaparlament und die Geldgeber das nicht verpassen und diesem Thema Nawal El Sadaawi zur Beratung einladen. Arabische Ölgeldgeber, die aus Dubai und Qatar ja auch mit Millionen oder wie die Saudis mit TV-Predigern bereit stehen, werden das  kaum ändern, Ich hoffe, dass Al Jazeera diese Thema so aufgreift, dass praktische Rechtsprechung und Beratung dagegen diesen Verbrechen an Mädchen und Frauen endlich ein Ende macht.

Sie haben die ägyptische Schriftstellerin Nawal El Saadawi schon bei der UNO Weltfrauenkonferenz 1985 in Nairobi getroffen, die als Kind selbst an den Genitalien verstümmelt wurde wie fast alle Mädchen in Ägypten. Frau Saadawi kämpft seit Jahren als Autorin, promovierte Psychiaterin und UN-Beraterin für die Rechte der Frauen.

Vor einigen Tagen habe ich sie im Fernsehen auf dem Tahrirplatz wiedergesehen, wunderschoen mit ihren weissen Haaren und 86 Jahren,gestützt auf einen jungen Mann,ich war zu Tränen gerührt,sie so lebendig dabei zu sehen, doch ihr Name und ihr Lebenswerk wurden nicht genannt.Schon seit vielen jahren gibt es drei oder vier Kräfte,die nach ihrer Meinung  die unabhängige säkularen Frauenbewegungen und auch liberale Muslimas in der arabischen Welt: die neoliberal ausgerichtete Wirtschaftspolitik kombiniert mit der Subventionspolitik bei importierten Lebensmitteln. Dann der wachsende, auch von außen gesteuerte islamische Fundamentalismus und die patriarchal ausgerichteten Konsummedien wie alte Clanstrukturen und Analphabetismus plus Konsummedien.

Italien verlangte am 15.Februar zusätzlich 100 Millionen zur Abwehr tunesischer Flüchtlinge, während die EU am selben Tag nicht mehr als 17 Millionen Euro zusätzliche Hilfen für Tunesiens demokratischen Wandel versprechen konnte. Ist das nicht zynisch?

Berlusconi und sein Freund der grausame Diktator Ghaddafi lassen gruessen,der jetzt und wie schon oft  Demonstranten erschiessen und foltern lässt.Die Flüchtlinge, die kommen, brauchen kurzfristig humanitäre Hilfe.. Wir koennen nicht alle Wirtschaftsflüchtinge aufnehmen.Doch wir  müssen jetzt erst recht für eine Art ökosozialen Marshallplan für Nordafrika bzw. eine ökosoziale Mittelmeerunion mit  Grund- und Frauenrechten sorgen. Im Interesse der gewaltfreien Demokratiebewegungen und auch in unserem Interesse.Die Stabilitätspolitik mit Diktaturen wie bisher sollte vorbei sein.  Also sofort Rüstungs- und Polizeiwaffenexporte stoppen, vor allem  den Plan, Atomanlagen in Ägypten und Lybien von Areva durch Sarkozy zu verkaufen und so die Länder weiter in Schulden oder zur Atombombe zu treiben. Das Geld kann für tausende dezentrale Solaranlagen gebraucht werden und sollte viele Arbeitsplätze für Ingenieure und Ingenieurinnen, für Frauen in der Energie und Stadtsanierungspolitik schaffen…Die Milliarden des Mubarakclans von den Schweizer u.a. Konten sollten in einen Demokratie und Frauenprojekte Fonds umgeleitet werden. von Frauen des 6 April und des Rat der Weisen und ihren Mitstreitern kontrolliert werden- Wir brauchen einen nachhaltigen Tourismus für Tunesien und Ägypten, eine gute Bildungs- und Gesundheitspolitik, eine andere Wasser und Energiepolitik für den Maghreb, die die schlimmste Armut überwindet.Hilfe bei dem Aufbau einer unabhängigen Justiz und bei Therapiezentren für die Folteropfer sollten wir auch geben wie bei der Klärung von krassem Unrecht der letzten Jahre.

Ihnen geht es darum, den Frauen zu helfen, ihre Rechte durchzusetzen und die Trennung von Staat und Religion zu erhalten.

Hunderttausende, wenn nicht Millionen von Frauen sind Analphabetinnen und dürfen nicht heiraten, wen sie wollen. Das Erbrecht ist nicht gleichberechtigt. Wie sieht es mit Verhütungsmitteln, Kondomen, dem Recht auf Schwangerschaftsabbruch aus? Wollen die Frauen wirklich alle so viele Kinder bekommen, die sie dann nicht ernähren, denen sie keine Zukunftschancen und Jobs bieten können?

Wie sieht es mit Kindergärten und Frauengesundheitszenren aus in der arabischen Welt und im Magrheb? Die Frauenrechte, die wir in Europa erkämpft haben, gehören  zu einer stabilen sozialen Demokratie, zur Würde des Menschen. Sie sind aber ohne Kritik an Fundamentalismen und Sittenpolizei,  falschen Dogmen, egal welcher Religion oder Ideologien nicht zu haben und nicht ohne  weltoffene Sozialstaaten.

Warum sollen die Frauen in Ägypten, Tunesien, Libyen, der Türkei und im Iran nicht dieselben Rechte haben wie wir?

 

Ihre Frauenrechtsbewegungen sind teilweise genauso alt wie unsere und wie der internationale Frauentag,nämlich 100 Jahre!

Jetzt ist wohl Solidarität mit ihnen angebracht statt nur Feiertagsreden und von ihrer Lebenslust, ihrem Witz, ihrer Weisheit und ihrem Mut koennen wir noch ne Menge lernen.

Eva Quistorp gründete 1979 mit Petra Kelly und Joseph Beuys die Grünen und  das europäische Netzwerk „Frauen für den Frieden.“ Von 1989 bis 1994 reiste sie als Europaabgeordnete der Grünen zu Menschenrechtsgruppen in die Maghrebregion ,ist aktiv bei dem globalen Frauenfriedensnetzwerk Scheherezdae von 1991 und dem Frauensicherheitsrat und dem Unifemkomitee (heute UNWOMAN) war an der internationalen Friedenskonferenz in Alexandria 2007 beteiligt.

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