Stéphane Hessel über Tunesien und über uns

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„Stéphane Hessel (* 20. Oktober 1917 in Berlin) ist ein französischer ehemaliger Résistance-Kämpfer, Überlebender des Konzentrationslagers Buchenwald, Diplomat und Lyriker.  Er ist Sohn des Schriftstellers Franz Hessel. Hessel wurde nach dem Überleben der KZ-Haft 1946 Büroleiter des Vize-UN-Generalsekretärs Henri Laugier und 1948 Sekretär der neu geschaffenen UN-Menschenrechtskommission. 1962 gründete er in Frankreich die Vereinigung für die Ausbildung von afrikanischen und madagassischen Arbeitnehmern. Bekannt wurde Hessel in den letzten Jahren vor allem als Schriftsteller. “  Quelle http://de.wikipedia.org/wiki/St%C3%A9phane_Hessel

 

 

Stéphane Hessel: «Wacht auf! Ihr könnt mehr erreichen» schreibt im Tagesanzeiger (http://www.tagesanzeiger.ch)

 

«Wacht auf! Ihr könnt mehr erreichen»       Freitag, 21. Januar 2011

Von Luciano Ferrari und Claudia Kühner.

Unsere Demokratien seien in Schieflage, sagt Stéphane Hessel.
Er ruft die Bürger in einem Büchlein auf, sich zu empören.
Ex-Bundesrat Couchepin findet das naiv. Hessel antwortet ihm.

In Tunesien haben die Menschen sich gegen das Regime erhoben und es gestürzt. Wie beurteilen Sie, der als Diplomat in Nordafrika tätig war, die Entwicklung?
Ich bin natürlich sehr erfreut über die Ereignisse in Tunesien. Nicht nur, dass der Sturz des Regimes dort so schnell und so kraftvoll geschah. Sondern auch, weil sich die Erhebung ausbreiten könnte. Ich war im Dezember zweimal in Algerien und hatte den Eindruck, dort hätten wie in Tunesien viele der Jungen genug von einer Regierung, die nichts zustande bringt und die Polizei gegen die eigene Bevölkerung einsetzt, aber nichts tut, um die Lebensumstände der Menschen zu verbessern.

Ist das die Empörung, die Sie sich wünschen?
Na ja, die Empörung, die ich meine, ist keine revolutionäre, sondern eine, die besagt: Es könnte uns besser gehen, wenn wir uns wieder auf unsere Grundwerte besinnen, Grundwerte, die wir in Frankreich in der Résistance gegen den Nationalsozialismus entwickelt haben, in anderen Ländern wie der Tschechoslowakei haben sie sich im Widerstand gegen ein totalitäres Regime herausgebildet. Da haben sich die Menschen gegen unwürdige Zustände zur Wehr gesetzt.

Sie berufen sich in Ihrem Büchlein «Indignez-vous!» oft auf die Grundwerte. Was steht für Sie im Vordergrund?
Jene Werte, die nach dem Zweiten Weltkrieg in der UNO-Menschenrechtscharta niedergeschrieben und zu universellen Grundrechten der Menschen erklärt worden sind: Dazu gehört die Pressefreiheit, die Eindämmung der Übermacht der Finanzmärkte, eine gewisse soziale Sicherheit für alle und die Befriedigung der Grundbedürfnisse der Bevölkerung nach Ausbildung und Gesundheitsversorgung für alle.

Sind diese Errungenschaften in Europa wirklich bedroht?
Wir sind in der merkwürdigen Situation, dass wir in einer sehr viel wohlhabenderen Zeit leben als unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, unsere Regierungen aber sagen, sie hätten das Geld nicht, um diese Grundbedürfnisse zu stillen. Dagegen sollten sich die Menschen empören, das ist mein Aufruf. Die Regierungen in Europa sind nicht despotisch oder tyrannisch, aber sie sind nur scheinbar demokratisch, wenn sie unfähig sind, das zur Verfügung zu stellen, was die Bevölkerung braucht. Es geht also darum, die Würde unserer Staatswesen wiederherzustellen. Im französischen Wort «Indignez-vous!» steckt ja das Wort Würde.

Was lesen Sie aus dem Aufstand in Tunesien? Dass die Menschen nicht mehr alles mit sich machen lassen?
Genau das: Die Menschen machen ihre Rechte geltend, wollen nicht mehr nur verwaltet werden. Sie fordern vom Staat das ein, was er ihnen schuldet: Freiheit und Menschenwürde. Die Menschen wollen ernst genommen werden. Sie mischen sich ein. Das ist sehr wichtig: Eine Demokratie des Mitmachens brauchen wir überall.

Hat Sie die französische Haltung gegenüber Ben Alis Regime empört?
Meine Empörung hat grundsätzlicheren Charakter. Es ist keine direkte Attacke gegen den französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy, für den ich keine Sympathie empfinde. Mir geht es um eine Rückbesinnung auf die Menschenrechte.

Warum werden diese immer wieder in den Hintergrund gedrückt?
Die Wirtschaft beansprucht immer mehr für sich, will immer mehr verdienen und lenkt die Geldströme nach ihren Bedürfnissen. Sie hat die Übermacht über die Regierungen gewonnen. Die Politik folgt der Wirtschaft, dabei sollte es umgekehrt sein. Die Welt hat viele Revolutionen erlebt, welche die Menschen demokratiepolitisch vorwärtsgebracht haben. Im Moment aber spüren viele Menschen, dass etwas mit unseren Demokratien nicht mehr stimmt.

Empören sich die Menschen wirklich darüber, dass ihre Regierungen sich stark in den Dienst der Wirtschaftsinteressen stellen, oder kämpft nicht vielmehr jeder um sein eigenes Glück, sein persönliches Fortkommen?
Mein Büchlein kreist um den Gedanken, dass wir uns nicht nur empören sollen, weil wir mehr Lohn, mehr Freizeit möchten oder damit «etwas für die Jugend» getan wird. Das genügt nicht. Mein Aufruf basiert auch auf dem Eindruck, dass viele Bürger und gerade auch die Jugendlichen schlafen oder resigniert haben und sich sagen: Na ja, mehr kann ich nicht erreichen, ich bin zwar schon seit zwei Jahren arbeitslos, aber das gehört nun einmal dazu, ich warte ab, bis ich Arbeit bekomme. Diese Müdigkeit ganzer Gesellschaftsgruppen bewegt mich, ihnen zuzurufen: Wacht auf! Ihr könnt mehr erreichen. Ihr müsst euch aber auf gewisse Werte stützen, die in den Grundbüchern der Demokratie stehen. Wie wir es einst in der Résistance getan haben.

Sehen Sie uns denn in einer vergleichbaren Situation zu damals?
Unsere Krise ist etwas ganz Anderes als Krieg, Faschismus oder Stalinismus. Es ist aber dennoch eine grosse Krise, denn wir fahren derzeit auf mehreren Wegen gegen die Wand. Zum einen aufgrund der Dominanz der Finanzwirtschaft: Sie führt dazu, dass die Staaten die Banken retten müssen und das Geld an anderer Stelle fehlt. Die heutige Wirtschaftskrise erinnert an 1929, auch wenn sie sehr viel globalere Auswirkungen hat. Die zweite Gefahr, die es damals nicht gab, ist die ökologische. Drittens kommt der Terrorismus dazu, auf den wir noch keine gute Antwort gefunden haben. Bomben über Afghanistan oder dem Irak abzuwerfen, ist keine. Empören soll man sich gegen das Ausbleiben politischen Handelns angesichts dieser Gefahren.

Wo finden wir denn die richtigen Antworten?
In meinem Büchlein habe ich die Antworten nicht niedergeschrieben, nur die Fragen gestellt.

Woher nehmen Sie die Hoffnung, dass Ihr Appell Wirkung zeigt und sich eine Bewegung von unten, ausgehend von den Jungen, bilden könnte?
Diese Hoffnung habe ich, weil ich so lange gelebt und gesehen habe, wie grosse Krisen und Schwierigkeiten überwunden werden konnten. Dass am Anfang auch die entschlossene Aktion einer Minderheit genügt, die sich auflehnt und Widerstand leistet. Die Résistance in Frankreich wurde von einer kleinen Gruppe gebildet wie in anderen Ländern auch. Aber sie war es, die allmählich die Entwicklung bestimmte.

In Ihrem Appell beziehen Sie sich auf Jean-Paul Sartre, darauf, dass jeder verantwortlich ist für sein Handeln und deshalb auch aktiv werden muss. Ein Aufruf zu mehr Moral auch in der Politik?
Wenn sich die Politik nicht auf moralische Werte stützt, dann wird sie eine Politik der Schlauheit, populistisch. Das ist die falsche Richtung. In dieser Hinsicht habe ich den einstigen französischen Ministerpräsidenten Pierre Mendès France bewundert, der sich dafür einsetzte, dass das Volk bekam, was ihm zustand. Die heutigen Politiker reden nur so, tun aber nichts.

Empörung sehen wir allenthalben, bei den sogenannten Wutbürgern, die sich in Europa bemerkbar machen, und bei der amerikanischen Tea Party. Was unterscheidet Ihre Empörung von jener Sarah Palins?
Ich kann denen natürlich nicht sagen, sie sollen sich nicht empören. Ich sage nur, man soll sich für gewisse Werte starkmachen. Dabei berufe ich mich auf die allgemeine Erklärung der Menschenrechte, die für die ganze Welt gelten soll. Die Tea Party beruft sich auch auf Werte, sie will zum Beispiel so wenig Staat wie möglich, aber das ist natürlich das Gegenteil dessen, was ich befürworte.

Sie kritisieren die israelische Politik hart und sind darum selbst auch heftig kritisiert worden.
Die Gründung des israelischen Staates verdankt sich der UNO, Israel ist Mitglied und damit auch der UNO-Charta verpflichtet. Solange aber ein Staat die Freiheiten und Rechte, die in der Charta garantiert werden, nicht respektiert, ist er moralisch und juristisch im Unrecht. Daher mein Ärger über die Art und Weise, wie Israel sich benimmt. Die Besetzung von Gebieten ist rechtswidrig.

Man wirft Ihnen vor, sie forderten von Israel einen Modellcharakter.
Das Land soll nicht korrekter sein, sondern nur korrekt. Man kann verstehen, dass ein kleines Land wie Israel, umgeben von Millionen von Arabern, die ihm gefährlich werden könnten, sich verteidigen will. Aber was ist die beste Verteidigung? Bestimmt nicht, auf die Nachbarn einzuschlagen. Viel intelligenter wäre es, mit ihnen eine gute Beziehung aufzubauen. Will Israel in Sicherheit leben – und ich wünsche ihm das -, muss es sich an das internationale Recht halten und sich so benehmen, dass es akzeptiert wird.

Ein wichtiger Punkt für Sie ist auch die Behandlung von Minderheiten.
Das ist ein für uns alle wichtiges Problem. Die Zuwanderung wird weiter zunehmen. Auch wegen der grossen Klimaveränderungen. Europa muss sich darauf vorbereiten, diesen Immigranten einen Platz zu geben. Davon ist genug vorhanden. Man darf sie nicht einfach vorerst einmal in die Illegalität abschieben, sie ohne Papiere lassen. Und wenn es dereinst zu viele werden und wir mit unserer Aufnahmefähigkeit an Grenzen stossen, muss man mit den Herkunftsländern darüber verhandeln, was man tun kann, damit die Menschen ihre Heimat nicht mehr verlassen.

Was aber ist mit jenen, die schon hier sind, oft seit Jahrzehnten? Hier ist doch eine teilweise verlorene Jugend herangewachsen.
Bei uns in Frankreich hat man den Fehler gemacht, ihnen das Wahlrecht vorzuenthalten. Sie leben noch immer im Abseits. Man braucht eine intelligente und starke Migrations- und Integrationspolitik, in ganz Europa.

Unser früherer Innenminister Pascal Couchepin hat Ihr Buch am Radio kritisiert, gerade was die Immigration anbelangt. Er wirft Ihnen vor, keine Lösung anzubieten, Ihr Buch sei «ein Schrei der Ohnmacht eines alten Mannes».
Das ist nicht sehr höflich, aber Alt-Bundesrat Couchepin hat in gewisser Weise recht. Ich bringe, wie gesagt, nur Fragen, keine Antworten. Gleichzeitig ist seine Kritik ungerecht, weil mein Buch gar keine Antworten geben will, es erhebt vielmehr den Anspruch, dass die Werte eingelöst werden, die wir in der Vergangenheit in einer ganz schwierigen Zeit als die universal gültigen erkannt haben – und die heute verletzt werden. Das muss uns empören. Wir müssen mit allen Mitteln verlangen, dass diese Werte ernst genommen werden und dass wirklich aufgebaut wird, was darin vorgesehen ist.

Couchepin muss das als Kritik an seiner eigenen Politik empfinden.
Es ist nun einmal die Aufgabe einer guten Politik, die Würde der Menschen so zu unterstützen, dass sie sich zu guten Bürgern entwickeln können.

Sie kennen die Schweiz, waren lange bei den Vereinten Nationen in Genf stationiert. Was sagen Sie zur Rolle der Schweiz in der Welt?
Es hat mich gefreut, dass die Schweiz der UNO beigetreten ist. Sie hat ein besonders interessantes politisches System, das die Bürger beteiligt. Zu fragen wäre, ob man das auf andere Länder übertragen könnte. Die Schweiz spielt sicher eine besondere Rolle wegen ihrer langen Geschichte und ihrer alten Demokratie. Dennoch ist auch in diesem Land sicher nicht alles gut. Wenn Herr Couchepin denkt, in der Schweiz brauche es keine Empörung, dann sage ich: Vorsicht, Kritik an der Regierung ist auch hier nötig und gültig. Einwanderungsprobleme zum Beispiel gibt es auch in der Schweiz.

Gibt es ein Recht zu sagen: Wir haben die Finanzkrise wunderbar überstanden, zum Glück sind wir nicht in der EU und den anderen internationalen Organisationen?
Das finde ich natürlich eine völlig falsche Haltung. Die Schweiz muss mitmachen, sie ist ebenso betroffen von den Weltproblemen wie jedes andere Land. Alles andere wäre ein schrecklicher Egoismus. Die Schweizer dürfen nicht sagen, bei uns ist alles gut, die anderen interessieren uns nicht. Das wäre ganz im Gegensatz zu dem, was mein Freund Jean-Paul Sartre immer gefordert hat, nämlich eine verantwortungsvolle Haltung.

Es gibt allerdings auch die Auffassung: Wenn jeder für sich schaut, dann geht es allen gut.
Die gibt es in allen Ländern. Bei uns in Frankreich ist es jetzt Marine Le Pen vom Front national, die sagt, wir sollen uns um Frankreich kümmern, nicht um Europa. Aber es gibt keine nationalen Lösungen mehr. Wir sind viel zu stark voneinander abhängig. Nicht einmal die USA können an sich allein denken.

Sie sind Hegelianer und offenbar überzeugt, dass sich alles zum Besseren entwickelt.
Ich war ein Hegelianer bis zu der Zeit, als ich mit Walter Benjamin zusammentraf, der in Paris in der Emigration war. Er hatte recht, als er sagte, mit Hegel gehe es nicht so leicht, der Fortschritt der Freiheit sei bei ihm nicht garantiert. Wir müssen Hegel überwinden und weiterdenken. Das haben die Rückschritte in der Geschichte gezeigt, zum Beispiel die zurückliegenden Jahre mit US-Präsident George W. Bush und den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Wir dürfen nicht naiv sein und denken, es wird immer alles besser. Wir müssen mutig sein und sagen, es ist schwer, aber wir können etwas für bessere Verhältnisse tun.

Quelle: Tages-Anzeiger

http://www.tagesanzeiger.ch/ausland/europa/Wacht-auf-Ihr-koennt-mehr-erreichen-/story/28056504

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